04:09 29 Oktober 2020
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    Am Donnerstag ist der erste Fall von Afrikanischer Schweinepest in Deutschland festgestellt worden. Auch wenn die Krankheit in Deutschland bisher nur Wildschweine betrifft, könnte sie unbeobachtet Tausende Tiere auslöschen. Doch die Schweinepest könnte auch ein Umdenken in der Tierhaltung erzwingen – und somit positive Konsequenzen haben.

    Lange schon breitet sich die Afrikanische Schweinepest (ASP) in Osteuropa aus. Am letzten Donnerstag gab das Friedrich-Loeffel-Institut (Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit) bekannt, dass der erste ASP-Fall in Deutschland nachgewiesen wurde. ASP ist eine Krankheit, welche nur in Schweinen vorkommt und deswegen ungefährlich für Menschen ist. Konkret betroffen davon war ein Wildschweinkadaver, der im Spree-Neiße-Kreis in Brandenburg gefunden wurde.

    ASP endet innerhalb von zehn Tagen nach Kontamination für die infizierten Tiere fast immer tödlich. Die Krankheit gefährdet dabei vielleicht nicht den Menschen, dafür aber massiv die deutsche Fleischindustrie. Gerade am Ort der Fundstelle gelten in einem Sperrbezirk nun restriktive Regeln, was den Transport von Mast-Schweinen betrifft.

    Export verhindert

    Sobald die Krankheit in anderen Regionen auftaucht, könnte dies die Produktionskette heftig erschüttern. Der Transport von der Ferkelaufzucht über die Mäster bis zum Schlachter würde sich dadurch heftig verspäten. Zudem kommt hinzu, dass die Infektion eines ersten Hausschweins die Tötung aller im Bestand enthaltener Tiere mit sich ziehe. Dies wiederum würde dem Export von Schweinefleisch zumindest temporär ein Ende setzen, schreibt die internationale Nachrichtenagentur „Cicero“.

    Die Fleischindustrie produziert nämlich einen gewaltigen Überschuss: Ungefähr 1,3 Millionen Tonnen Fleisch und Fleischwaren exportierte Deutschland im letzten Jahr, schreibt der „Spiegel“ in einem Artikel. Dabei ging 2020 etwa ein Drittel des Schweinefleischs in die Volksrepublik China. Mit dieser ersten Infektion und einer potentiellen Verbreitung der Schweinepest stehen jedoch die Lieferungen nach ganz Asien auf dem Spiel.

    Dies ist bereits jetzt schon in gewissen Fällen die Realität: Zwar betreffe die Seuche noch keine für die Fleischindustrie vorgesehenen Tiere, doch Länder wie Südkorea hätten den Import von deutschem Schweinefleisch bereits jetzt schon angehalten. Fleisch, das kontaminiert wurde, habe nachweislich keine gesundheitsschädigende Wirkung gegenüber Menschen – es könne jedoch weitere Infektion von gesunden Schweinen begünstigen. Gerade in Südkorea war man im letzten Jahr gezwungen, 145.000 Schweine aufgrund der ASP zu keulen.

    Nachteile der Schweinefleischindustrie

    Auf dem Binnenmarkt wie auch beim Export herrscht ein erbarmungsloser Preiskampf um Schweinefleisch. Auch wenn große Konzerne dadurch Milliardengewinne generieren, die Arbeitsumstände, unter denen das Massenprodukt auf den Markt kommt, sind zum Teil unerträglich. Das neuste Beispiel dafür ist auch der Skandal um die „katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen“ des Tönnies-Konzerns, auf die auch die Öffentlichkeit aufmerksam wurde, so „Cicero“.

    Zudem ist die industrielle Schweinemast bei diesen Massen von Tieren der größte Grund dafür, dass Nitratbelastung in den Böden viel zu hoch ist. Dies wiederum betreffedas Trinkwasser, welches dadurch verschmutzt werde und somit sämtliche Regionen vor gewaltige Probleme stelle.Ein möglicher Zusammensturz dieser Branche könnte jedoch nicht nur mit Nachteilen verbunden sein. So mache „Cicero“ etwa auch auf die kurz- bis mittelfristige ökonomische Verwerfung aufmerksam. Dennoch könne die bevorstehende Kettenreaktion in Falle einer Ausbreitung von ASP dazu führen, dass durch die verhängten Exportverbote eine umfassende Neuausrichtung entstehe. Es bestehe also Hoffnung auf eine ökologischere und sozialere Umstrukturierung des „Schweinesystems“, die sich am Binnenmarkt orientiert und gleichzeitig mehr auf die Qualität des Fleisches fokussiert.

    Lage abwarten

    Die Bereitschaft, das Hygienekonzept jetzt zu ändern, sei allerdings noch nicht all zu groß, sagte der Landwirt Dietrich Pritschau zum Spiegel. Er ist ein Bauer aus Schleswig-Holstein und somit mehrere hundert Kilometer entfernt vom Fundort. Er besitzt insgesamt 100.000 Mastschweine und 430 Säue – mit diesen Zahlen gehöre er noch nicht zu den Großbetrieben. Unter den Bauern ist das Wissen, dass der Fall der Schweinepest in Deutschland auftrete, groß und deswegen habe sich auch bereits verstärkt eine Achtsamkeit auf den Umgang und den Transport der Tiere eingegliedert.

    „Wir achten bereits darauf, dass sich auf dem Betrieb keine Wege kreuzen und Personenverkehr im Stall minimiert ist. Transporter werden jedes Mal gewaschen und desinfiziert. Mit Versicherungen versuchen wir, wirtschaftliche Schäden im Vorhinein aufzufangen, ein Preisverfall wird so aber nicht aufgefangen“, sagte Pritschau zum „Spiegel“.

    Momentan stehe auf jeden Fall erstmal die Seuchenbekämpfung zur Prävention einer Verbreitung als erste Priorität dar. In einer 15-Kilomenter-Zone dürfe kein Schwein oder Schweinefleisch ausgeführt und außerdem solle der Seuchenherd eingezäunt werden. Ein Verzicht auf Jagd solle zudem helfen, dass Tiere nicht aus Versehen in andere Gegenden getrieben werden. Doch der Ministerpräsident des Landes Brandenburg, Dietmar Woidke (SPD), gab bekannt, dass auch die Bauern nicht im Stich gelassen werden: „Eines ist ganz klar: dass neben der Seuchenbekämpfung auch die Stabilisierung dieser Betriebe erfolgen muss.“ Dabei verwies der Politiker auf die Tierseuchenkasse und schlug vor, dass Landesregierung und Landesbauernverband zusammen nach Lösungen suchen sollen.

    lm

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    Tags:
    Fleisch, Deutschland, China, Südkorea, Schweinefleisch, Afrikanische Schweinepest