11:32 04 Juli 2020
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    Die größte Gefahr für den internationalen Status der US-Währung ist die Lage in den Vereinigten Staaten selbst, warnte der frühere US-Finanzminister Henry Paulson.

    Washington müsse etwas gegen das unkontrollierte Wachstum der Staatsschulden und des Haushaltsdefizits tun, damit der Dollar seine privilegierte Position in der Welt nicht verlöre.

    Künftige Konkurrenz

    Da der Dollar die wichtigste Reservewährung der Welt ist, sind die Zinsen für in Dollar gehaltene Aktiva ziemlich niedrig. Dadurch können sich die USA ein großes Handelsdefizit mit wirtschaftlich geringen Risiken leisten, während die Liquidität ihres Finanzmarktes relativ groß ist. Zudem haben US-Banken Vorrang beim Zugang zu Geldmitteln. Allerdings ist der ehemalige Finanzminister Paulson der Auffassung, dass es „eine historische Anomalie“ sei, dass der Dollar seinen Führungsstatus so lange behalten hat.

    „Das größte Potenzial hat derzeit der Yuan. Der Umfang der chinesischen Wirtschaft, ihre Wachstumsperspektiven, ihre Integration in die Weltwirtschaft und die intensiven Bemühungen um ihre Internationalisierung verstärken die Rolle der chinesischen Währung“, unterstrich Paulson in seinem jüngsten Beitrag für die Zeitschrift „Foreign Affairs“.

    „Die Überlegenheit des Dollars wurde nur dank der Verkettung historischer Ereignisse, der geopolitischen Bedingungen nach dem Zweiten Weltkrieg, der Politik des Federal Reserve System sowie des riesigen Umfangs und der Dynamik der US-Wirtschaft möglich“, so der ehemalige Finanzminister. Er erinnerte, dass Anfang des 20. Jahrhunderts der Dollar und das britische Pfund de facto gleichberechtigte Reservewährungen gewesen seien.

    Das aktuelle „natürliche Monopol“ des Dollars scheine ein nicht wegzudenkender Teil des internationalen Geldsystems zu sein, aber mit der Zeit könnte es zu einer neuen Balance von zwei oder noch mehr internationalen Reservewährungen kommen. Dabei nannte Paulson vor allem den Yuan, aber auch Währungen wie Yen, Euro und Pfund.

    Andererseits könne man China vorerst noch nicht als Gefahr für die Stabilität der US-Währung bezeichnen, fügte Paulson hinzu. Solange das Reich der Mitte den endgültigen Übergang zur Marktwirtschaft nicht wage bzw. schaffe, komme der Yuan als echte Reservewährung nicht in Frage.

    China nicht das Problem

    Die Dominanz des Dollars ruft bei dem ehemaligen Finanzminister immer mehr Fragen hervor, insbesondere angesichts des ständig wachsenden Beitrags der Entwicklungs- bzw. Schwellenländer zum globalen BIP, während der Beitrag der USA geringer wird: 25 Prozent gegenüber nahezu 40 Prozent im Jahr 1960.

    Doch das Problem sei nicht einmal das: Die Zukunft des Dollars hänge von Washingtons Fähigkeit ab, eine Strategie zur künftigen Lösung der Probleme um seine Staatsschulden und sein strukturelles Haushaltsdefizit zu entwickeln. Und dies sei bislang nicht machbar, so Paulson.

    In Bezug auf das Wachstum der finanziellen Verbindlichkeiten sind die USA in der Amtszeit von Präsident Donald Trump zum absoluten Spitzenreiter weltweit aufgestiegen. Von den 19,9 Billionen Dollar, auf die sich die US-Staatsschulden am Ende der Amtszeit seines Vorgängers Barack Obama beliefen, sind sie mittlerweile um weitere fünf Billionen gewachsen. Und das trotz Trumps Versprechens, die Schulden binnen acht Jahren zu tilgen.

    Das Haushaltsdefizit der USA beläuft sich auf anderthalb Billionen Dollar, und nach Einschätzung der größten Banken wird sich die Differenz zwischen den staatlichen Einnahmen und Ausgaben verdreifachen und vier Billionen erreichen – das höchste Defizit seit dem Zweiten Weltkrieg. Und die Staatsschulden haben inzwischen den historischen Rekord von 25 Billionen Dollar übertroffen. Die Schulden wachsen schneller als die Wirtschaft: 2019 legte das amerikanische BIP um 2,3 Prozent auf etwa 850 Milliarden Dollar zu, während die Staatsschulden um mehr als 1,2 Billionen Dollar wuchsen.

    Experten stellen fest, dass die Situation praktisch außer Kontrolle geraten ist. Das Verhältnis der gesamten Staatsschulden zum BIP ist ihnen zufolge auf 108 Prozent gestiegen. Zum Vergleich: Noch 2006 hatte diese Zahl bei 63 Prozent gelegen. Und wenn man die korporativen, hypothekarischen sowie andere Schulden hinzunimmt, käme man sogar auf 330 Prozent vom BIP.

    Staatsschulden werden verkauft

    Dabei gibt es immer weniger Länder, die bereit sind, die in Schulden versinkende  US-Wirtschaft mit Krediten auszustatten. Die Daten des US-Finanzministeriums zeugen davon, dass im März beispiellos viele ausländische Investoren aus den US-Staatsschulden geflüchtet sind – ob private Unternehmen oder Staaten. Binnen eines Monats wurden US-Staatsanleihen für 256 Milliarden verkauft, so dass ihr gesamtes „Portefeuille“ jetzt 6,81 Billionen Dollar beträgt.

    Von den insgesamt 33 Ländern, die zu den größten Kreditgebern der US-Wirtschaft zählen, haben nur Japan (für 3,4 Milliarden Dollar), die Schweiz (für 1,3 Milliarden), Taiwan (für 4,1 Milliarden), die Philippinen (für 1,3 Milliarden) und Australien (für 1,8 Milliarden Dollar) neue US-Staatsanleihen gekauft. Die Zentralbanken der Entwicklungs- bzw. Schwellenländer verkauften dagegen ihre US-Anleihen, um ihre eigenen Währungen vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie zu unterstützen. Auch Russland hat sein Portefeuille von US-Treasuries von 12,58 Milliarden Dollar auf 3,8 Milliarden Dollar reduziert.

    Der größte Verkäufer war aber Saudi-Arabien, das US-Staatsanleihen für 25,3 Milliarden Dollar abgestoßen hat. Bei Brasilien und Indien liegen diese Zahlen bei 21,5 bzw. 21 Milliarden Dollar.

    Ein „Ausverkauf“ in dieser Größenordnung bringt Washington in die Bredouille, denn sein gigantisches Haushaltsdefizit wird vor allem durch den Verkauf von Staatsanleihen gedeckt.

    Experten zufolge wäre es ein herber Schlag für den Status des US-Dollars als Reservewährung, falls auch andere Länder ihre US-Staatsanleihen veräußern sollten. Ein solches Szenario ist zwar unwahrscheinlich, aber nicht ganz ausgeschlossen.

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    Tags:
    Reservewährung, Henry Paulson, Dollar, Yuan, US-Dollar