07:03 22 Oktober 2020
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    In Frankfurt/Main residieren die deutschen Büros der russischen Rating-Agentur RAEX. Sie veröffentlicht regelmäßig Einschätzungen zur Wirtschaftsfähigkeit Deutschlands. Neueste Zahlen deuten an, dass das Land selbst in der Corona-Krise weiterhin zu den internationalen Top-Playern im Finanz- und Wirtschaftssektor gehört. Dennoch bleiben Probleme.

    Die deutsch-russische Rating-Agentur RAEX-Europe mit Sitz in Frankfurt am Main hat neue Zahlen zum sogenannten „Rating“ für die Bundesrepublik Deutschland vorgelegt. Eine solche Rating-Analyse sagt aus, wie Deutschland momentan finanziell, volkswirtschaftlich und fiskalpolitisch aufgestellt ist. Diese Daten und dazugehörige Einschätzungen liegen der Sputnik-Redaktion vor.

    „Die Bestätigung der Kreditwürdigkeit Deutschlands bei AAA spiegelt hauptsächlich die enormen Steuerpuffer wider, die die Bundesregierung zur Bewältigung der Pandemie haben muss. Sowie auch die Fähigkeit, diese Mittel effizient einzusetzen.“ Das erklärte Hector Alvarez, stellvertretender Direktor von RAEX-Europe.

    Sputnik sprach bereits im September 2018 mit ihm über Deutschlands und Russlands Wirtschaftsfähigkeit. Aktuell bestätigt sein Finanzunternehmen das staatliche Rating Deutschlands mit „AAA“. Dies bedeute die höchste Kreditwürdigkeit einer Regierung, in diesem Falle sowohl in der eigenen Landeswährung als auch in Fremdwährungen gerechnet.

    „Darüber hinaus bleibt die deutsche Wirtschaft solide und stark diversifiziert, ihre externe Haltung ist nach wie vor stark und das Bankensystem ist trotz unrentabler Verfassung liquide“, betonte der Wirtschafts- und Finanz-Experte. Deutschland „verfügt über eine angemessene Kapitalausstattung“.

    Der Krise getrotzt: „Deutschlands Wirtschaft bleibt stabil“

    Die weitere Entwicklung der SARS-Cov-2-Pandemie – auch in der Bundesrepublik – sei schwer vorherzusagen. Deutschland sehe sich jedoch „weiterhin einer starken wirtschaftlichen Verschlechterung ausgesetzt, die zusätzliche finanzielle Unterstützung sowie eine höhere öffentliche Verschuldung für Jahre erfordern könnte. Darüber hinaus bleibt die Rentabilität des Bankensystems recht niedrig. Der gesamte Sektor wird herausgefordert, da die Coronavirus-Krise mit Sicherheit zu einem Anstieg der Vermögenswerte von geringer Qualität führen wird.“ Auch Eventualverbindlichkeiten, darunter gewisse Haftungen und Haftungsansprüche, Bürgschaften, Garantie- und Gewährleistungsverträge, bleiben demnach ein latentes Problem.

    „Trotz alledem erwarten wir mittelfristig keine Gefährdung der Kreditwürdigkeit Deutschlands“, so RAEX-Vizedirektor Alvarez.

    Der Rating-Ausblick für das Land sei stabil.

    „Wir gehen davon aus“, so ein kürzlich veröffentlichter Report der deutsch-russischen Agentur, „dass die kurzfristige Verschuldung auf rund 18 Prozent der Gesamtverschuldung gestiegen ist und etwa 16 Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes (BIP) ab dem zweiten Quartal 2020 umfassen wird“. Dieser Umstand ergebe sich aus der Corona-Krise. Berlin müsse diese Verluste aufbringen, „um einen Teil des Finanzierungsbedarfs zu decken“.

    Abkehr von „Schwarzer Null“ wird gelobt

    Viele Jahre lang sei die Finanz-Politik der Bundesregierung auf die sogenannte „Schwarze Null“ fixiert gewesen. Deshalb sei es umso erstaunlicher und positiv hervorzuheben, dass Berlin jetzt eine Abkehr von dieser Linie unternommen habe: „Die Regierung genehmigte einen hohen Nachtragshaushalt in Höhe von etwa 285 Milliarden Euro, um eine Reihe von Maßnahmen zur Bewältigung der Auswirkungen der Pandemie für Wirtschaftstreibende umzusetzen. Gleichzeitig haben die Landesregierungen Ausgaben von rund etwa 140 Milliarden Euro zur Unterstützung der lokalen Wirtschaft angekündigt und bereitgestellt.“

    Dies alles diene der „Finanzierung von COVID-bezogenen Ausgaben in Verbindung mit einem massiven Rückgang des nominalen BIP“.

    RAEX-Europe schätzt insgesamt, „dass diese Ausgaben rund 14 Prozent des BIP ausmachen werden. Wir erwarten daher für 2020 ein Defizit von rund 5,6 Prozent des nationalen BIP. (…) Für die Zukunft erwarten wir, dass die Wirtschaft bis Ende des Jahres um etwa sieben Prozent schrumpfen wird, als Basisszenario. Wir gehen jedoch davon aus, dass die deutsche Verschuldung im Jahr 2021 wieder rückläufig sein wird.“

    Die deutsche Arbeitslosenrate sei, trotz eines Anstiegs, in der Krise recht stabil geblieben. Einen Grund dafür sieht die Agentur auch im Kurzarbeiterprogramm, „auf das Arbeitgeber setzen können, anstatt Arbeitnehmer zu entlassen. Trotzdem rechnen wir mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote, falls sich die Krise weiter verschärfen sollte.“

    Schwache Nachfrage, niedrige Geburtsraten und ungewisse Zukunft

    Niedrigere Energiepreise sowie „eine gedrückte Verbrauchernachfrage“, hervorgerufen durch die im Land verhängten Sperrmaßnahmen und geringere gesamtwirtschaftliche Aktivitäten, seien weitere Probleme, mit denen sich der deutsche Staat und dessen Wirtschaft derzeit beschäftigen müssen. „In jüngster Zeit spielte die von der Regierung eingeführte Mehrwertsteuersenkung jedoch eine größere Rolle“, so der Bericht.

    Eine alternde Bevölkerung und niedrige Geburtenraten „geben Deutschlands Politik weiterhin Anlass zur Sorge. Es wird erwartet, dass diese Dynamik langfristig direkte Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum, öffentliche Finanzen sowie Renten- und Gesundheitssysteme haben wird.“ Die Kosten für letztgenannte Bereiche würden „voraussichtlich erheblich steigen“.

    Die zukünftige Entwicklung der bundesdeutschen Wirtschaft werde weitgehend davon abhängen, wie „man das Wiederauftreten von COVID-19-Fällen wird kontrollieren können“. Würden weitere restriktive Maßnahmen umgesetzt, könnten diese direkt die Wirtschaft „negativ beeinflussen“. Die Folge sei dann:

    „Infolge einer ausgedehnten Coronavirus-Pandemie wäre ein längerer wirtschaftlicher Abschwung zu erwarten, der zu einer anhaltenden Verschlechterung der öffentlichen Finanzen führen würde.“

    Dagegen spreche allerdings folgende Analyse.

    Bei allen Negativ-Szenarien und Unkenrufen verfüge Deutschland weiterhin „über ein extrem starkes Finanzsystem, das mit anderen Ländern stark vernetzt ist und so durch diese auch einen sehr starken Unterstützungsfaktor erfährt“, betonte die Rating-Agentur in ihrer Einschätzung. Berlin sei darüber hinaus als „Schlüsselmitglied in der Europäischen Union (EU)“ ein wichtiger Finanz-Akteur, nicht nur in Europa. 

    Trotz der Krise stehe Deutschland bei seinen Steuer- und Haushaltseinnahmen weiterhin relativ gut da. Darüber hinaus bleibe die wirtschaftliche Entwicklung des Landes „eine wichtige Stärke, da Deutschland in der Wettbewerbsfähigkeit den siebten Platz im Index des Weltwirtschaftsforums einnimmt und den 22. Rang im Geschäftsranking der Weltbank im Jahr 2019 belegte“.

    Die 2014 gegründete Rating-Agentur Expert RA GmbH (RAEX-Europe) ist laut der firmeneigenen Website „eine unabhängige europäische Ratingagentur, die der internationalen Gruppe der Ratingagenturen RAEX angehört, die über zwei Jahrzehnte Erfahrung in der Ratingbranche verfügt“. Das international tätige Unternehmen mit Hauptsitz in Moskau unterhält seine deutschen Büros am Finanzstandort Frankfurt am Main. Die weltweit einflussreichsten Rating-Häuser befinden sich mit Moody’s und Standard & Poor’s in den USA.

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