18:42 25 November 2020
SNA Radio
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    Von
    13226628
    Abonnieren

    In Deutschland werden die bekanntesten Impfstoffentwicklungen zwar von Biontech und Curevac durchgeführt. Doch nach einer „nationalen“ Entscheidung sieht das wenig aus, wie die bereits platzierten Aufträge in Milliardenhöhe zeigen. Sputnik gewährt Einblicke in den künftigen Impfstoffmarkt.

    „Wir werden wahrscheinlich so schnell einen Impfstoff haben bei dem neuen Virus wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte“, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn vor gut einer Woche - „in den nächsten Monaten und sicher auch im nächsten Jahr“. Wer mit „wir“ gemeint war, bleibt offen.

    Für Zuversicht bei den Teilnehmern des Impfmarktes und Regulierungsbehörden sorgte seinerseits der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, der die ersten Zulassungen und Impfungen für Anfang 2021 in Aussicht stellte. „Es gibt erste Elemente einer Impfkampagne, die derzeit abgestimmt und laufend aktualisiert werden“, verriet ein Sprecher des Gesundheitsministeriums weiter gegenüber Sputnik. Eine detailliertere Impfkampagne könne aber erst finalisiert werden, wenn feststehe, welche Impfstoffe mit welchen Eigenschaften und in welcher Größenordnung zur Verfügung stehen werden, und welche Risikogruppen zuerst geimpft werden sollen.

    Was kann mit den „ersten Elementen einer Impfkampagne“ gemeint sein?

    Nehmen wir das börsennotierte Mainzer Unternehmen Biontech, das gerne mit der Bill & Melinda Gates Foundation bei der Entwicklung von HIV- und Tuberkulose-Programmen zusammenarbeitet. Mit seinem mRNA-basierten Impfstoffkandidaten gegen Covid-19, BNT162b2, gehört Biontech zu den wenigen Herstellern, die bereits in großen Phase-3-Studien testen.

    In einer globalisierten Welt arbeitet das Unternehmen allerdings auch am Corona-Impfstoff nicht allein, sondern zusammen mit Pfizer, einem Pharmariesen aus New York. Der gemeinsame Impfstoffkandidat hat laut dem Pfizer-Chef Albert Bourla „sehr, sehr, sehr starke“ Daten. An diesem Freitag haben die Partner erste positiven Daten zu BNT162b2 veröffentlicht. Die US-Regierung hat bei den beiden Firmen bereits die ersten 100 Millionen Dosen für 1,95 Milliarden Dollar geordert, mit 19,50 Dollar je Einheit. Insgesamt sollen Pfizer und Biontech schon mehreren Ländern über 250 Millionen Einheiten zugesagt haben, einschließlich Großbritannien. 100 Millionen Dosen wollen die Unternehmen nach eigenen Angaben noch in diesem Jahr und 1,3 Milliarden Einheiten im kommenden Jahr produzieren.

    Dank der Entwicklung eines eigenen, ebenfalls mRNA-basierten Covid-19-Impfstoffes, hat der Tübinger Impfstoff-Entwickler Curevac in der vergangenen Woche an die Nasdaq gehen - und den Wert in den ersten beiden Tagen nach dem Börsengang mehr als vervierfachen können. Die EU-Kommission beteiligt sich bereits an fortgeschrittenen Gesprächen mit Curevac über die Bereitstellung von bis zu 405 Millionen Dosen seines Impfstoffes - auch wenn die Tübinger in der klinischen Entwicklung mit ihrem Produkt noch einige Monate zurückliegen. Mit der klinischen Studie der letzten Phase will man erst im Laufe des 4. Quartals 2020 beginnen - dafür aber einen besonders effizienten Impfstoff bekommen.

    Keine nationale Impfstoffbeschaffung - auch in Deutschland

    Über eine Woche nach der merkwürdigen Entfernung eines Thesenpapiers über die Verfügbarkeit eines Impfstoffs schon bis Herbst 2020 lässt das Robert Koch-Institut (RKI) immer noch auf die korrekte Version des „zwischenzeitlich mehrfach überarbeiteten“ Dokuments warten. Doch beim öffentlichen Zugang zum Impfstoff in Deutschland ist das RKI gar nicht die letzte Instanz.

    Ein Ende des „Impfstoff-Nationalismus“ forderte kürzlich der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus. Zwar war das Gesundheitswesen in der Corona-Pandemie auf nationale Lösungen angewiesen, aber nun das darf bei der Beschaffung der Impfstoffe nicht so sein. Seit einigen Wochen schließt die EU-Kommission laut einem internen Papier im Namen aller 27 Partnerländer Abkommen mit verschiedenen Impfstoff-Herstellern, sodass auch Deutschland nicht mehr auf die nationale Impfstoffbeschaffung setzen darf. Im gesamteuropäischen Konzept geht auch die Impfallianz von Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden auf, die Mitte Juni geschlossen wurde. So besteht bereits eine Vorvereinbarung über 400 Millionen Dosen mit dem britischen ebenfalls börsennotierten Pharmakonzern Astrazeneca, der mit der Oxford University am Impfstoff AZD1222 forscht. Das Vakzin beruht auf einer abgeschwächten Version eines Erkältungsvirus von Schimpansen und durchläuft bereits die letzte klinische Phase.

    Insgesamt rechnen die Experten des US-Analysehauses Bernstein Research mit 20 Milliarden Dollar Umsatz alleine für die erste Impfwelle 2021. Laut den Analytikern der US-Beratungsfirma Evercore ISI sollten die Covid-19-Impfstoffe in den nächsten Jahren einen Umsatz von 100 Milliarden US-Dollar und einen steuerbereinigten Gewinn von 40 Milliarden US-Dollar bringen, wobei der US-Riese Moderna 40 Prozent des Marktes ausmachen soll. Dabei umfasst der bereits etablierte Impfstoffmarkt lediglich etwa 35 Milliarden Dollar. Ob man sich da noch Sorgen macht, dass das nichtkommerzielle russische Gamaleja-Institut mit Sputnik V ihnen den Markt streitig machen könnte?

    Schließlich scheint es neben den finanziellen Interessen der Marktspieler um die Nachfrage nach den Impfungen zu gehen, die schon jetzt enorm ist - und von Regierungen unterstützt wird. Dass es zu einer Impfpflicht kommen könnte, dementierte Gesundheitsminister Spahn kürzlich erneut im ZDF. Zwar müssten sich 55 bis 65 Prozent der Bürger impfen lassen, damit das Infektionsgeschehen zum Erliegen komme, so Spahn. Aber: „Diese Größenordnung werden wir mit Freiwilligkeit erreichen, da bin ich fest von überzeugt.“ 

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Mine explodiert an Öltanker vor Küste Saudi-Arabiens
    Fußball-Legende Diego Maradona stirbt an Herzstillstand – Medien
    Moskau antwortet auf polnische Vorwürfe bezüglich Massaker von Katyn