12:22 29 November 2020
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    Der chinesische Riese Tencent hat das Unternehmen von Mark Zuckerberg übertroffen und kostet inzwischen 670 Milliarden Dollar. Sputnik unterhält sich mit chinesischen Experten darüber, ob sich China in einigen Bereichen inzwischen tatsächlich als Spitzenreiter etabliert hat.

    Viele Jahre lang waren US-amerikanische High-Tech-Konzerne unanfechtbare Branchenführer, aber jetzt liegt das Reich der Mitte vorne, und zwar sowohl bei der Entwicklung der 5G-Technologien als auch auf den Gebieten soziale Netzwerke, Entertainment und Gaming.

    Die Tencent-Aktien sind in diesem Jahr an der Hongkonger Börse um 45 Prozent teurer geworden, während die Facebook-Wertpapiere in New York „nur“ um 14 Prozent stiegen. Der Marktwert der chinesischen Firma legte rasant zu, nachdem ein neunmonatiges Verbot der chinesischen Behörden für Veröffentlichung von neuen Digitalspielen abgeschafft wurde. Ein großer Teil des Tencent-Profits entfällt ausgerechnet auf Videospiele, denn das Unternehmen entwickelt in diesem Beriech solche „Bestseller“ wie Honour of Kings und Peacekeeper Elite.

    Allerdings florieren chinesische Unternehmen nicht nur dank dem Gaming. Andere High-Tech-Riesen machen ebenfalls Fortschritte. Alibaba hatte beispielsweise Facebook noch früher nach dem Marktwert hinter sich gelassen. Aktuell ist diese Firma die sechstteuerste weltweit, während Tencent gleich nach ihr kommt. Und selbst die Verlangsamung der chinesischen Wirtschaft wegen der Corona-Pandemie macht Investoren keine Angst. Aktien chinesischer Konzerne erleben einen nachhaltigen Aufwärtstrend und Investoren sind zuversichtlich, dass sich die Situation auch weiter positiv entwickeln wird.

    Nachdem US-amerikanische High-Tech-Konzerne jahrelang Marktführer waren, liegt inzwischen das Reich der Mitte vorne. Huawei gehört mehr als ein Drittel aller Patente im 5G-Bereich. Außerdem wurde dieser Konzern im zweiten Vierteljahr Spitzenreiter nach der Zahl der weltweit verkauften Smartphones vor Samsung. Obwohl Huawei vom US-Wirtschaftsministerium auf die „schwarze Liste“ gesetzt wurde, spielte das keine besonders große negative Rolle, weder für diese Firma noch für andere chinesische Unternehmen. SenseTime, teuerstes Startup im KI-Bereich, rechnet in diesem Jahr mit einer Milliarde Dollar Investitionen von privaten Anlegern. Ähnliche Pläne hegt auch die Konkurrenz Megvii. Und die Firma iFlytech verkündete einen Einnahmenzuwachs um 51 Prozent – trotz der US-Sanktionen.

    US-amerikanische High-Tech-Unternehmen setzen immer öfter auf Konfrontation mit China, wenn sie ihr Vorgehen rechtfertigen oder von den Behörden in Washington zusätzliche Präferenzen bekommen wollen. So fand vor einigen Tagen im Kongress eine Sitzung des juristischen Unterausschusses für Anti-Monopol-Politik statt, und Top-Manager von Google, Facebook, Amazon und Apple verwiesen immer wieder auf das wachsende Potenzial der Volksrepublik, dem man etwas entgegensetzen sollte – obwohl sie dorthin eigentlich zu einem anderen Zweck eingeladen worden waren. Sie behaupteten, Google, Facebook, Amazon und Apple würden ihre Marktdominanz und die Daten ihrer Nutzer einsetzen, um andere – kleinere, wenn auch aussichtsreiche – Firmen vom Markt zu verdrängen. Dabeiklangen ihre Antworten nicht gerade konkret und argumentiert. Sie wiederholten einfach die These von ihrer Wichtigkeit für die Entwicklung Amerikas und von ihrer Aufgabe zur Verteidigung der amerikanischen liberalen Werte. Zuckerberg erklärte beispielsweise, Facebook würde die „amerikanischen Werte“ weltweit verbreiten, die allerdings nicht weltweit geteilt werden – und führte China als Beispiel an, wo nach seinen Worten „ein alternativer Cyberraum entwickelt wird“.

    Chinesische und sogar amerikanische Massenmedien fragen inzwischen: Worauf lässt sich Zuckerbergs Sinneswandel zurückführen? Denn erst 2015 hatte er aussichtsreiche chinesische Unternehmen noch gelobt, und jetzt hängt er das Thema „chinesische Gefahr“ an die große Glocke, um selbst zu profitieren. Oder sind US-Unternehmen tatsächlich dermaßen schwach, dass sie jetzt die „chinesische Gefahr“ so fürchten? In Wahrheit hätte sich China in einigen Bereichen inzwischen tatsächlich als Spitzenreiter etabliert, aber im Allgemeinen blieben die Amerikaner noch weit vorne, sagte der chinesische Experte für Internet-Technologien, Liu Xiangliang, gegenüber Sputnik. „Obwohl sich die chinesischen Technologien sehr intensiv entwickeln, bleiben die USA nach wie vor der globale Marktführer, und China kann ihnen keine Konkurrenz leisten. In einzelnen Aspekten hat China sie vielleicht sogar überholt. Aber was die komplexe wissenschaftlich-technische Stärke angeht, so bleiben die USA nach wie vor auf Platz eins.“

    Dem Experten zufolge ist Facebook auf einige Probleme gestoßen, die seinen Marktwert negativ beeinflussen. Zudem ist Tencent inzwischen ein besser diversifiziertes Unternehmen, das nicht nur soziale Netzwerke entwickelt.

    „Dass Tencent Facebook übertroffen hat, ist meines Erachtens nur eine Episode. Das ist passiert, weil Facebook den Erwartungen nicht gerecht wurde. In den letzten zwei Jahren war die Firma mit großen Problemen konfrontiert und Strafen ausgesetzt, unter anderem wegen Datenschutz-Problemen, wegen der Einmischung in die Politik usw. Auch innerhalb des Unternehmens gibt es reichlich Probleme. Und als Facebook eine Talfahrt erlebte, wuchs Tencent intensiv. Zudem ist Facebook vor allem ein soziales Netzwerk, während sich Tencent nicht nur auf dieses Gebiet beschränkt. Das größte Geschäft des Unternehmens ist die Entwicklung von Digitalspielen. Deshalb geht es nicht nur um die Rivalität der sozialen Netzwerke. Außerdem liegt Facebook nur zeitweise zurück. Falls das US-Unternehmen seine Probleme in den Griff bekommt, könnte es Tencent nach dem Marktwert wieder übertreffen.“

    Das Erfolgsgeheimnis von Tencent, Alibaba und anderen chinesischen Unternehmen besteht tatsächlich darin, dass sie gleichzeitig verschiedene Geschäfte betreiben. WeChat (gehört Tencent) ist beispielsweise nicht nur ein Messenger, sondern eine Super-App, die ihren Nutzern unter anderem ermöglicht, Geld zu überweisen, Flugtickets zu kaufen, Hotels zu buchen usw. In einigen chinesischen Regionen wurden WeChat-Accounts sogar testweise dem Personalausweis gleichgestellt. Die meisten Experten erkennen an, dass es schwer sei, wenigstens einen Tag in China zu verbringen, ohne ein Produkt von WeChat oder Alibaba zu nutzen. Und natürlich wachsen unter solchen Bedingungen die Profite der Unternehmen – trotz der Krise.

    Aber noch wichtiger ist, dass die meisten chinesischen Unternehmen keine Konkurrenz für ihre amerikanischen „Kollegen“ sind, denn sie arbeiten praktisch auf parallelen Märkten. Facebook und Google sind im Reich der Mitte gesperrt, dessen Markt also von chinesischen sozialen Netzwerken geprägt wird. Tencent und Alibaba sind ihrerseits nicht besonders aggressiv auf ausländischen Märkten. Deshalb geht es für die westlichen und chinesischen Unternehmen in Wahrheit um keine richtige Konkurrenz, sondern eher um eine Verteilung der Einflussbereiche.

    Darin besteht wohl der größte Unterschied zwischen den chinesischen und amerikanischen Unternehmen. Außer Huawei konnte kein einziger High-Tech-Riese ein wirklich globales Unternehmen werden.

    Darin liege ihre aktuelle Schwäche, so der Experte.

    „Ich denke, dass eines der Hauptprobleme der chinesischen Unternehmen die mangelnde Internationalisierung ist. Wir sehen, dass die Einnahmen chinesischer Firmen vor allem aus dem chinesischen Markt kommen. US-Unternehmen wie Apple, Microsoft, Amazon, Google und Facebook sind globale Unternehmen. Man kann sagen, dass die Globalisierung ein wichtiger nächster Schritt ist, den alle chinesischen Unternehmen tun sollten. Zudem zeigt der US-Druck gegen Huawei, wie schwach wir bei fundamentalen Forschungen und Entwicklungen sind, wie einfach wir von Chips bzw. Betriebssystemen abgeschnitten werden können. Deswegen ist es wichtig, Kompetenzen durch fundamentale Studien zu entwickeln.“

    Doch kurzfristig verschafft die „Lokalität“ der chinesischen Unternehmen einen gewissen Vorteil: Sie sind nicht so sehr durch Sanktionen und Vorwürfen der „Giftigkeit“ seitens westlicher Politiker verwundbar. Für die inländische Kundschaft spielen diese Vorwürfe keine besondere Rolle. Die jetzigen Erfolge bei den Verkäufen von Huawei-Smartphones wurden vor allem dank des Binnenmarkts möglich. Das chinesische Unternehmen verkaufte im zweiten Quartal 55,8 Millionen Smartphones, während Samsung nur 53,7 Millionen veräußerte. Doch 70 Prozent der Huawei-Verkäufe entfielen auf den chinesischen Markt. Somit stützen sich chinesische Unternehmen in ihren Geschäftsstrategien gänzlich auf die Inlandsnachfrage.

    Die Rhetorik der „chinesischen Gefahr“ in den USA wird ein trendiges politisches Meme, die Wirtschaft versucht dies im eigenen Interesse zu nutzen. Erstmals sprach Zuckerberg vom Eindämmen Chinas, als er im vergangenen Jahr zu einem Kongress zum Projektder übernationalen Währung Libra eingeladen wurde. Obwohl Facebook mit 2,4 Milliarden Nutzern in der ganzen Welt über eindeutige Vorteile zur Popularisierung der Kryptowährung im Vergleich zu chinesischen, auf dem Binnenmarkt tätigen Unternehmen verfügt, versuchte der Facebook-Gründer trotzdem, das Washingtoner Establishment davon zu überzeugen, dass im Falle einer Nicht-Genehmigung von Libra dieser Platz von China besetzt werde. Damals zeigten diese Argumente keine Wirkung – nicht nur die Fed, sondern auch europäische Institutionen sehen in Libra weiterhin eine Bedrohung für die Finanzstabilität und Sicherheit. Die Einschüchterung mit China half auch diesmal nicht – die Kongressmitglieder kamen trotzdem zu dem Schluss, dass US-amerikanische High-Tech-Riesen Bedingungen für einen unlauteren Wettbewerb auf dem Markt schaffen.

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    Tags:
    5G, Huawei, Facebook, China