11:36 02 Dezember 2020
SNA Radio
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    12849
    Abonnieren

    Im Spannungsverhältnis von Markteinbruch und Firmenzusage hat BMW im Osten einen Digitalisierungsschub erfahren, den 360-Grad-Kundenservice eingeführt und Händlern Boni ausgezahlt: Die Lage der Sparte BMW Russland in der Corona-Krise hat sein Chef Stefan Teuchert bei einer Konferenz geschildert und einen Ausblick auf „die Zeit danach“ gegeben.

    Die Automobilindustrie ist weltweit in einer schwierigen Situation. Das ging schon vor Corona los mit Trends für neue Mobilitätsmodelle, mit Investitionen in Zukunftstechnologien, etwa für automatisiertes Fahren oder der Elektifizierung, aber auch der Dieselskandal trug dazu bei. Derweil der Deutsche Automobilverband nun von einer „großen Krise“ spricht, da deutsche Autoverkäufe um 35 Prozent einbrechen und neuesten Meldungen zufolge die Autobranche mit einer satten Corona-Rabattschlacht Kunden locken will, scheint BMW Russland recht aufgeräumt.

    Man sähe eine gewichtige Konsolidierung im Handel und steigende Nachfrage über Geschäftsabwicklungen im Onlinevertrieb, die die Branche nachhaltig verändern dürften, heißt es: Bei einer Konferenz zum Geschäftsklima in Russland in der vergangenen Woche hat Stefan Teuchert, Chef von BMW Russland, von Neuerungen, der Lernkurve samt einem perspektivischen Ausblick auf die Zeit nach Corona und den Geschäften in der Krise erzählt.

    „Wir waren sehr froh und zuversichtlich, dass wir im ersten Quartal noch zweistellig wachsen konnten. Corona kam dann etwas später nach Russland, und im April haben wir die ersten Auswirkungen gesehen“, bemerkt BMW Group Russia-CEO Stefan Teichert eingangs.

    Der Gesamtmarkt sei um 70 Prozent eingebrochen. Im Mai hätte BMW Russland mit 50 Prozent Einbruch einerseits eine hohe Belastung erfahren, andererseits aber auch schon einen positiven Trend gesehen: Denn schon im Juni sei eine klare Verbesserung zu verzeichnen gewesen mit einer deutlichen Erhöhung der Nachfrage. Mit ungefähr 80 Prozent des ursprünglichen Budgets sei bereits für Juni gerechnet worden, und „wenn alles gut läuft und keine zweite Welle und ein Lockdown kommen, dann sind wir zuversichtlich, dass wir ab Juli dann auch auf ursprüngliches Planungsniveau zurückkehren“, so der Top-Manager zur momentanen Krisenlage

    Die in Russland verhängten Anti-Corona-Maßnahmen wie Lockdown und Flugstopps haben sich auf 37 Prozent der vor Ort tätigen deutschen Firmen stark oder sehr stark ausgewirkt, ergab eine aktuelle Umfrage der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer. Die überwiegende Mehrheit der Unternehmer gab an, durchschnittlich (39 Prozent) oder wenig davon betroffen zu sein.

    Über 2000 Online-Trainings und Stärkung des Händlernetzes

    In der Krise selbst mussten alle BMW-Mitarbeiter drei Monate im Homeoffice arbeiten, berichtet Teuchert. In Russland war dies bis dato nicht üblich. Die Herausforderung war, die Möglichkeit erst einmal zu etablieren, doch die Mitarbeiter seien hochmotiviert und innovativ gestimmt gewesen. Am Anfang der Krise habe man jedenfalls „an vorderster Front“ gestanden, das Händlernetz zu sichern und die Händler zu unterstützen, auf dass diese „auch gut durch die Krise kämen“, sowie Sicherheit für die Mitarbeiter zu garantieren, so der BMW-Chef.

    BMW hat in der Zeit des Lockdowns sehr viele Maßnahmen zur Digitalisierung ergriffen, das Unternehmen habe einen regelrechten „Digitalisierungboost“ erfahren, berichtet Teuchert. So seien etwa viele neue Instrumente auf der Händlerhomepage installiert worden.

    Täglich wurden „von morgens bis abends“ digitale Meetings durchgeführt und in der Krisenzeit hat BMW 2000 Onlinetrainings mit Händlern und Mitarbeitern absolviert. Zudem habe BMW seine Händler auch finanziell unterstützen können: „Russland ist ein Hochzinsland, auch wenn die Zinsen gerade gesenkt wurden. Aber im Verhältnis zu Europa ist die Finanzierung von Lagerbeständen in Russland sehr hoch. Deswegen war es wichtig, unseren Handel zu unterstützen.“

    Keine Staatshilfen und die deutsche Zusage

    Der russische Staat hätte nicht finanziell unter die Arme gegriffen, berichtet Teuchert auf Sputnik-Nachfrage. Es habe sicherlich bessere Konditionen für den Produktionspartner „Avtotor“ in Kaliningrad gegeben – mit entsprechendem Aufschub von Auflagen oder auch Zahlungsthemen, aber BMW Russland selbst habe keine Unterstützung erhalten, und auch die Händler hätten sehr wenig Hilfen bekommen. Die Corona-Maßnahmen der russischen Regierung zur Stützung der Wirtschaft wie Steuererleichterungen oder vergünstigte Kredite hatte tatsächlich eine überwältigende Mehrheit jüngst befragter deutsche Unternehmer als unzureichend (58 Prozent) oder vollkommen unzureichend (25 Prozent) bewertet.

    „In so einer Krise stehen Kosteneffizienz und Kostenreduktion vorn an“, so Teuchert. Er sei stolz darauf, dass keine Mitarbeiter entlassen werden mussten. „Es war uns wichtig, dass die Mitarbeiter einen sicheren Arbeitsplatz haben und auch ihr Gehalt weiterhin bekommen. Wir konnten sogar den Bonus vom letzten Jahr bezahlen und den für das erste Quartal im April. Als deutsches Unternehmen wollten wir hier auch verlässlich sein und zu unseren Zusagen stehen.“

    Dank Corona das Rundum-Sorglos-Paket für russische Kunden

    Unabhängig von Corona habe die Firma im Bereich Digitalisierung sehr viele Erkenntnisse sammeln können, die auch künftig weitergeführt würden. Dazu gehört ein neues Digitalpaket für Kunden im 360-Grad-Angebot, so Teuchert:

    „Mittlerweile sind unsere Kunden in der Lage, auf der Homepage das Fahrzeug nicht nur zu konfigurieren oder eines im Lagerbestand zu finden, sondern auch das Fahrzeug komplett über ‚Applepay‘ zu bezahlen, es online mit einem Finanzierungsvertrag zu versehen und den auch bestätigt zu bekommen. Und, wenn sie wollen, das Auto auch kontaktlos nach Hause geliefert zu bekommen – das war vorher nicht möglich. Und wir sind sehr stolz, dass wir einer der Hersteller sind, die das in der Zeit umsetzen konnten.“ Im weltweiten Vergleich sei Russland hier sogar führend, so der BMW Russland-Chef.

    Zwar sei die Idee des digitalen Paketes bereits vor zwei Jahren aufgegriffen worden und seitdem 200 Minis als limitierte Editionen und nur online angebotene Fahrzeuge über das Internet verkauft worden. Der Kunde konnte die Wagen vorher weder im Autohaus sehen noch Probe fahren. In der Vergangenheit mussten allerdings die Zahlung oder der Finanzierungsvertrag noch beim Händler selbst gemacht werden.

    Seit März könne man nunmehr sein altes Fahrzeug bewerten und in Zahlung geben, einen Finanzierungsvertrag online beantragen und genehmigt bekommen, im Onlinechat mit dem Händler den Preis vereinbaren und auch online bezahlen. Ohne dass Kunden im Autohaus noch bei der BMW-Bank vor Ort gewesen waren, hätten so allein in den letzten drei Monaten 500 Finanzierungsverträge online abgeschlossen werden können. Etwa genauso viele Wagen seien über Onlineaktivitäten verkauft worden. Sicherlich habe es „bei dem einen oder anderen Kunden“ noch eine letzte Aktivität im Handel selbst gegeben, aber in 80 Prozent der Fälle sei der Prozess vom Kunden online initiiert und abgeschlossen worden, berichtet Teuchert.

    Eingebrochene Lieferketten und Produktionsstopps

    Anfang Juni wurde die Produktion im Werk in Kaliningrad gänzlich gestoppt. Nicht wegen Absatz-, sondern wegen Zulieferproblemen: „Die BMW-Werke weltweit wie auch andere Hersteller in Europa und in Amerika waren wegen der Coronakrise teilweise über zwei Monate geschlossen. In der Lieferkette ist auch das Werk in Kaliningrad eingebunden“, so Teuchert. „Wir waren froh, dass wir eigentlich die meiste Zeit produzieren konnten und keine Produktionsunterbrechung hatten. Ganz am Anfang gab es mal zwei Wochen Pause, dann konnte Kaliningrad aber ganz normal weiter arbeiten.“ Nun habe es eine erneute Produktionsunterbrechung von Mitte Juni bis Ende Juni gegeben, die ausschließlich auf die Verfügbarkeit von Teilen und Komponenten zurückzuführen gewesen sei, so der Manager. Mit Produktionsstart Anfang Juli hoffe er, bald auf das normale Produktionsvolumen zu kommen.

    Gerade was die Effizienz anbelange, bräuchte das Unternehmen allerdings noch Unterstützung von der russischen Regierung, so Teuchert. Insbesondere hinsichtlich der Verwendung elektronischer Dokumente samt elektronischer Unterschrift und digitaler Prozesse – nicht unwichtig, insbesondere, wenn man von zu Hause arbeitet. In Russland basierten noch sehr viele Prozesse auf Dokumenten in zweifacher Ausfertigung mit diversen Stempeln und Unterschriften, erläuterte er der AHK. „Da gibt es noch Anpassungsbedarf bei Gesetzen und Regularien. Wir arbeiten daran, die Effizienz zu erhöhen, und sind sicher, dass hier noch sehr viel Potenzial in Russland ist – nicht nur für BMW.“

    „Verhalten optimistische Einschätzung für das zweite Halbjahr“

    In einer Vorausschau für das zweite Halbjahr stellt der Manager sich gegen „böse Vermutungen“, dass der Automarkt um 50 Prozent abstürzen könnte. Er denke, dass sein Unternehmen „bei 1,3 bis 1,4 Millionen Fahrzeugen am Ende des Tages herauskommt“: BMW habe sich in den letzten Jahren überproportional positiv entwickelt, besser gar als der Markt, besser als der Wettbewerb, so Teuchert. „Und das ist unser Anspruch, das wollen wir so beibehalten“, daher mache er eine „verhalten optimistische“ Einschätzung für das zweite Halbjahr 2020.

    Das Geschäftsjahr 2019 war für BMW Russia eines der erfolgreichsten in der über 20-jährigen Unternehmensgeschichte: Mehr als 46.500 Automobile, Motorräder und Scooter wurden an Kunden übergeben.

    Schäden im zweistelligen Milliardenbereich

    Nach dem finanziellen Schaden durch das Coronavirus direkt befragte deutsche Firmen in Russland haben wegen der Anti-Corona-Maßnahmen allerdings rund 750 Millionen Euro Miese gemacht. Hochgerechnet auf die 4274 in Russland tätigen deutschen Firmen beläuft sich der Gesamtschaden für die deutsche Wirtschaft in Russland so auf eine zweistellige Milliarden-Euro-Summe. Dabei auf Rücklagen oder Kredite angewiesen zu sein und keine direkten Hilfen beantragen zu können, wiegt wohl schwer.

    Die Regierung in Moskau nimmt nunmehr aber mehr Geld in die Hand: Um zusätzliche Unterstützungsmaßnahmen umsetzen zu können, will der Kreml den laufenden Haushalt um 1,8 Billionen Rubel (rund 23 Milliarden Euro) aufstocken. Dazu sei eine leichte Anpassung des Steuergesetzes notwendig. „Diese Änderung wird uns ermöglichen, zusätzliche Ressourcen in die Unterstützung der Wirtschaft zu lenken", so Regierungschef Michail Mischustin bei einer Kabinettssitzung in der vergangenen Woche. Ob deutsche Wirtschaftsplayer in den Genuss kommen, bleibt abzuwarten.

    ba

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Russischer Impfstoff darf dran, so Kommission von der Leyens - aber „nirgendwo in EU außer Ungarn“
    Bluttaufe – aber vorher „Hund an die Gurgel“: Australische Elitetruppe in Afghanistan
    Rüstungskreise: Russische Drohne Ochotnik erstmals als Abfangflugzeug getestet
    Auf Sexparty erwischt: Polizei löst Orgie in Brüssel auf – EU-Abgeordneter tritt zurück
    Tags:
    Deutschland, Autos, Autoindustrie, Coronavirus, Russland, BMW