23:11 06 Juli 2020
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    Deutschland will Vorreiter in Sachen Wasserstoff werden – und zwar „grünem“ aus erneuerbaren Energien. Die nötigen Technologien sind da, neun Milliarden Euro sollen in den Aufbau einer entsprechenden Wirtschaft fließen. Allerdings wird wohl ein Großteil des Wasserstoffs nicht in Deutschland generiert werden.

    Deutschland will im Zuge seiner Klimapolitik bis 2050 CO2-neutral werden und zugleich aus der Atomkraft aussteigen. Für diese Ziele reicht es nicht, immer weiter Energieanlagen zuzubauen, die nicht auf den Prinzipien der Verbrennung und Kernspaltung beruhen. Denn die Energieerzeugung hängt direkt von den Wetterbedingungen ab und so müssen einerseits Erzeugungsspitzen sinnvoll genutzt werden, damit die Energie nicht einfach verpufft. Auch sollten Reserven für die Zeit angelegt werden, in der kaum Strom generiert wird. Das Zuviel an Energie muss also gespeichert werden, wozu große Batterien genauso in Erwägung gezogen werden wie auch chemische Träger.

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    Einer dieser Träger ist der Wasserstoff. Unter Strom aus erneuerbaren Quellen kann er aus Wasser gewonnen werden, wobei kein CO2 anfällt. Den so gewonnenen Wasserstoff bezeichnet man als „grünen Wasserstoff“. In Tanks kann er gelagert und für den Betrieb von Fahrzeugen, Flugzeugen, Heizungsanlagen und zur Rückverstromung sowie den Einsatz in der Chemieindustrie genutzt werden. Deutschland will die praktischen Eigenschaften dieses Gases nutzen und eine Wasserstoffwirtschaft aufbauen. Wie es dabei vorgehen will und welche Investitionen geplant sind – das wurde am Mittwoch in der „Nationalen Wasserstoffstrategie“ (NWS) vorgestellt, die eigentlich schon Ende 2019 hätte erscheinen sollen.

    Das Positionspapier sieht zunächst Investitionen in Höhe von neun Milliarden Euro in den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft vor. Bis 2030 sollen dabei Anlagen für eine Erzeugung von bis zu fünf Gigawatt Leistung entstehen. Bis 2040 soll dieser Wert sich verdoppelt. Da die nötige Energie wahrscheinlich nicht in Deutschland allein gewonnen werden kann, soll Wasserstoff aus anderen Ländern wie Marokko importiert werden, wo in der Wüste ausgezeichnete Bedingungen für Photovoltaikanlagen bestehen. Gemeinsam mit Marokko entwickelt Deutschland bereits die erste Wasserstoffanlage in Afrika.

    Gesetzgebung muss an Wasserstoff angepasst werden

    „Ich begrüße es sehr, dass mit der NWS nun endlich auch ein Aktionsplan für das weitere Vorgehen in Sachen Wasserstoff vorliegt“, kommentiert Simon Schäfer-Stradowsky, Geschäftsführer des Instituts für Klimaschutz, Energie und Mobilität (IKEM), gegenüber Sputnik. Allerdings müssen aus seiner Sicht noch einige Punkte geklärt werden: „Der Ansatz muss sich jedoch im nächsten Schritt auch in der Gesetzgebung widerspiegeln, vor allem im Energiewirtschaftsgesetz (EnWG), im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), dem Emissionshandel, in den Steuergesetzen und in Förderrichtlinien.“

    Übergangsweise sollen neben „grünem Wasserstoff“ auch „blauer“ und „türkiser“ Einsatz finden. Als blau bezeichnet man Wasserstoff, der aus fossilen Brennstoffen gewonnen wird, wobei das anfallende CO2 aber nicht in die Atmosphäre entlassen wird. Als „türkis“ bezeichnet man Wasserstoff, der aus der Spaltung von Methan gewonnen wird, wobei neben Wasserstoff fester Kohlenstoff anfällt, aber kein CO2. An einer solchen Umnutzung von Erdgas arbeiten gegenwärtig das russische Unternehmen Gazprom und das deutsche Wintershall Dea. Letztlich soll aber die deutsche Wasserstoffwirtschaft laut dem Papier vollständig grün werden.

    Schäfer-Stradowsky bemerkt dazu: „Das ist ein wichtiges Zeichen an unsere bestehenden und zukünftigen Partner im Ausland, dass CO2-neutraler Wasserstoff von Anfang ein Verfallsdatum haben wird. Um sicherzustellen, dass Pfadabhängigkeiten in diesem Bereich vermieden werden, wäre außerdem die Einführung einer grünen Unterquote sinnvoll. Damit würde eine Balance zwischen CO2-freiem und CO2-neutralem Wasserstoff sichergestellt.“

    Mit Blick auf internationale Projekte betont er: „Bei der Zusammenarbeit mit Ländern des globalen Südens ist unbedingt sicher zu stellen, dass es nicht zu nachteiligen Effekten für die betreffenden Länder kommt. Die Probleme im Bereich der Energieversorgung und der Wasserknappheit, die in der NWS benannt werden, machen deutlich, dass hier noch ein langer Weg vor uns liegt. Wir sollten uns deshalb zunächst auf den nationalen und europäischen Markt konzentrieren. Erst im letzten Schritt sollten Drittländern, wie beispielsweise Marokko, einbezogen werden.“

    Deutschland als Vorreiter – in Wasserstoffimporten?

    Der Deutsche Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verband (DWV) teilt zum Positionspapier mit: „Deutschland wird dank der NWS eine Vorreiterrolle einnehmen und sich generationenübergreifend als Zugpferd einer globalen Wasserstoff-Gesellschaft zur Defossilisierung der Weltwirtschaft etablieren können. Allerdings wird Deutschland seinen Bedarf an erneuerbarem Strom mit der heimischen Produktion nicht annähernd befriedigen können. 

    Daher wird Deutschland zukünftig auf erhebliche Mengen an Importen erneuerbarer Energien angewiesen sein. 

    Und diese Importmengen sind nur mit Wasserstoff zu bewältigen, der natürlich grün sein sollte. Dieses birgt aber auch eine enorme industrie-, energie- und geopolitische Chance, die es gilt, maximal im Interesse der deutschen Volkswirtschaft zu nutzen.“

    Die Rechnung ist laut DWV ganz einfach: Die Bundesregierung sieht 20 Gigawatt Wasserstoff-Bedarf bis 2030 vor, allerdings sollen in Deutschland nur fünf Gigawatt generiert werden. Die anderen 15 Gigawatt müssen folglich aus dem Ausland fließen. Einer Fraunhofer-Studie zufolge, die der DWV ebenfalls heranzieht, dürfte der Bedarf 2030 sogar bei 50 Gigawatt liegen. Importe aus dem Ausland sind also wesentlicher Bestandteil dieser Strategie. Allerdings glaubt der DWV auch an eine größere Leistungsfähigkeit im Inland: „Nationale Unternehmenslenker haben dem DWV vielfach zugesichert, dass bis 2030 mindestens 20 GW Elektrolyseleistung ausgeliefert und errichtet werden könnten. Wünschenswert wäre daher eine noch stärkere Fokussierung auf die zeitnahe Ausgestaltung geeigneter regulatorischer Rahmenbedingungen, um einen marktwirtschaftlichen Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft im Umfang von mindestens 20 Gigawatt bis 2030 zu gewährleisten“, heißt es in der Pressemitteilung.

    Profiteure: Chemieindustrie, Fernreisen und Transport

    Nur weil eine Wasserstoffwirtschaft aufgebaut wird, heißt es aber noch lange nicht, dass auch beliebige Felder auf den Träger umgestellt werden. So ist etwa die Rückverstromung von der Energiebilanz her betrachtet der wohl ungünstigste Fall. Auch Batteriefahrzeuge sollen diversen Ingenieuren zufolge effizienter als Brennstoffzellenfahrzeuge sein – und weniger risikobehaftet, denn Wasserstoff ist ein explosiver Stoff. In nächster Zeit dürften am ehesten Busse und Lastkraftwagen auf den Treibstoff umsteigen, denn die Batterien sind in diesen Fällen schlichtweg zu schwer und die Reichweiten zu gering. Ebenso könnten Prozesse in der Chemieindustrie, die auf Wasserstoff angewiesen sind, auf grünen Wasserstoff umgestellt werden.

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