06:25 20 Oktober 2020
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    „Die Daten des Menschen sind unantastbar“ – so könnte das „Digitale Grundgesetz“ beginnen, schlägt der Buchautor Johannes Bröckers vor. Damit würden die Giganten wie Amazon, Facebook, Google und Co. zusammenbrechen. Das ist aber erst nur eine Utopie.

    Wenn es nur ein Supermarkt wäre, wird man sich denken, aber Amazon ist viel mehr als nur ein Online-Händler. Das „smarte Türschloss Amazon Ring“ schafft es bereits in unser Haus. Damit kann der Nutzer aus Distanz durch eine Kamera vor seine Haustür schauen und den Paketboten reinlassen. So entfällt der lästige Gang zur Post. Aber Johannes Bröckers, Buchautor von mehreren Büchern über Amazon, warnt: „Gleichzeitig hat Amazon diese Software auch an die Polizei verkauft, die sich so über die Kamera Zutritt in die Wohnung verschafft, weil die Polizei diese Schlösser teilweise an die Bevölkerung verschenkt oder billig verkauft, wenn sie zustimmen, dass die Polizei Zugriff auf die Kamera hat. Das ist eine totale Überwachung der Privatsphäre.“ Zu der Kamera könnten im Übrigen bald auch Mini-Drohnen hinzustoßen. Die würden die Wohnung in der Abwesenheit der Bewohner überwachen und natürlich auch den aufgezeichneten Raum ausdehnen, auf den die Polizei und wer weiß wer noch in Zukunft Zugriff haben könnten.

    Corona als Brandbeschleuniger für Digitalisierung

    Amazon steht natürlich nicht alleine da. Alle Großen aus der Informationstechnologie spüren gerade in der Corona-Krise eine Gelegenheit, ihre Wirkungskreise stark auszudehnen.

    „Im Mai dieses Jahres hatte Eric Schmidt, der ehemalige Google-CEO, zusammen mit dem Gouverneur von New York eine Pressekonferenz gegeben. Da hatte ich den Eindruck, dass Eric Schmidt jetzt die Zeit gekommen sieht, „Smart Cities“ extrem zu forcieren. Er hat den Lockdown und die Coronakrise wie ein Experiment beobachtet“, so der Autor des Buches.

    Eric Schmidt sagte auch, die Zukunft müsse berührungslos sein, die Leute sollten zuhause bleiben, und dann hatte er als erstes vorgeschlagen, Bildung nur noch online zu vermitteln. Bröckers bemängelt, dass die westliche Kritik eher auf China fokussiert ist und das smarte Leben, das „genau in die gleiche Richtung“ läuft, weitestgehend ausblendet. „Beim Wörtchen ´Smart´ sollten wir in Zukunft immer sehr aufpassen“, findet der Buchautor.

    Digitale Monopole stellen das Prinzip von Wettbewerb in Frage

    Dabei gibt es ein positives Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit, namentlich die Corona-App, bei der nach langer Diskussion das Modell der dezentralen Speicherung von Nutzerdaten umgesetzt wurde. Aber das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein: „Wenn ich mir aber angucke, dass heute der durchschnittliche Smartphone-Nutzer bis zu 100 Apps auf seinem Handy hat, die ihre Daten ohne unser Wissen an X Drittanbieter weitersenden, dann muss man sich die Frage stellen: Warum diskutieren wir nicht bei jeder einzelnen App, die wir haben, genauso intensiv wie über die Corona-App?“, fragt Bröckers.

    „Ich bin ja nicht grundsätzlich gegen Digitalisierung oder Online-Handel, aber so wie er im Moment organisiert ist, nutzt er nur sehr wenigen und schadet sehr vielen und stellt sowieso das kapitalistische Prinzip von Wettbewerb völlig infrage – weil alle diese großen Firmen darauf aus sind, ihre Monopolstrukturen weiter auszubauen.“

    Lösungsvorschlag: Digitales Grundgesetz

    Eine Lösung sieht der Buchautor in einem „Digitalen Grundgesetz“, dessen erster Pfeiler der Satz sein könnte: „Die Daten des Menschen sind unantastbar.“ „Wenn man nur diesen einen Satz nehmen würde, dann würden erst einmal die Geschäftsmodelle von Amazon, Facebook, Google & Co. komplett zusammenbrechen, weil im digitalen Universum der wichtigste Rohstoff unsere Daten sind. Diese Daten geben wir all diesen Unternehmen kostenlos. Viele Leute kaufen sich auch noch für viel Geld eine Alexa, stellen sie sich in die Wohnung, was die Datenmenge in Echtzeit ständig vertieft“, kritisiert Bröckers den gegenwärtigen Umgang.

    Wenn die Geschäftsmodelle der „Silicon Six“ dann zusammengebrochen sind, entsteht das digitale Angebot neu, aber auf einer anderen Grundlage, auf die die Gesellschaft sich einigt. Momentan wirkt das aber alles wie Utopie, denn der Trend zielt auf Digitalisierung, Telemedizin, digitales Lernen, Smart Cities und die gleichen Verläufe der Datenflüsse.

    „Ich habe das Gefühl, wenn wir jetzt nicht aufpassen, dann leben wir tatsächlich in zehn Jahren in einer kompletten Überwachungswelt und haben gar nicht mitgekriegt, wie wir für bequemen und komfortablen Konsum unsere demokratischen Freiheitsrechte einfach weggegeben haben. Rechte, die einmal erstritten, erkämpft und über Kriege installiert wurden, werden jetzt nur für einen bequemen Konsum weggegeben“, betont Bröckers.

    „Dafür muss man ein besseres Bewusstsein entwickeln, und ich erwarte auch von der Politik, dass sie da klare regulierende Schritte einleitet.“

    Das Interview mit Johannes Bröckers zum Nachhören:

    Johannes Bröckers: „Alexa, ich mach Schluss mit dir!“ Verlag Westend, 2020. 96 Seiten

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    Tags:
    Privatsphäre, Kapitalismus, Überwachungsstaat, Überwachung, Alexa, Amazon