22:34 09 Juli 2020
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    Die russische Wirtschaft beginnt sich schon im Juni zu erholen und gewinnt alle verlorenen Positionen schnell wieder zurück, wird aber mit neuen Problemen konfrontiert, und zwar mit Arbeitslosigkeit und nachgelassener Konsumnachfrage. Darüber sprach Andrej Kostin, Chef der zweitgrößten russischen Bank VTB im Radiosender „Kommersant FM“.

    Und das, obwohl Ökonomen wie zuvor der IWF von einer verrückten Krise sprechen und sehr schlechte Prognosen geben. Kostin hört ihnen nicht zu. Er habe ein eigenes Fingerspitzengefühl, das er während der knapp 30 Jahre Arbeit auf Finanzmärkten entwickelt habe. Ihm zufolge haben Volkswirtschaftler es heutzutage nicht leicht, Prognosen zu erstellen, „da diese Krise ihrem Wesen nach keine wirtschaftliche ist. Sie ist im Unterschied zu allen vergangenen Krisen nicht innerhalb der Wirtschaft und der Finanzsphäre ausgereift.“

    Die Wirtschaft, sowohl die internationale als auch die russische, habe sich zu Jahresbeginn 2020 durchaus wohlgefühlt, so Kostin weiter. „Von der Krise betroffen wurden das Gesundheitswesen und die Medizin. Das Ergebnis war, dass Wirtschaften von Regierungen verwaltungsmäßige Einschränkungen auferlegt wurden. Deshalb wusste auch kein Fachmann den Zeitpunkt genau zu nennen, an dem die normalen Bedingungen für den Alltag und das Funktionieren der Wirtschaft wiederhergestellt sein würden.“

    Inzwischen habe sich die Situation geklärt, so der Top-Bankier. „Von daher erholen sich auch die Märkte ziemlich schnell. Die letzten zwei oder drei Monate der Pandemie, während der die Staatsführungen drastische Maßnahmen ergriffen, sind eigentlich vorbei. Das Virus zieht sich nach und nach aus den Schlüsselzentren der Weltwirtschaft zurück. Als Erstes ist China aufgewacht und quasi wieder aufgelebt, gefolgt von den Vereinigten Staaten und Europa. Was Russland angeht, halte ich für wahrscheinlich, dass sich im Juni das Funktionieren unserer Wirtschaft in allen ihren Teilbereichen weitgehend einpendelt. Die Investoren sind sich dessen bewusst, dass die grundlegenden Probleme schon hinter uns liegen und die zweite bzw. dritte Corona-Welle kaum mit ähnlich harten Maßregeln einhergehen wird, wie wir sie von der ersten Welle her kennen.“

    Außerdem hänge die aktuelle Lage doch auch mit der Krise im Erdöl- und Erdgassektor zusammen, mit der Überproduktion, urteilt Kostin. „Auch da haben Schritte im Rahmen der OPEC+ ihre Wirkung erzielt. So sehen wir heute, dass der Erdölpreis, sowohl von Brent als auch von Urals, bei etwa 40 Dollar je Barrel liegt, eigentlich ein durchaus akzeptabler Preis für die meisten Produzenten und für den russischen Etat. Deshalb herrscht auf den Märkten eine gewisse positive Zuversicht. Auch der Rubel beginnt zu steigen. Der russische Staatshaushalt geht nämlich von 42,4 Dollar je Barrel aus. Deswegen stehen heutzutage dem Staat ausreichende Ressourcen zur Verfügung.“

    Dies sei ein ziemlich langfristiger Trend, ist sich der Bankchef sicher. Er glaube, dass die Wirtschaft trotz aller Probleme ziemlich schnell wieder aufstrebe. „Allerdings werden sich die steigende Arbeitslosenrate und die schrumpfende Konsumnachfrage künftig auf die wirtschaftlichen Kennziffern auswirken. Auch die Jahresbilanz dürfte sowohl für den Banksektor als auch für viele Produktionen neutral ausfallen. Generell gesehen bewahrheitet sich aber die Prognose, die aktuelle Krise würde schlimmer als die Große Depression werden, auf keine Weise.“

    Die Zentralbanken seien auf aktives Stimulieren gewechselt, stellt der VTB-Chef fest, „das sie nie betrieben hatten, weder in den Industrie- noch in den Entwicklungsländern. Auf der anderen Seite liegen ein Anstieg der Arbeitslosenrate, Lohnkürzungen und überhaupt eine depressive Nachfrage vor. Laut der Russischen Zentralbank haben wir es mit einer Krise des Angebots und zugleich der Nachfrage zu tun. Dabei sehen wir etwa keine Risiken durch Inflation. Im Gegenteil, wir meinen, dass die Lage potenziell für einen Deflationsmarkt sorgt. Aber die meisten Staaten haben die Möglichkeiten zur Lockerung der monetären Politik bereits erschöpft.“

    Dilemma der Zentralbank Russlands - Zinsen steigern oder senken?

    Die günstige makroökonomische Situation habe es der russischen Zentralbank erlaubt, von dem gewöhnlichen, standardmäßigen Mittel der Zinssteigerung zum Schutz des Rubels und zur Beibehaltung der Investitionen abzusehen und das weitere Wachstum der Wirtschaft stattdessen mit einer wesentlichen Zinssenkung anzuregen, äußert Kostin. „Das sieht schon nicht übel aus und ist genau die richtige Zwischenlösung, die dazu geeignet ist, eine gewisse Margenfähigkeit des Banksektors aufrechtzuerhalten und gleichzeitig die Schuldenlast der Unternehmen und Bürger zu erleichtern. So kann man stabil eine langfristige Politik verfolgen.“

    Der Bankier erinnert, dass Russland auch noch den Nationalen Wohlstandsfonds hat. „Wir haben dieses Geld eigentlich zu dem Zweck, als Notgroschen zusammengetragen, um die Programme umsetzen zu können, die von der russischen Regierung bereits angekündigt worden sind, so die 6,5-Prozent-Hypothek und die zinslosen Kredite für Unternehmer, mit denen sie Löhne zahlen können. All das geschieht mit Subventionen der Regierung. Meines Erachtens sind bei der aktuellen Lage keine raschen Schwankungen und erst recht keine Änderungen der Haushaltsregeln angesagt.“

    Wie steht es mit Investitionsrisiken?

    Zurzeit werde die Geschäftsführung leider zunehmend gefährlich, gesteht Kostin, und dies sei auch bitter. „Jahrelang haben wir mehr Stabilität und Zusammenarbeit angestrebt, auch die Staatspolitik ging wohl in diese Richtung. Da sind aber mehrere negative Prozesse im Spiel. Auf Initiative der amerikanischen Seite wurde praktisch die ganze Infrastruktur unserer Vereinbarungen über Eindämmung und Kontrolle des Wettrüstens abgebaut. Schauen Sie sich an, was in den Wirtschaftsbeziehungen passiert: Es werden Sanktionen aktiv eingesetzt, zwischen den USA und China ist ein Riesenkonflikt entbrannt, Russland und andere Staaten werden mit unzähligen Restriktionen belegt.“

    Und was geht im Umweltbereich vor? – fragt der Chefbankier.

    „Sollte es mit der Umwelt schiefgehen, würden wir mit noch so vielen Krankenbetten die Lage nicht meistern können, da sich ein Loch in der Atmosphäre nicht ohne weiteres zustopfen lässt. Darüber muss man sich Gedanken machen. Auch hier fehlen uns leider internationale Vereinbarungen. Die Amerikaner konnten uns etwa die Kooperation im Rahmen der früher getroffenen Beschlüsse verweigern. Dies ist die Aufgabe Nummer eins, soviel ich verstehe, genauso wie die Bekämpfung des Virus.“

    Kostin fügt hinzu: „Man meint jetzt, es würden sich neue Technologien entwickeln, darin bestehe eben die Wirkung des Virus. Träumen wir denn von einer Situation, wenn es irgendein Virus grassiert, quasi COVID-20, 25 oder 30, wir aber zu Hause hocken und uns freuen, dass wir inzwischen das Internet haben und einander nicht zu sehen, miteinander nicht zu verkehren brauchen, sondern im Home-Office arbeiten können? Ist es das, was man sich wünscht? Man muss diese Probleme natürlich in Angriff nehmen. Das geht aber nur gemeinsam, wie die Erfahrung zeigt.“

    Der VTB-Chef glaubt, die Wirtschaft werde umschlagen und das positive Wachstum setze wieder ein. „Wir werden mit diesem Virus bald fertig. Aber auch die Fragen rund um die Sicherheit, Wirtschaftsbeziehungen und sicher auch Gesundheitswesen und Umwelt müssen gelöst werden. Sie alle sind heute aktueller geworden, und es geht dabei um kolossale Herausforderungen, an die wir nicht einmal gedacht haben. So muss man sich damit beschäftigen. Dazu stehen uns globale Ressourcen zur Verfügung, sowohl Geld als auch Intellekt. Aber wir müssen sicher mehr kooperieren.“

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    Tags:
    Russland, Coronavirus, VTB, Andrej Kostin