23:59 09 Juli 2020
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    Das südamerikanische Land Ecuador zeigt beispielhaft das Problem der Goldförderung in der Corona-Krise: Staaten versuchen, das neue Virus einzudämmen, hoffen aber gleichzeitig auf weitere Einnahmen durch Edelmetall-Exporte – und schützen Gold-Unternehmen sogar mit der Polizei und Armee. Diese gehen teilweise brutal gegen die Menschen vor Ort vor.

    Der Goldpreis steigt weiter in der Corona-Krise und liegt derzeit bei etwa 1.740 US-Dollar (rund 1540 Euro) je Unze. Mitte Mai erreichte Gold auf Tagesbasis in Euro gerechnet ein „erneutes Allzeithoch“, wie Finanznachrichten Anfang Juni berichteten. Damit diese Entwicklung auch so bleibt und weiter befeuert werden kann, sind Betreiber internationaler Gold-Minen daran interessiert, die Förderung des Edelmetalls weiterhin aufrecht zu erhalten.

    Laut Medienberichten geschieht dies in Südamerika teilweise gegen den Widerstand der lokalen Bevölkerung und unter Verletzung der staatlichen Verordnungen, die die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 verhindern sollen. Dort schützen Staaten mit Hilfe von Polizei und Militär Gold-Produzenten und Edelmetall-Exporteure, die aus dem Westen stammen und im Land tätig sind. Wenn es sein muss, auch mittels Gewalt gegen die dort lebenden Menschen.

    Ist „Goldfieber“ stärker als Corona-Pandemie?

    Beispiel Ecuador: Wie ein Schweizer Online-Magazin am Donnerstag berichtete, würden sich die großen Goldförderer im Andenland – darunter „Lundin Gold“ aus Kanada und „Solgold“ aus Australien – nicht an die vom Staat auferlegten Corona-Sicherheitsmaßnahmen halten. „Das Goldfieber ist stärker als die Covid-19-Pandemie.

    (...) Trotz Ausgangssperren und Ausnahmezustand: Der Bergbausektor genießt in Ecuador Sonderregeln – unter dem Schutz der Armee.“ In weiten Teilen des lateinamerikanischen Landes herrscht seit dem 17. März eine strikte Ausgangssperre.

    Laut Angaben der Johns-Hopkins-Universität zählt das Land im Nordwesten von Südamerika derzeit etwa 45.000 Infizierte mit Covid-19 bei rund 17 Millionen Einwohnern.

    Goldbergbau: „Strategisch wichtiger Wirtschaftszweig“ für Ecuador

    Dem Bericht zufolge genieße der Bergbau „als strategisch wichtiger Wirtschaftszweig des Andenstaats eine vorrangige Stellung in der Regierung und im Energieministerium von Ecuador“. Dies gelte auch in der aktuellen Pandemie. „Lundin Gold“ lässt demnach unverändert seit über einem Jahr „mit seinen Maschinen die Gold- und Kupferreserven in Zamora Chinchipe ausbeuten. Die Provinz grenzt an Peru und liegt mitten in der Bergkette Cordillera del Condor.“

    Durch die Corona-Pandemie verliere Zamora Chinchipe monatlich vier Prozent seines Bruttoinlandsprodukts. „Die Gegend um Yantzaza, also dort wo (...) seit einem Jahr Gold und Kupfer abgebaut werden, verliere gar 37 Prozent ihrer Einkommen.“ Verantwortliche beim Goldförderer seien unzufrieden, da seit dem 22. März kein Gramm Gold abgebaut werden konnte.

    „Gold-Unternehmen halten sich nicht an Corona-Regeln“

    Seitdem habe die ecuadorianische Regierung an einer Lösung gearbeitet. Für den Bergbau sei „alles erlaubt“, Präsident Lenín Moreno habe ein entsprechendes Dekret unterzeichnet. Darin heißt es unter anderem, „dass für die strategischen Sektoren der Transport und die normalen Aktivitäten in all ihren Phasen sichergestellt und ein entsprechender Korridor für den Export geöffnet werde.“ Um sicherzustellen, dass die Metalle auch tatsächlich verschifft werden, würden Polizei und Militär sich aktiv daran beteiligen. „Kaum war die Tinte des Dekrets getrocknet, rollten auch schon die ersten Lastwagen durch Zamora Chinchipe in Richtung Bergbau-Mine Fruta del Norte.“ Diese kann mit „Frucht des Nordens“ übersetzt werden.

    „Nach Angaben der örtlichen Behörden ignorierten die Fahrer die vom regionalen Krisenstab festgelegten Sicherheits-Protokolle. Einer der Fahrer soll gemäss Augenzeugen sogar aus seinem LKW ausgestiegen sein, um sich in einem örtlichen Geschäft zu verpflegen. Das hat die lokalen Bewohner deswegen in Aufruhr gebracht, weil Chauffeure und LKW-Fahrer direkt aus Guayaquil kommen, das von Covid-19 besonders betroffen ist. Der regionale Krisenstab hat bereits in der zweiten Woche der Quarantäne beschlossen, dass sämtliche Fahrzeuge, die ins Gebiet vordringen, mit einem Desinfektionsmittel und die Fahrer mit einem Gemisch aus Alkohol und Chlor desinfiziert werden.“

    Darüber hinaus verlangte der zuständige Bürgermeister von Zamora, Manuel González Salinas, dass Lastwagen von Bergbauprojekten vorläufig nicht in der Region zirkulieren dürften.

    Wer Protest übt, dem droht Gefängnis

    Lokale Behörden scheinen „machtlos zu sein“. Als González erfuhr, dass die Sicherheitsmaßnahmen von „Lundin Gold“ ignoriert werden, „ging er persönlich zur Desinfektionsstelle am Stadtrand, um die Einhaltung der Vorschriften zu verlangen. Doch die fünf mit Edelmetallen beladenen Lastwagen wurden von staatlichen Streitkräften begleitet; Augenzeugen berichteten von rund hundert Polizisten und Soldaten.“ 

    Der Bürgermeister betonte gegenüber Polizei und Militär: „Durch unsere Maßnahmen schützen wir auch eure Familien.“ Doch die Sicherheitskräfte reagierten daraufhin gereizt:

    „Kurz darauf räumte die Polizei die Straße mit Schlagstöcken und Tränengas. Zudem wurden die Zuständigen der Desinfektionsstelle – ein Gemeindepolizist, ein Feuerwehrmann und der Vorsteher der regionalen Behörde für nachhaltige Entwicklung – vorübergehend festgenommen. Sie verbrachten die Nacht im Gefängnis.“

    Bereits 2019 gab es „starke Proteste“ gegen Goldexporte aus der größten und ersten unter Tage betriebenen industriellen Goldmine Ecuadors, Fruta del Norte. Das berichtete im November vergangenen Jahres „Amerika21“, ein Fachmagazin für Lateinamerika. „Begleitet von teils starken Protesten hatte Mitte November die Förderung begonnen.“ Dabei wurden fast 180 „Tonnen Gold-Konzentrat in Containern in Begleitung von bewaffneten Sicherheitskräften zum Hafen von Guayaquil gebracht und von dort aus nach Europa verschifft.“ 

    „Es geht nicht an, dass der Schutz der Bevölkerung ignoriert wird“

    Über die Wirksamkeit sowie die gesundheitlichen Folgen der in weiten Teilen Ecuadors angewandten Desinfektionsmethoden für Fahrzeuge und Menschen lasse sich momentan diskutieren, so der Schweizer Bericht weiter.

    Dies rechtfertige allerdings nicht, dass sich aktuell Bergbaufirmen in Ecuador über die Sicherheitsvorschriften lokaler Behörden und der Zentralregierung hinwegsetzen. „Das Nicht-Einhalten dieser Regeln hat Unruhe in unsere Bevölkerung gebracht“, wurde González zitiert. „Der Bürgermeister von Zamora ist auch Präsident des regionalen Krisenstabes und besteht darauf, dass die festgelegten Protokolle berücksichtigt werden.“ Es gehe nicht an, dass sich „Lundin Gold“ über die Zamoranos lustig mache.

    Das beschuldigte Gold-Unternehmen selbst hielt nur einen Tag nach den Vorkommnissen in einem veröffentlichten Communiqué fest, dass sich „Lundin Gold“ an „internationale Protokolle“ halten würde. Fahrzeuge würden auf dem Weg von und nach Guayaquil an verschiedenen Stellen desinfiziert. Eine Darstellung, an der lokale Behörden Zweifel hegen. „Wir kennen die Details dieser Protokolle nicht“, konterte der Bürgermeister.

    Milliardengeschäft kollidiert mit Interessen der Menschen vor Ort

    Der nationale Krisenstab habe auf die Geschehnisse reagiert und den Bürgermeister von Zamora „nachdrücklich“ darauf aufmerksam gemacht, „den Transport aus der Mine Fruta del Norte nicht weiter zu behindern. Gegen ihn ist eine Untersuchung eingeleitet worden.“ Der Lokalpolitiker selbst zeige sich gelassen.

    „Ich fürchte nichts“, sagte er. „Ich will lediglich die Menschen in unserer Region schützen.“

    González sei bereits die Unterstützung lokaler Politiker und Verwaltungschefs sicher. Auch ein Bündnis, bestehend aus Amazonas-Orten, habe dem Bürgermeister Solidarität zugesichert. Außerdem wolle dieser eine Beschwerde beim zuständigen nationalen Ombudsmann einreichen.

    „Die Goldmine Fruta del Norte wird von der kanadischen Firma Lundin Gold betrieben und soll in den nächsten 15 Jahren Exporteinnahmen von 7,887 Milliarden US-Dollar erwirtschaften“, so „Amerika21“ über das milliardenschwere Geschäft im Hintergrund, das die Gold-Minenbetreiber angesichts der Proteste bedroht sehen.  

    Börsen, steigender Goldpreis und verschmutzte Gewässer

    „Einer der Gründe für die Ungeduld von 'Lundin Gold' und Co. dürfte an den Börsen von New York, Toronto, London und Zürich zu finden sein“, so das Schweizer Medium. „Dort wird das Gold von Zamora Chinchipe gehandelt (...). Im Gegensatz zum Erdöl, dessen Preis in den vergangenen Wochen massiv zusammengebrochen ist, hat der Goldpreis seit Anfang des Jahres um 36 Prozent zugelegt.“

    Der Goldrausch scheine in Ecuador also stärker zu sein als das Covid-19-Fieber. „Ereignisse wie jene in Zamora wiederholen sich derzeit auch in anderen Teilen des Kontinents. Man beobachte mit Besorgnis, dass Regierungen trotz Quarantäne den Bergbau als vorrangige Aktivität deklariert haben, schrieb die Beobachtungsstelle für Bergbaukonflikte in Lateinamerika in einem kürzlich veröffentlichten Bericht. (...) In Bezug auf Polizei und Armee hat die Beobachtungsstelle ein ähnliches Verhalten wie in Zamora festgestellt.“ Streitkräfte würden die Transporte der Edelmetalle unter dem Vorwand verteidigen, dass dies auf Grund des Ausnahmezustandes unerlässlich sei.

    In anderen Regionen in Lateinamerika gibt es laut Medienberichten bereits bestätigte Fälle von Covid-19-Ansteckungen, die in Zusammenhang mit Bergbauaktivitäten stehen. Im Nachbarland Peru hatten sich bis Anfang des Monats über 500 Bergbau-Leute mit dem neuen Coronavirus angesteckt. „Wir dürfen nicht vergessen, dass die Menschen, die in der Nähe von Bergbauprojekten leben, aufgrund der Verschmutzung ihrer Gewässer und ihres Landes bereits über ein schwächeres Immunsystem verfügen“, wurde die Sprecherin einer NGO vor Ort zitiert.

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    Militär, Coronavirus, Ecuador, Gold