07:19 29 September 2020
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    Der Maschinenbau in Ostdeutschland kämpft weiterhin hart mit der Corona-Krise. Zwei von drei ostdeutschen Unternehmen in der Branche bewerten ihre aktuelle Geschäftslage „als negativ“. Dies teilte der „Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau“ in Ostdeutschland (VDMA Ost) mit. Sputnik hat daraufhin bei Geschäftsführer Oliver Köhn nachgefragt.

    „Die Coronavirus-Pandemie hinterlässt im ostdeutschen Maschinen- und Anlagenbau immer tiefere Spuren. So bewerteten im zweiten Quartal 2020 zwei von drei Unternehmen ihre Geschäftslage negativ. Ausschlaggebend dafür waren vor allem fehlende Aufträge und Umsatzeinbußen.“

    Dies geht aus einer aktuellen Pressemitteilung des ostdeutschen „Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau“ (VDMA Ost) hervor, die der Redaktion vorliegt. Die Zahlen basieren auf einer „Konjunkturumfrage des VDMA-Landesverbandes Ost unter seinen 350 Mitgliedern in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. (…) Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Virus-Pandemie für den ostdeutschen Maschinen- und Anlagenbaus sind immens. Nachdem die Unternehmen bereits im ersten Quartal 2020 erhebliche Einschnitte verzeichneten, gaben zur Jahresmitte wichtige Kennzahlen wie Kapazitätsauslastung, Auftragsbestand und Umsatzrendite erneut nach.“

    „Doch langsam kehrt auch wieder etwas Zuversicht zurück.“

    Sputnik wollte dazu mehr erfahren und erhielt die Möglichkeit, mit VDMA-Ost-Geschäftsführer Oliver Köhn über die aktuelle Situation im ostdeutschen Maschinenbau zu sprechen.

    „Eingetrübte Stimmung“ im ostdeutschen Maschinenbau

    „Unsere Umfragen haben gezeigt, dass sich im zweiten Quartal die Stimmung (im ostdeutschen Maschinenbau, Anm. d. Red.) noch einmal eingetrübt hat, im Vergleich zum ersten Quartal 2020“, sagte er. „Wenn man sich die längerfristigen Zahlen und Entwicklungen ansieht, dann ist das schon besorgniserregend. Wir hatten im vierten Quartal 2019 noch knapp 63 Prozent der Unternehmen (in unserem Verband, Anm. d. Red.), die ihre Lage als ‚gut‘ oder ‚sehr gut‘ eingeschätzt haben. Mittlerweile sind wir bei 35 Prozent der Unternehmen, die ihre Lage so bewerten. Das ist schon sehr sinnbildlich für die aktuelle Situation in der Branche.“

    Weggefallene Messen und ausbleibende Einnahmen

    Die Corona-bedingten Reisebeschränkungen erschweren laut VDMA-Ost den Kundenkontakt, Projektabschlüsse sowie Service-Leistungen. Es gebe Hindernisse beim internationalem Transport. Den Konjunkturpaketen der Bundesregierung fehle eine „klare Strategie zur nachhaltigen Entlastung von Unternehmen und Mitarbeiter.“ Wegfall von Messen seien weitere große Probleme für den ostdeutschen Maschinenbau.

    „Das ganze Messe-Geschäft (das sonst alljährlich läuft, eine sichere Einkommensquelle und auch ein Ort für Geschäftsabschlüsse ist, Anm. d. Red.) ist weggebrochen“, so VDMA-Ost-Chef Köhn. „Dort werden neben der Kontaktpflege auch Aufträge geschrieben und Umsätze angebahnt. Das fehlt im Moment tatsächlich. Wir sehen ein ganz wichtiges Problem auf der Auftragseingangsseite. Es kommt im Moment einfach viel zu wenig Neues rein. Unternehmen haben in den letzten Monaten noch ein Stück weit von ihrem Auftragsbestand leben können und diesen sukzessive abgearbeitet. Aber irgendwann ist auch dieses Polster aufgezehrt und es kommt nichts Neues nach.“

    Weiterhin herrsche eine „große Investitionszurückhaltung bis hin zum Investitionsstopp bei Kunden weltweit.“ Dies zog „zum Teil massive Nachfrageeinbrüche und stark rückläufiger Auftrags- und Umsatzeingänge“ nach sich. „Kurzarbeit und Betriebsschließungen bei Kunden sowie Reisebeschränkungen verhindern die Inbetriebnahme/Abnahme von Maschinen, Service- und Wartungsleistungen“, heißt es weiter in der vorliegenden Presseerklärung.

    China und USA: Weiterhin zu wenig Nachfrage nach deutschen Maschinen

    „Unsere Umfragen haben jetzt gezeigt“, erläuterte Köhn, „dass am Anfang noch das Problem mit den Lieferketten eine gewisse Rolle gespielt hat. Das hat sich mittlerweile aufgelöst. Da haben die Unternehmen entweder das Verhältnis zu ihren angestammten Lieferanten wiederherstellen können bzw. zum Teil auch neue Lieferanten gefunden.“

    Er betonte:

    „Auf der Angebotsseite haben wir eigentlich sehr wenige Probleme – aber dafür eben auf der Nachfrageseite. Da kommt im Moment schlichtweg zu wenig. Insbesondere auch von den Absatzmärkten USA, China. Traditionell sehr starke Absatzmärkte für den deutschen Maschinenbau.“

    Der Markt leide unter einer „weiteren Zunahme des ohnehin hohen Preisdrucks, verschlechterte Zahlungsbedingungen und Zahlungsmoral und Liquiditätsengpässe.“ Auch die wirtschaftlich schwache Lage von Kundenbranchen wie in der Automobilindustrie hinterlasse ihre Spuren.

    Lichtblicke und Hoffnungsschimmer

    Doch es gibt auch positive Signale und Lichtblicke. „Die jüngsten Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen scheinen indes wieder mehr Zuversicht aufkommen zu lassen“, so der Verband.

    „Immerhin 21 Prozent der Unternehmen sehen bis September 2020 besseren Geschäftschancen entgegen – für das zweite Quartal sagten das vier Prozent. Die Hälfte aller Betriebe erwartet gleichbleibende Perspektiven. Fast 70 Prozent der Betriebe wollen zudem die Zahl der Mitarbeiter beibehalten oder erhöhen.“

    „Da schwingt sicherlich auch ein großer Teil Hoffnung mit“, kommentierte VDMA-Ost-Geschäftsführer Köhn im Interview.

    Dennoch lobte er kürzlich erfolgten Lockerungen und die europäischen Grenzöffnungen innerhalb der Europäischen Union (EU). „Das war ein ganz wichtiger Schritt. Gerade der ostdeutsche Maschinenbau ist innereuropäisch sehr stark aktiv. Das betrifft Reisewege von Vertriebsleuten, aber natürlich auch das gesamte Service- und Wartungsgeschäft. Das war ein wichtiger Punkt, wir müssen jetzt nur hoffen, dass wir nicht in eine zweite Welle hineinlaufen nach der Urlaubszeit. Man sieht im Moment, dass die Corona-Fallzahlen auch wieder ansteigen.“

    Dies mache dem ostdeutschen Maschinenbauverband Sorgen.

    „Wir hoffen natürlich sehr, dass sich die moderat positive Entwicklung der letzten Wochen fortsetzen kann und die Unternehmen langsam zur Normalität zurückfinden.“ Für die Konjunktur in Deutschland wäre es nämlich „sehr schlecht und schädlich“, wenn es zu einem weiteren Lockdown kommen würde. „Wir hoffen, dass man das regional auf bestimme Städte oder Landkreise eingrenzen kann, wenn noch einmal bestimmte Fälle (in Corona-Hotspots, Anm. d. Red.) auftreten sollten. Ein flächendeckender Lockdown wäre wahrscheinlich der KO für unsere Wirtschaft.“

    Ostdeutsche Maschinenbauer lösen sich „aus Schockstarre“

    „Wir haben die Auswirkungen gesehen, die die ersten Corona-Maßnahmen nach sich gezogen haben.“ Es sei nun an der Zeit, die Maßnahmen und den Shutdown wieder zu lockern, forderte Köhn. „In Mecklenburg-Vorpommern können die Kinder wieder die Schule gehen. Auch das ist ein ganz wichtiger Aspekt, weil das die Eltern entlastet.“ Ein sehr wichtiger Schritt für die Unternehmen, die sonst „keine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben.“

    Trotz der Unwägbarkeiten scheinen sich die Unternehmen des ostdeutschen Maschinen- und Anlagenbaus langsam aus der Schockstarre zu lösen „Es gibt durchaus Grund zur Hoffnung. Da ist auch ein Grundoptimismus dabei. Wir haben im Osten in den letzten 30 Jahren schon häufiger mit großen Veränderungen zu tun gehabt. Unternehmer, mit denen ich spreche, sind doch zuversichtlich, dass sie auch diese Krise bewältigen werden. Meist mit dem Unterton: ‚Wir haben schon ganz andere Sachen hinbekommen.‘ Man verlässt sich da auf das eigene Geschick, durch diese Krise zu manövrieren. Zum Glück für die Unternehmen gibt es auch Entlastungen: Kurzarbeit, steuerliche Entlastungen, die Möglichkeit, Liquidität zu finanzieren, die Azubi-Prämie. Das sind durchaus Maßnahmen, die den Unternehmen helfen. Insofern gibt es Optimismus und Zuversicht, dass sich das im Herbst wieder aufhellen wird.“

    Es komme letztlich aber darauf an, wie sich die Corona-Pandemie von den Fallzahlen her weiter entwickeln werde. „Wenn alles im Rahmen bleibt, dann denke ich schon, dass die Unternehmen ein Stück weit wieder ihr normales Arbeitsgeschehen wieder aufnehmen werden und langsam wieder hochfahren können. Das hoffen wir alle. Dass wir möglicherweise zum Jahresende hin wieder positiv auf das Jahr 2021 blicken können. Auch das haben unsere Umfragen gezeigt: Es glauben doch einige Unternehmen, dass wir im nächsten Jahr bzw. spätestens 2022 wieder ein Auftrags-Niveau in etwa vom Jahr 2019 sehen werden. In Ostdeutschland glauben dies über 80 Prozent der Firmen. Das heißt natürlich auch: Wir werden noch ein, zwei recht magere Jahre vor uns haben. Doch spätestens dann – so ist im Moment der Ausblick – sollten wir auf einem vernünftigen Niveau (in Produktion und Auftragslage, Anm. d. Red.) angekommen sein.“

    Deutschlands Autobauer ebenso „zuversichtlich“ – ifo-Institut

    Passend zu dieser Einschätzung veröffentlichte das „ifo“-Institut für Wirtschaftsforschung am Dienstag eine neue Konjunktur-Umfrage, die kürzlich innerhalb der deutschen Autoindustrie durchgeführt wurde. Die deutschen Autobauer senden demnach „erste Anzeichen, dass ihr Geschäft wieder Fahrt aufnimmt. Die Geschäftserwartungen sind im Juli den zweiten Monat in Folge deutlich gestiegen, auf 43,7 Punkte, nach 26,9 Punkten im Juni.“

    Jedoch befinde sich der Indikator für die aktuelle Geschäftslage im Juli „immer noch im Minus.“ Die Entwicklung des Personalbestands bleibe besorgniserregend, sagte ein Ökonom am Institut.

    Die Nachfrage nach deutschen Automarken habe gegenüber dem Vormonat „leicht angezogen. Die gestiegene Nachfrage konnte oft aus dem Lager bedient werden. (…) Die Produktionserwartungen stiegen den dritten Monat in Folge. (…) Die Autobauer erwarten auch eine Zunahme ihrer Exporte.“

    Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e. V. (VDMA) ist mit über 3300 Mitgliedern Europas größter Industrieverband mit Hauptsitz in Frankfurt am Main. Der Landesverband Ost (VDMA-Ost) bietet laut Eigenaussage Mitglieds-Firmen und Unternehmen im Maschinenbau in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen „genau die Leistungen, die sie in der täglichen Praxis brauchen. (…) Mit individueller Beratung, praxisnahen Veranstaltungen und einem umfassenden Netzwerk.“

    Das komplette Radio-Interview mit Oliver Köhn (VDMA Ost) zum Nachhören:

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    Coronavirus, VDMA, Ostdeutschland, Maschinenbau