06:09 20 Oktober 2020
SNA Radio
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    Von
    0 683
    Abonnieren

    Fehler in der europäischen und US-Bankenaufsicht. Urteile gegen das skandalumwitterte Bankhaus „Warburg“. Der „Wirecard“-Skandal und Banken, die über ihre Verhältnisse leben. Die Finanzwelt bebt aktuell. „Bedauerlich, aber die wahren Probleme liegen woanders“, analysiert Ökonom und „Degussa“-Chef-Volkswirt Thorsten Polleit gegenüber Sputnik.

    „Paradise Papers“, „Panama Papers“ und mehr: Die Wirtschaftswelt ist wahrlich nicht arm an skandalträchtigen Finanzverbrechen. Der neue Finanzskandal, der aktuell weltweite Kreise zieht, beruht auf den sogenannten „FinCEN Files“.

    Kurz zusammengefasst, geht es um kriminelle Großkunden, die über internationale Bankhäuser ihr verbrecherisch erworbenes Geld transferieren bzw. „waschen“. Darunter Mafiosi, Despoten, korrupte Oligarchen, Terroristen und Betrüger.

    Der Ökonom und Chef-Volkswirt bei Deutschlands größtem Goldhändler „Degussa“ ordnete im Sputnik-Interview die aktuellen Finanz-Skandale ein. Außerdem bohrte er tiefer, um zu zeigen, wo die Achillesferse und Problemfelder der europäischen Finanzwelt tatsächlich liegen.

    „Wirecard“ und „Warburg“: Juristisches Urteil und kriminalistische Aufarbeitung

    Zum immer noch akuten Wirecard-Skandal sagte er:

    „Es handelt sich hierbei um einen Betrugsfall eines Unternehmens. Das ist bedauerlich, kommt allerdings immer wieder vor. Wichtig wird jetzt die Aufarbeitung des Falls. Die Aufklärung, wie es überhaupt dazu kommen konnte und was jetzt getan werden muss, damit sich so etwas nicht wieder ereignen kann. Dazu müssen natürlich alle Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.“

    Im globalen Zahlungsverkehr spiele der US-Dollar als Leitwährung der Welt „eine übergeordnete Rolle“, berichtete die „Deutsche Welle“ vor wenigen Tagen. „Ist die US-Währung im Spiel, dann müssen Verdachtsfälle auf Geldwäsche auf jeden Fall dem 'Financial Crimes Enforcement Network', kurz FinCEN, in den USA gemeldet werden.“ Dies sei häufig ausgeblieben, viele internationale Großbanken stehen deshalb nun unter gehörigem Druck.

    Nächstes Beispiel: Am Mittwoch wurde bekannt, dass das Hamburger Bankhaus „Warburg“, das momentan unter anderem durch dubiose Kontakte zu Vize-Kanzler und Finanzminister Olaf Scholz (SPD) für Schlagzeilen sorgt, eine juristische Niederlage kassiert hat. „Wegen Cum-Ex-Aktiengeschäften soll die Warburg Bank 167 Millionen zurückzahlen. Vor Gericht scheiterte nun ihr Versuch, sich das Geld von ihrer Depot-Bank, der Deutschen Bank, zurückzuholen.“ So entschied das zuständige Landgericht Frankfurt/Main, wie die „Tagesschau“ meldete.

    Nach den Skandalen: Aktien europäischer Banken „brachen ein“

    „Die Vorwürfe sind natürlich für die europäischen Banken problematisch und haben dazu geführt, dass die Aktien europäischer Banken (in den letzten Tagen, Anm. d. Red.) massiv abgegeben haben, etwa fünf Prozent“, meinte Polleit mit Blick auf die „FinCEN Files“. 

    Aber das eigentliche Problem, das den Bankensektor Europas am meisten plage, sei ein anderes:

    Der Finanzbereich „ist nach wie vor überdimensioniert und hat eine Größe von etwa 36 Billionen Euro. Das sind etwa 360 Prozent des Volkseinkommens im Euro-Raum. Das ist natürlich gewaltig. Der europäische Banken-Raum hat Ertragsprobleme aus einer Reihe von Gründen, insbesondere wegen der Nullzins-Politik der Europäischen Zentralbank (EZB). Die führt dazu, dass die Margen im Kreditgeschäft schrumpfen und damit die Gewinne beeinträchtigen.“

    Außerdem führe die Politik der EZB dazu, dass „viele unwirtschaftliche Banken künstlich am Leben gehalten werden. Das trägt ebenfalls zum Margenverfall im Kreditgeschäft bei.“ Darunter sogenannte „Zombie-Banken“.

    „Problem-Kredite in Bilanzen der Banken“

    „Erwähnen möchte ich auch die Problem-Kredite in den Bilanzen der Banken. Eine Situation, die natürlich durch die politisch diktierte Lockdown-Krise verschärft wird. Die Kreditausfälle treffen eine dünne Eigenkapital-Decke. Doch die Banken brauchen Eigenkapital, um neue Kredite an private Haushalte und Unternehmen vergeben zu können.“ Er würde die Lage im europäischen Bankenmarkt als sehr prekär bezeichnen.

    „Ich sagte bereits, die Bilanzsumme aller Banken im Euro-Raum beträgt etwa 36 Billionen Euro, also ungefähr 360 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Im Vergleich dazu beträgt die Bilanzsumme im Bankenapparat in den Vereinigten Staaten von Amerika nur etwa 80 Prozent des Volkseinkommens.“ Daran könne erkannt werden, wie aufgebläht der europäische Banken-Raum derzeit sei. Das Eigenkapital aller Banken in der Euro-Zone betrage „nur etwa 2,5 Billionen Euro“. Selbst wenn nur kleine Teile davon ausfallen bzw. nicht mehr bedient werden könnten, hätte dies dramatische Konsequenzen.

    US-Zentralbank FED und EZB: „Sehr ungesunde Entscheidungen“

    Ökonom Polleit kommentierte die aktuelle Nullzins-Politik der EZB:

    „Üblicherweise wird gedacht, dass niedrige Zinsen zu billigen Krediten führen, dann können Unternehmen und Private ihren Konsum auf Pump finanzieren. Und das führe dann zu einem Konjunkturaufschwung. Deswegen wird vielfach begrüßt, dass die Zinsen auf sehr tiefem Niveau abgeschleust wurden. Aber ich möchte sagen, dass Null- oder gar Negativ-Zinsen für eine Volkswirtschaft sehr ungesund sind.“

    Der Zins habe letztlich eine wichtige Funktion. „Er verbindet sozusagen das Heute mit dem Morgen. Wenn sich der Zins frei am Markt bilden kann, dann sorgt er dafür, dass genügend Ersparnisse bereitstehen, um Investitionen durchführen zu können. Wenn aber die Zentralbank den Zins künstlich nach unten manipuliert, dann verliert der Zins seine Signal- und Lenkungsfunktion. Ohne Zins gerät die Volkswirtschaft in einen Blindflug, es kommt zu Fehlinvestitionen, zu Spekulationsblasen. Das zeigt sich meist mit einer zeitlichen Verzögerung. Insofern ist es höchst ungesund, was die Geldpolitik in Amerika und auch hier im Euro-Raum macht.“

    Die US-Zentralbank FED „ist gewissermaßen die Welt-Zentralbank. Sie setzt die Konditionen für Liquidität und Zins-Konditionen fest.“ Alle anderen Zentralbanken der Erde folgen dieser FED-Politik, darunter auch die EZB. „Die Zentralbanken versuchen jetzt die Probleme, die sich im internationalen Finanz- und Bankensektor zeigen, mit Niedrig-Zinsen und immer mehr Geldmengenausweitung zu bekämpfen und in den Griff zu bekommen.“

    Null bis 0,25 Prozent Leitzins wohl noch bis zum Jahr 2023

    Die Folge davon wären getroffene Währungen, die jetzt bereits schwächeln. „Die Wahrscheinlichkeit, dass darunter die Kaufkraft von Währungen wie US-Dollar, Euro, japanischer Yen oder chinesischer RMB (bzw. Yuan, Anm. d. Red.) leiden wird, ist sehr hoch.“

    Laut Angaben von Polleit signalisierten Entscheider der wichtigen FED-Gremien in den letzten Wochen, „den Leitzins bis Ende 2023 auf dem aktuellen Niveau zu halten“. Polleit dazu: „Die FED hat selbst diese Zins-Prognose vorgestellt. Hinzu kommt, die Zentralbank in Amerika hat ihr Inflationsziel verändert. Bisher war es so, dass die Inflation der Konsumgüterpreise etwa zwei Prozent betragen sollte.“ Künftig solle das geändert werden. „Dass beispielsweise auch Unterschreitungen der Inflationsrate später mit einer höheren Inflationsrate kompensiert werden sollen. Das führt de facto zu einer Aufweichung des Inflationszieles, meiner Meinung nach.“

    Folgen für Sparerinnen und Sparer

    Diese anschwellende Geldmenge „diesseits und jenseits des Atlantiks wird die Inflation bei Konsumgüterpreisen und Vermögenspreisen, darunter Häuser oder Aktien, in die Höhe befördern. Das heißt bei Nullzinsen auf dem Sparbuch, dass die Kaufkraft durch Ersparnisse abnimmt.“ Jeder Sparer in Euro oder Dollar werde dabei verlieren. 

    Die Nullzins-Politik führe zu Fehlinvestitionen auf Unternehmerseite, zu Verteilungsschieflagen „und Fehlallokationen. Alles Probleme, die die Volkswirtschaften früher oder später treffen werden. Es ist letztlich auch ein gesellschaftspolitisches Problem, was sich da stellt. Es wird wenige Bevölkerungsgruppen geben, die davon profitieren. Und viele Menschen werden davon nicht profitieren und Verluste erleiden. Das wird die Verteilungsproblematik in den nächsten Jahren befördern.“

    Die Gefahr politischer Ausnahmezustände und die Stärkung populistischer Kräfte an den extremen politischen Rändern, die „dann den freien Markt beschuldigen“, bleibe somit sehr hoch, warnte der Chef-Volkswirt und Ökonom.

    Das Radio-Interview mit Thorsten Polleit zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Reisen nur noch mit Anmeldung? – Spahn-Ministerium plant strengere Auflagen
    Nawalny von Kolonne deutscher Polizisten beim Spaziergang begleitet – US-Sender zeigt Video
    „Direkt über uns!“: Dieses Flugzeug möchten Nato-U-Boote lieber meiden
    Tags:
    Thorsten Polleit, Wirecard, Skandal, Finanzsystem, Finanzsektor