08:45 14 August 2020
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    Der Pharma-Riese „Gilead“ ist der große Gewinner der Corona-Krise: Seine Beziehungen zum Weißen Haus haben zum weltweiten Einsatz eines kaum erprobten Medikaments geführt – auch in Deutschland. Vor Jahren hatte der gleiche Konzern während der Schweinegrippe den Globus mit einem anderen Mittel geflutet, das Milliarden kostete und ungenutzt blieb.

    Kennen Sie Daniel O’Day? Nicht? Dabei ist der 56-jährige Texaner einer der einflussreichsten Akteure während der Corona-Krise. Der großgewachsene Mann mit kurzem Bürstenhaarschnitt kann auf eine beachtliche Karriere zurückblicken: Nach einem Masterabschluss in Biologie arbeitete sich O’Day beim weltweit größten Biotechnologieunternehmen der Welt, dem Schweizer Pharmakonzern „Roche“, weit nach oben: Chef der Personalabteilung, Marketing-Chef, General Manager der Niederlassung in Dänemark und schließlich Geschäftsführer (CEO) des wichtigsten Konzernbereichs „Roche Pharmaceuticals“. Im Jahr 2019 jedoch verabschiedete sich O’Day überraschend aus dem Unternehmen.

    Die Karriere eines Pharma-Lobbyisten 

    Obwohl der Texaner bei Roche zuletzt fast so viel Geld verdiente, wie der oberste Konzernchef, wechselte er seinen Arbeitgeber. O’Day wurde neuer Hauptgeschäftsführer und Vorstandsvorsitzender des US-Pharmakonzerns „Gilead Sciences“. Zu diesem Zeitpunkt hat das Unternehmen weltweit rund 10.000 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz von mehr als 22 Milliarden US-Dollar. In diesem Jahr dürfte der Umsatz aber deutlich höher liegen – doch dazu später mehr.

    Gilead hatte einst einen großen Kassenschlager: Das Grippemittel Tamiflu. Dieses wurde 1999 von dem Konzern entwickelt, verfehlte aber die gewünschte Wirkung. Das änderte sich 2004, als in Hongkong erstmals die Vogelgrippe auftauchte. Gilead vergab damals gegen üppige Gebühren die Lizensrechte zur Herstellung von Tamiflu an das Schweizer Unternehmen Roche, eine Win-Win-Situation. Roche bezeichnet Tamiflu 2004 als das wohl wirksamste Mittel gegen Vogelgrippe, worauf mehr als 50 Staaten das Medikament beschafften. Einen Beweis für die Wirksamkeit gab es nie. Dafür aber Nebenwirkungen, wie Kopfschmerzen, Übelkeit und psychische Störungen, die sogar zu Selbstmorden geführt haben sollen.

    "Wundermittel" Tamiflu

    Da die große Welle der Vogelgrippe ausblieb, gab es 2009 eine neue Chance für Tamiflu: Die Schweinegrippe. Regierungen weltweit bestellten das Medikament erneut in großen Mengen. Bald schon tauchen aber erste Schweinegrippe-Erreger auf, gegen die Tamiflu nicht mehr wirkte. Trotzdem haben Gilead und Roche mit dem Medikament Milliarden verdient. Nicht zuletzt, weil der damalige US-Außenminister Donald Rumsfeld im Weißen Haus dafür warb, große Mengen Tamiflu einzukaufen. Donald Rumsfeld saß vor seiner politischen Karriere übrigens im Aufsichtsrat von Gilead, zu diesem Zeitpunkt hielt er an dem Unternehmen Aktien in Höhe von bis zu 25 Millionen US-Dollar. Da die USA im Westen als Vorbild gelten, kauften auch andere Staaten massenweise Tamiflu, was die Unternehmens-Aktien in ungeahnte Höhen katapultierte.

    Ein neuer Kassenschlager...

    Doch auch bei der Schweinegrippe blieb die erwartete Pandemie aus. In den Lagern und Apotheken weltweit stapelten sich Tamiflu-Kartons im Wert von Milliarden. Schließlich war das Haltbarkeitsdatum überschritten und das Medikament musste ungenutzt vernichtet werden. Noch heute wird Tamiflu als einer der größten und teuersten Pharma-Skandale weltweit angesehen. Bis jetzt, denn nun hat Gilead einen neuen Kassenschlager: Das Corona-Medikament Remdesivir.

    Hallo, Mr. President...

    So begab es sich im März 2020, dass Präsident Donald Trump die führenden Köpfe der US-Pharmaindustrie in das Weiße Haus zitierte. Die Spitzenleute von Pfizer, Johnson & Johnson, GlaxoSmithKline oder Sanofi sollen Trump, Vizepräsident Mike Pence und Gesundheitsminister Alex Azar erklären, wie schnell die USA mit der Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen gegen das Virus rechnen können. Laut Teilnehmern hat der Präsident ungeduldig und nervös gewirkt, mehr als ein paar Sätze lässt er die Pharma-Bosse nicht vortragen, Trump will rasche Lösungen. Doch der als Chef von Gilead anwesende Daniel O’Day gewinnt Trumps Aufmerksamkeit – mit großen Folgen.

    Hoffnungsträger Remdesivir

    Der wortgewandte Texaner inszeniert sein vor zehn Jahren entwickeltes Mittel Remdesivir als Hoffnung im Kampf gegen die Lungenkrankheit Covid-19. Dabei gab es zu diesem Zeitpunkt bestenfalls vage Hinweise auf eine Wirksamkeit. Ursprünglich war das Medikament als Ebola-Mittel entwickelt worden mit überschaubarem Erfolg. Auch gegen Hepatitis C zeigte Remdesivir unbefriedigende Ergebnisse. Gilead stand mit dem Rücken zur Wand: Das Unternehmen stand Anfang 2020 kurz davor, vom britischen Pharma-Konzern Astra Zeneca für mehr als 100 Milliarden US-Dollar geschluckt zu werden. Es wäre der weltweit größte Deal in der Pharma-Branche aller Zeiten gewesen. Doch Daniel O’Day weiß sich zu verkaufen.

    Ein folgenreiches Versprechen

    Er verspricht Donald Trump bei dem Treffen im Weißen Haus, die Produktion von Remdesivir massiv hochzufahren und der Präsident ist begeistert. Tatsächlich zeigt bis heute nur eine einzige Studie die mögliche Wirksamkeit des Medikaments. Rund 1.000 Corona-Patienten wurden mit Remdesivir getestet, das Ergebnis: Das Mittel soll die Beatmungszeit auf Intensivbetten von 15 auf 11 Tage verkürzen. Die Nebenwirkungen können aber massive Leberschäden sein. Dennoch, die Vereinbarung zwischen den USA und Gilead sieht laut dem Gesundheitsministerium des Landes den Erwerb von Wirkstoff-Dosen für mehr als 500.000 Behandlungen vor. Das wären 100 Prozent der geplanten Produktionsmenge für Juli sowie jeweils 90 Prozent für August und September.

    ​Die Behandlung mit Remdesivir kostet die US-Regierung pro Anwendung übrigens 2.340 Dollar. Das heißt, allein im Monat Juli ergibt das für Gilead Mehreinnahmen von knapp 1,2 Milliarden US-Dollar. Seit einigen Tagen ist das Mittel auch für den europäischen Markt zu einem ähnlichen Preis zugelassen. Das Medikament soll in 127 Länder exportiert werden, auch in Deutschland ist es mittlerweile angekommen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn erklärte zuletzt, der Bedarf für die kommenden Wochen sei gesichert. In der Zentralapotheke des Bundes gebe es nun entsprechende Reserven. Dabei handelt es sich um Remdesivir für 600 bis 1.000 Behandlungen.

    Auch in deutschen Krankenhäusern...

    Wer hierzulande also künftig mit der durch Corona ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 auf einer Intensivstation landen sollte, in dessen Blutbahn dürfte dann auch Remdesivir aus den USA landen – und mit einem Beatmungsschlauch im Mund lässt sich nur schwerlich ein Einspruch erheben. Ach ja: Gilead will kostenlose Lizenzen an neun Generika-Hersteller in Indien, Pakistan und Ägypten vergeben. Vermutlich, weil die Bestellungen sonst den Produktionsrahmen des US-Unternehmens sprengen werden.

    Medikament statt Impfstoff

    Ginge es nach Gilead, so kann die Suche nach einem Corona-Impfstoff vermutlich noch länger dauern. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Pharma-Branche viel lieber Zeit und Geld in die Erforschung von Medikamenten, als in Impfungen investiert. Ersteres bringt langfristig einfach mehr Geld. Aus diesem Grund müssen Forschungen für einen Impfstoff von den Regierungen finanziell massiv gefördert werden, begleitende Medikamente dagegen werden von Pharma-Konzernen schnell aus dem Hut gezaubert. Daniel O’Day kassierte dafür zuletzt bei Gilead ein Jahresgehalt von 29 Millionen plus Aktienanteile von knapp 4 Millionen US-Dollar. Das war vor Corona, Bezüge und Aktienwert dürften nun in luftige Höhen schnellen.

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    Deutschland, Pandemie, Jens Spahn, Covid-19, USA, Gilead Sciences Inc, Pharma-Konzern, Coronavirus