12:13 06 Juli 2020
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    Wirtschaftsbosse sind gewohnt, durch Krisen zu steuern, doch managt der Staat nun alles: Lockdown verordnet, Subventionen versprochen, die Suche nach Covid-Mitteln. Wo schaden Corona-Maßnahmen der Wirtschaft? Verstärkt sich schon vor-pandemisch zu vernehmendes Protektionismusgrollen? Ob deutsch-russische Geschäfte noch lohnen, mag die AHK ausloten.

    In der kommenden Woche nimmt die Konferenz der deutsch-russischen Auslandshandelskammer den Puls der Wirtschaft: Wie geht es den Unternehmern beider Länder nach Corona, wie managen sie ihr Geschäft, wo doch die Welt zeitweilig in Schockstarre verfiel und Staaten das Ruder übernahmen? Ob es Wachstumsbranchen in der pandemiegebeutelten Weltwirtschaft gibt, wie es um die Finanzpolitik steht und ob Investitionen jenseits der Grenzen noch lohnen – alles Themen der ersten „Online-Offline“-Konferenz der AHK.

    Mit einer Einstimmung durch Denis Manturow, dem russischen Minister für Industrie und Handel versehen, diskutieren die Mover & Shaker „Russland und die Welt 2021“: Wirtschaftsbosse von Bayer und Globus, Manager kleiner und mittelständischer Unternehmen, Politologen und Ökonomen wie der IfW-Chef Gabriel Felbermayr, aber auch der Philosoph Richard David Precht geben ihre Einschätzungen in interaktiven Formaten. Von den Teilnehmern der bei den Wirtschaftskonferenzen traditionell hochkarätig besetzten großen Podiumsdiskussion werden wie in der Epoche vor Corona Impulse zur Problemerkennung aber auch zur Lösung erwartet:

    Wie steht Deutschland nach Corona da?

    Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) Gabriel Felbermayr monierte jüngst, Europa fehle ein Zukunftsplan und warnte die EU davor, den Mitgliedsstaaten aus ihrem 750-Milliarden-Euro-Hilfspaket einfach Geld zu überweisen: Es könnte einfach in den Haushalten verschwinden. Mit der Einstellung, das Füllhorn möge über präzisen Projekten mit klarem europäischem Mehrwert ausgeschüttet werden, beleuchtet er auf der AHK-Konferenz Deutschland nach Corona. Zu erwarten ist eine Analyse dazu, wie die Bundesrepublik ihre Playposition in der Weltwirtschaft behalten und auch Europa stärken kann.

    Corona und die Pharmaindustrie

    Leidet einer unter der Corona-Krise, mag sie des anderen Goldesel sein: Fieberhaft wird an Covid-Heilmitteln und Impfstoffen gegen Sars-CoV-2 geforscht, gigantische Summen in Medizinforschung und Pharmaunternehmen investiert. Erst in der vergangenen Woche stieg der Bund bei Impfstoffentwickler CureVac ein und wurde Großaktionär bei dem Tübinger Bio-Tech-Unternehmen. Das Universum, wo die Gesundheitsvorsorge der Bürger des Staates vornehmste Aufgabe sein soll, kollidiert mit der von marktwirtschaftlichen Prinzipien geprägten Welt. Macht der Staat der Privatwirtschaft nun auch noch Konkurrenz. Aber muss Corona Aktionäre glücklich machen? Bayer-Chef Werner Baumann rechnete noch im Mai damit, dass ein Covid-Wirkstoff schon in den nächsten Monaten komme und machte vielen Hoffnung auf ein baldiges Corona-Mittel. Auch er ist Shareholdern verpflichtet. Bei der AHK-Konferenz spricht Baumann zum Einfluss der Seuche auf die Pharma- und Gesundheitsindustrie.

    Familienunternehmen und die Krise

    Ein Augenmaß der Politik in Krisenzeiten wünschen sich viele Unternehmer. Dem Chef der Supermarktkette "Globus", Thomas Bruch, schmeckte die deutsche Entscheidung seinerzeit nicht, zum Pandemie-Lockdown keine Non-Food-Waren verkaufen zu dürfen – da gingen Millionenumsätze verloren. Am Anfang hätten die Schwierigkeiten überwogen, überhaupt das Tagesgeschäft am Laufen zu halten. Doch er sei stolz auf die Mitarbeiter, die eine riesige Aufgabe geschultert hätten, sagte er dem Fachblatt "Lebensmittelpraxis". Seit 40 Jahren führt der 70-Jährige die St. Wendler Handelsgruppe und ihre 46.000 Mitarbeiter - davon 17.700 in Tschechien und Russland. Die Globus-Einkaufsmärkte in Russland zählen zu „den Wachstumstreibern“ der Gruppe. Aber bekommt der Online-Handel wegen Corona nun mehr Gewicht? Bruch erläutert bei der Konferenz, wie Corona dem Einzelhandel und Familienunternehmen zusetzt.

    Auf politischem Parkett jeder mit seinen eigenen Problemen beschäftigt

    Wie Corona die internationale Politik verändert, soll Fjodor Lukjanow bei der AHK-Konferenz beleuchten. Der Politologe ist Vorsitzender des russischen Rates für Außen- und Verteidigungspolitik. Seiner Auffassung zufolge gehe geopolitisch nichts mehr ohne Russland. Die Krise würde allerdings niemanden stärker machen: Ob EU, China oder Russland – alle würden Schaden nehmen, prognostizierte er noch bei den „23. Potsdamer Begegnungen“ im Mai. Aus solchen Krisen müssten richtige Schlussfolgerungen gezogen werden. Die Herausforderung möge global sein, doch die Antwort sei auf lokaler Ebene zu finden. Und dies müsse für eine künftige Zusammenarbeit beachtet werden, denn alle betroffenen Staaten würden mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sein: Corona entziehe Geld, Kraft und Energie für die Zusammenarbeit zwischen Russland und der EU.

    Zukunft der russischen Industriepolitik 

    Bereits in der näheren Vergangenheit - und das vor Corona - hat Russland durchaus vermehrt auf inländische Produktion gesetzt. Protektionistische Maßnahmen - wie auch immer motiviert - sind allerdings Sand im Getriebe, soll internationale Wirtschaftszusammenarbeit Fahrt aufnehmen. Mit Spannung wird vor dem Hintergrund der Redebeitrag von Alexander Schochin erwartet. Der Präsident des Russischen Unternehmerverbandes (RSPP) spricht dazu, wie es mit der russischen Industriepolitik weitergeht.

    „Wir beleuchten die Situation nach bzw. mit Corona von allen Seiten: von den Auswirkungen auf die russische, deutsche und weltweite Wirtschaft über Verschiebungen zwischen den Super- und Großmächten bis hin zu globalen Lieferketten, aktuellen medizinischen Entwicklungen und philosophisch-existenziellen Fragen“, so AHK Russland-Pressesprecher Thorsten Gutmann zur Veranstaltung. Parallel zur großen Podiumsdiskussion gibt es virtuelle Sessions, etwa zur Lobbyarbeit in der Krise.

    Glaskugel oder gesunder Menschenverstand

    Für besagten philosophisch-existentiellen Input ist Richard David Precht zuständig bei der Konferenz. Der deutsche Gegenwartsphilosoph ist der Meinung, der Shutdown habe die Weltwirtschaft an den Rand des Ruins  getrieben – es sei überreagiert worden. Auf Erden geschähen "schlimmere Dinge" als Corona. Precht setzt sich für mehr Öko-Politik, bessere Arbeitsbedingungen und Steuererhöhungen bei Online-Profiteuren ein – in seinem Diskussionsforum bei der Konferenz geht es um die Welt nach Corona. Ob die Idealvorstellungen der Teilnehmer kompatibel sind?  

    Angenehm gestalten können sich die Teilnehmer die erste „Online-Offline-Konferenz“ allemal: In Moskau und St. Petersburg wird Mittagswein samt Essen zum Couchplatz vor der digitalen Podiumsbühne geliefert – frei Haus.

     

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    Tags:
    Gabriel Felbermayr, Globus, Bayer, Russland, Russlandkonferenz, Weltwirtschaft, Denis Manturow, Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK)