10:32 04 Dezember 2020
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    Der Lockdown in der Corona-Krise war ein Fehler. Währungen wie der Dollar stehen vor dem Abgrund. Zentralbanken wie die der USA versuchen über „Zins-Kontrolle“ die Misere nur zu verzögern. So sieht Ökonom Thorsten Polleit, Chef-Volkswirt beim Goldhändler „Degussa“, die aktuelle Lage der Weltwirtschaft. Im Sputnik-Interview erklärt er mehr.

    „Am 19. August gaben die Preise für Gold und Silber merklich nach: Der Goldpreis fiel zurück auf 1.928,21 US-Dollar je Unze (oz) (sprich: minus 3,6 Prozent gegenüber dem Vortag), der Silberpreis fiel auf 26,54 USD/oz (minus 4,2 Prozent gegenüber dem Vortag).“ Dies schreibt Thorsten Polleit, Chef-Volkswirt beim Goldhändler „Degussa“, in einem aktuellen Finanz-Kommentar, der der Sputnik-Redaktion vorliegt.

    „Der Grund für die Preisbewegung war sehr wahrscheinlich ausgelöst durch die Veröffentlichung des Gesprächsprotokolls der letzten Sitzung des US-Zentralbankrates (der FED bzw. Federal Reserve, Anm. d. Red.), stattgefunden vom 28. bis zum 29. Juli 2020. In diesem Protokoll ist zu lesen, dass die FED-Räte derzeit von der Idee Abstand halten wollen, ‚Zinsobergrenzen‘ oder ‚Zinsziele‘ für die längerfristigen US-Anleihemärkte zu verkünden. (…) Man nennt das auch die Politik der ‚Zinskurven-Kontrolle‘. (…) Aus dem Gesprächsprotokoll kann man erfahren, dass aus Sicht der (FED-Entscheider, Anm. d. Red.) eine derartige Zinskontrollpolitik derzeit keine Notwendigkeit ist.“

    Ziel der Zentralbanken: Zins-Kontrolle und Tarnen der „heillosen Überschuldung“

    Dazu erklärte der Ökonom im Sputnik-Interview:

    „Zinsobergrenzen und Zinsziele sind Bemühungen (der Zentralbanken, Anm. d. Red.), Kapitalmarkt-Zinsen noch enger kontrollieren zu können“, erläuterte Gold- und Finanzmarkt-Experte Polleit. „Denn das weltweite, ungedeckte Papiergeld-System ist in eine Schieflage geraten. Die Volkwirtschaften dies- und jenseits des Atlantiks sind heillos überschuldet. Diese Verschuldungs-Problematik zeigt sich nicht nur im US-Dollar, sondern auch im Euro. Der Zins spielt eine ganz entscheidende Rolle, diese Schulden-Pyramide vor dem Einsturz zu bewahren.“

    Der Zins werde demnach „von der Zentralbank“, wie beispielsweise von der US-Zentralbank FED, bestimmt.

    „Man kann auch sagen, der Zins wird diktiert. In früheren Jahren, also noch vor Ausbruch der letzten beiden Finanzmarkt-Krisen (darunter die ‚Subprime-Krise‘ 2008, Anm. d. Red.), hatte sich die Zentralbank in der Regel darauf beschränkt, den Kurzfrist-Zins zu steuern. Mittlerweile reicht das nicht mehr, man steuert jetzt auch den Langfrist-Zins. Das macht man, damit die Zinsen tief bleiben. Damit billiges Geld weiter in die Märkte gepumpt und das Dauerschuld-Geldsystem in Gang gehalten werden kann.“

    Welche FED- und Geld-Politik verfolgt Trump?

    „Dieser politisch diktierte Lockdown hat eine Verheerung ausgelöst“, stellt Finanzmarkt-Analytiker Polleit fest.

    „Die US-Wirtschaft ist auf das Jahr hochgerechnet um mehr als 34 Prozent eingebrochen, gegenüber dem Vor-Quartal. Übrigens: Deutschland um etwa 35 Prozent. In Amerika war es aber nicht US-Präsident Trump, der für diesen Absturz verantwortlich war. Sondern: Diese Entscheidung, die Wirtschaft zu schockgefrieren, haben die Gouverneure in ihren Bundesstaaten beschlossen. Darunter Demokraten und Republikaner. Man kann natürlich nicht Präsident Trump diese Misere zusprechen.“

    Er nannte die in den Wirtschaftswissenschaften gängige Theorie: „Niedrige Zinsen befördern das Wachstum und helfen, neue Jobs zu schaffen. Dieser Idee hängen alle an, das schließt auch Trump mit ein. Er will natürlich auch, dass Jobs geschaffen werden, dass die Wirtschaft wieder läuft – um wiedergewählt zu werden. Da unterscheidet er sich nicht von seinen Vorgängern oder den Politikern in Deutschland. Die Politiker wollen immer billiges Geld und tiefe Zinsen, damit die Wirtschaft läuft.“

    Während aktuell an vielen Stellen in der US-amerikanischen Wirtschaft krisenhafte Erscheinungen – nicht erst seit der Corona-Krise, sondern strukturell bedingt seit vielen Jahrzehnten – mehr als deutlich erkennbar sind, verkündete das Weiße Haus in Washington in den letzten Wochen immer wieder Pressemitteilungen, wonach der US-Arbeitsmarkt es sogar geschafft habe, selbst in der Krise neue Jobs und Arbeitsplätze zu schaffen. Trump spricht die Stärkung der US-Binnenwirtschaft sowie landeseigener Exporteure und Unternehmen auch immer wieder in vielen seiner Reden an.

    „Der Bericht des Bureau of Labour Statistics über die Beschäftigungssituation im Mai zeigt, dass die US-Wirtschaft im vergangenen Monat 2,5 Millionen Arbeitsplätze geschaffen hat und die Arbeitslosenquote von 14,7 Prozent auf 13,3 Prozent gesunken ist“, meldete die US-Regierung beispielsweise im Juni.

    Warum FED die Edelmetalle Gold und Silber „verunsichert“

    „Die Edelmetallmärkte scheint das Fed-Protokoll enttäuscht beziehungsweise verunsichert zu haben“, schreibt Ökonom Polleit weiter in seinem Finanz-Kommentar. „Denn die Möglichkeit, dass die Zinsen vielleicht doch wieder steigen könnten, belastet die Gold- und Silberpreise (und natürlich auch die Aktien- und Häusermärkte). (…) Warum der negative Effekt auf die Edelmetallpreise? Nun, der Grund ist, dass die US-Zinsen die Kosten der Goldhaltung maßgeblich beeinflussen.

    Dies konkretisierte der Finanz-Analytiker im Sputnik-Gespräch:

    „Die Preise von Gold und Silber werden natürlich durch Angebot und Nachfrage getrieben. Aber insbesondere spielt dabei die erwartete Geld-Politik eine große Rolle. Im Vorfeld der letzten großen FED-Sitzung gab es im Edelmetallmarkt die Erwartung, dass man tatsächlich vielleicht schon bald zu einer Zinskontroll-Politik schreiten könnte, so wie wir das eingangs skizziert haben.“ Wenn dadurch die Zinsen noch tiefer absinken würden, wäre das für die Edelmetalle und deren Preisentwicklung positiv: „Weil ein tiefer Zins die Preise befördert.“

    Im seinem Kommentar heißt es weiter, dass „angesichts der weltweiten Schuldenproblematik (die Verschuldung der Volkswirtschaften streben im Zuge des politisch diktierten Lockdowns Rekordstände an, insbesondere in den USA) die Zentralbanken alles tun (müssen), um die Zinsen niedrig zu halten beziehungsweise weiter abzusenken.“

    Und genau dies sei „auch ein entscheidender Grund, warum wir es für sehr wahrscheinlich halten, dass der Preisboom bei den Edelmetallen sich fortsetzt, insbesondere bei Gold und Silber: Die Zinsen bleiben niedrig, und sie werden sogar sehr wahrscheinlich noch weiter fallen (in inflationsbereinigter Rechnung), und die Geldmengen steigen an und erhöhen die Güterpreisinflation.“

    Die Edelmetalle „Gold und Silber sind in diesem Umfeld sichere Häfen“.

    Der Chef-Volkswirt betonte vor diesem Hintergrund jedoch auch, es gebe keine Garantie, dass sich der langfristige Preisauftrieb des Goldes „im bisherigen Tempo fortsetzt; und dass es keine vorübergehenden Preisrücksetzer geben wird. Vielmehr werden die Preisschwankungen sehr wahrscheinlich hoch bleiben, vielleicht sogar noch weiter zunehmen.“

    Experten-Tipps für Anleger

    Danach stellte und beantwortete er folgende Frage: „Wie kann ich als Anleger am besten vorgehen?“

    Indem ich einen möglichst langen Anlagehorizont wähle. Wer mit einem langfristigen Horizont operiert (von, sagen wir, drei, fünf oder mehr Jahren), der hat nach wie vor gute Gründe, Gold und Silber auch bei den aktuellen Preisen zu erwerben: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Preise für Gold und Silber künftig viel höher stehen als heute, steigt mit der Länge des Anlagehorizonts.“

    Der Goldpreis je Feinunze lag am späten Donnerstagnachmittag bei etwa 1957 Dollar (umgerechnet etwa 1651 Euro). Silber kostete zum gleichen Zeitpunkt etwa 27,50 Dollar (circa 23,20 Euro).

    Das Radio-Interview mit Prof. Dr. Thorsten Polleit (Degussa) zum Nachhören:

     

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