06:47 22 Oktober 2020
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    Steigende Coronazahlen vermiesen vielen Menschen nun auch den Herbsturlaub. Beherbergungsverbot und verpflichtende Coronatests erschweren die Ferien in Bayern oder an der Ostsee. Von Urlaub an der türkischen Riviera wagt kaum jemand zu träumen. Wobei es dort sicherer zu sein scheint, als in der Berliner U-Bahn, wie neue Zahlen zeigen.

    Bei der vorletzten Corona-Pressekonferenz der Bundeskanzlerin Ende September riet Angela Merkel, „die Herbstferien im schönen Deutschland zu verbringen.“ Wenn es denn unbedingt ein Auslandsurlaub sein müsse, dann bitte nicht in Risikogebieten, so die Kanzlerin. Als Beispiel für einen sicheren Fernurlaub nannte sie Italien.

    Schon am nächsten Tag begannen allerdings auch in Italien die Neuinfektionszahlen sprunghaft anzusteigen, wie fast überall in Europa. Zwei Wochen später gibt es nun Reisewarnungen innerhalb des „schönen Deutschlands“. Bayern beispielsweise lässt Berliner nur mit negativem Coronatest auf die Alm.

    Test-Chaos vor den Ferien

    Wie schwierig es ist, so einen PCR-Test zu bekommen, konnten die Hauptstädter vergangene Woche in den Arztpraxen erleben. Wer die langen Wartezeiten durchstand, wurde ordentlich zur Kasse gebeten – bis zu 200 Euro pro Test, was bei einer vierköpfigen Familie bald teurer als der gesamte Urlaub im Allgäuer Ferienhaus ist. Als i-Tüpfelchen erfuhr manch geplagter Vater am Donnerstag vor Ferienbeginn, dass das Testergebnis erst am Montag da sein wird. Das Problem ist nur, dass der Test dann bereist älter als 48 Stunden und damit nicht mehr gültig ist. Angesichts solcher Umstände und einer erneut wachsenden Hysterie haben viele Familien ihren Herbsturlaub bereits in vorauseilendem Gehorsam storniert.

    Pauschalurlaub - Test inklusive

    Mitten hinein in diese düstere Urlaubsstimmung platzt beziehungsweise eher „rutscht unter ferner liefen“ nun die Meldung, dass ein Pauschalurlaub in der Türkei relativ ungefährlich zu sein scheint. So meldet das Touristik-Unternehmen FTI, dass von rund 60.000 deutschen Pauschalurlaubern in der Türkei in den letzten beiden Monaten nur 0,3 Prozent, das heißt 202 Personen, positiv auf das neuartige Coronavirus getestet wurden.

    Alle Türkei-Urlauber müssen vor der Wiedereinreise nach Deutschland verpflichtend einen PCR-Test durchführen lassen. Dieser wird etwa 48 Stunden vor der Abreise gemacht. Dafür muss man nicht einmal das Hotel verlassen. Medizinisches Personal macht den Abstrich und das (negative) Ergebnis bekommt man wenige Stunden später schriftlich in mehreren Kopien mit Arztstempel ausgehändigt. Damit kann man dann problemlos in Deutschland einreisen und hat für alle Fälle auch noch einen Nachweis für Arbeitgeber, Kita oder Schule - auch wenn dies gesetzlich nicht zwingend ist, wenn man nicht in einem Risikogebiet war.

    Allerdings ist so ein Nachweis, gerade in Zeiten steigender Zahlen und entsprechend wachsender Panik, manchmal die einfachere Beruhigungspille. Die Menschen sind durch die Medienberichterstattung so aufgepeitscht und verunsichert, dass ein Auslandsaufenthalt gefühlt mit dem Besuch einer Leprakolonie gleichgesetzt wird.

    Im Ausland künstlich beatmet?

    Die Horrorvorstellung schlechthin ist es, im Ausland positiv getestet zu werden. Die Geschichten gehen hier von Isolation im Hotelzimmer bis hin zu schlechter Versorgung im örtlichen Gesundheitssystem.

    Auch hier sorgen die Zahlen von FTI für ein wenig Entwarnung: Bei den 202 positiv getesteten Pauschalurlaubern sei der Verlauf der Infektion entweder ohne Symptome gewesen oder die Erkrankung habe sich sehr mild dargestellt. Einen Krankenhausaufenthalt musste keine der positiv getesteten Personen über sich ergehen lassen.

    Für den Fall eines positiven Testergebnisses ist es beispielsweise bei FTI so, dass der Reiseveranstalter gemeinsam mit seinen Hotelpartnern die Kosten für den Quarantäneaufenthalt deckt. So gibt FTI seinen Gästen eine Kostenübernahme-Garantie für zusätzliche Übernachtungen samt Verpflegung sowie den neuen Rückflug, der erfolgen kann, sobald das negative Testergebnis vorliegt.

    „Urlauber verbringen die Quarantäne in der Regel im gebuchten Hotel in einem speziell vorgesehenen Zimmer, die alle Unterkünfte mit über 50 Zimmern vorweisen müssen, und werden dort auch verpflegt“, sagt Hicabi Ayhan, Group Head of Destination Turkey bei FTI.

    Pauschalurlauber sollten sich allerdings vor Reiseantritt erkundigen, ob dies auch für ihren Reiseanbieter gilt.

    Die Touristen kommen wieder – aber kaum aus Deutschland

    Seit auch für Mallorca und sogar für die Kanaren seit September wieder eine Reisewarnung gilt, sind deutsche Sonnenanbeter vor allem auf Italien und Griechenland ausgewichen. Für den Griechenland-Urlaub muss man spätestens 24 Stunden vor Abreise ein Online-Formular ausfüllen, aus dem ein QR-Code generiert wird. Dieser muss bei der Einreise vorgezeigt werden. Auch für Zypern gibt es ein ähnlich problemloses Online-System für die Einreise. Für die Türkei ist ein PCR-Test 48 Stunden vor Rückreise verpflichtend. Trotzdem sind die Zahlen der deutschen Türkeiurlauber dramatisch eingebrochen. Während 2019 fünf Millionen Deutsche in der Türkei Urlaub gemacht haben, dürften es in diesem Jahr bedeutend weniger als eine Million sein. Genaue Zahlen liegen noch nicht vor.

    Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Türkei. Wegen der Corona-Pandemie ist die Zahl ausländischer Touristen im ersten Halbjahr 2020 um 75 Prozent eingebrochen. Während andere wichtige Herkunftsländer von Türkeiurlaubern wie Russland, die Ukraine oder Großbritannien bereits im Juli ihre Reisewarnungen für die Türkei lockerten oder aufhoben, sträubte sich Deutschland lange. Erst, als die Türkei ein verpflichtendes, umfangreiches Hygienekonzept für Hotels einführte, das sogar vom deutschen TÜV abgenommen wurde, hob das Auswärtige Amt am 4. August die Reisewarnung für die vier Provinzen Antalya, Aydin, Izmir und Mugla an der türkischen Mittelmeerküste auf.

    Auslandstourismus kein Pandemietreiber?

    Das Robert-Koch-Institut verwies am Ende des Sommers auf Infektionszahlen unter Reiserückkehrern. Dies ist wiederum die Grundlage für die häufigen Warnungen der Politiker, möglichst auf touristische Reisen, vor allem ins Ausland, zu verzichten. Allerdings lohnt es sich, hier genauer hinzuschauen. Die Zahlen von FTI aus der Türkei deuten an, dass der Pauschalurlaub kein Pandemietreiber ist. Die Infektionszahlen unter Reiserückkehrern scheinen eher auf Reisende mit ausländischer Verwandtschaft, die dort intensiven Kontakt bei Familienbesuchen hatten, zurückzuführen sein.

    Für die Herbstferien haben Politik und Medien nun ganze Arbeit geleistet. So ergab bereits im September eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov, dass nur fünf Prozent der befragten Deutschen in den Herbstferien eine Auslandsreise planen.

    Wo kann man sich beim Flugtourismus anstecken?

    Betrachtet man die gesamte Reisekette, scheint der erste und letzte Schritt, nämlich der Nahverkehr auf dem Weg zum Flughafen am gefährlichsten zu sein. Nirgends steht man so nah beieinander wie zur Rush-Hour in der Berliner U-Bahn oder der Frankfurter S-Bahn.

    Am Flughafen selbst ist dagegen wenig los. Am Dienstag meldete Fraport, der Betreiber des Frankfurter Flughafens, für die ersten neun Monate 2020 ein Minus von 70,2 Prozent bei den Passagierzahlen. In München, dem zweitgrößten Flughafen Deutschlands, sieht es nicht besser aus, dort gingen die Zahlen im gleichen Zeitraum um 73 Prozent zurück. Im Januar und Februar war die Auslastung noch annähernd normal. Im April und Mai betrug der Rückgang jedoch über 90 Prozent, aktuell sind es in etwa 80 Prozent.

    Flugzeugluft als Virenschleuder?

    Auf dem Flughafen steckt man sich mit Maske und Abstand also eher nicht an.

    Wie sieht es im Flugzeug aus? Auch hier gilt: die Passagierzahlen sind dramatisch eingebrochen, die Flüge nicht ausgelastet und entsprechend ist Platz im Flieger. Allerdings legen manche Fluggesellschaften aus ökonomischen Gründen Flüge zusammen und man hat unter Umständen doch einen fremden Sitznachbarn in unmittelbarer Nähe. Hier schützt dann nur noch die Maske. Reist man mit der Familie, sitzt man jedoch garantiert zusammen und hat gewöhnlich einen halbwegs akzeptablen Mindestabstand zu anderen Reisenden.

    Die Luft im Flugzeug gilt als höchstwahrscheinlich „coronafrei“. Alle Flugzeuge sind mit modernen HEPA-Filtern (Hochleistungs-Partikelfiltern) ausgerüstet, die weitestgehend alle Viren aus der Luft filtern können. Explizit für das Coronavirus ist dies noch nicht abschließend nachgewiesen, aber die HEPA-Filter sind zumindest das Beste, was es derzeit gibt und werden auch in OP-Sälen eingesetzt.

    „Safe Tourism“ zu unschlagbaren Preisen

    Vor Ort gelten in den Ländern, die nicht als Risikogebiete ausgeschrieben sind, meist ähnliche oder eher noch strengere Hygiene- und Abstandsregeln wie in Deutschland. Touristen erfahren hierbei gewöhnlich besonders peniblen Service. Coronafälle sind Gift für eine Urlaubsregion. Entsprechend wird alles getan, dies zu vermeiden. Auch gilt hier, ähnlich wie in der Flugbranche, durch Corona gibt es nur einen Bruchteil der sonst üblichen Touristen. Die wenigen Corona-Urlauber werden zu (noch) unschlagbaren Preisen gehegt und gepflegt und das trotz höheren Personalbedarfs, geringerer Auslastung und zusätzlichen Materialaufkommens (Desinfektionsmittel. Masken, Zertifikate, etc.). Die Branche hat sich erheblich gestreckt, um Lösungen zu finden. In der Türkei müssen alle Hotels, die über mehr als 50 Zimmer verfügen, das „Safe Tourism“-Zertifikat erwerben. Dieses umfasst für Hotels einen Katalog mit sage und schreibe 157 Maßnahmen, die die Sicherheit, Hygiene und die Abstände für Mitarbeiter und Gäste regeln sollen. Am Buffet zeigt man beispielsweise auf die gewünschten Speisen und bekommt diese auf den Teller gelegt, die Liegen am Strand und Pool stehen ein Stück weiter auseinander und an jeder Ecke und auf jedem Tisch steht Desinfektionsmittel. Es wird sogar Desinfektionsmittel in der Luft versprüht. Alle Mitarbeiter tragen natürlich Masken und Handschuhe, selbst draußen. Ansonsten gilt es einfach, die üblichen Abstandsregeln einzuhalten. Im Hotelzimmer ist man unter sich, draußen an der frischen Luft und im Restaurant an seinem Tisch, der in warmen Ländern gewöhnlich auch noch draußen steht. Selbst Animationsprogramm wird mit gebührendem Abstand geboten. Nur die Diskotheken haben meist geschlossen. Die Einhaltung der „Safe Tourism“-Regeln wird regelmäßig durch eine Kommission überprüft.

    Dauerregen am Watt versus Sonnenschein in der Ägäis

    Reisewarnungen- und Risikogebiete sorgen dafür, dass der internationale Tourismus eine beispiellose Krise erlebt. Experten der Welttourismusorganisation UNWTO schätzen, dass das Geschäft in diesem Jahr um bis zu 80 Prozent einbrechen könnte. Die Folge: Rund um den Globus verlieren Millionen Menschen Arbeit und Einkommen.

    Im Sommer reagierte die Tourismusbranche, ermutigt von der Politik, mit einem Schwenk auf Urlaub im Inland. Ostsee und bayrische Berge boomten. Dem Pauschaltourismus im warmen Ausland wurde ein baldiges Ende vorausgesagt.

    Im Vergleich zu dem derzeitigen Spießroutenlauf für eine Woche Dauerregen am Nordfriesisches Wattenmeer wirkt ein Traumurlaub in der Ägäis wie eine Fata Morgana aus einem anderen Leben. Dabei ist genau dies im Moment noch möglich, zumindest auf den meisten griechischen Inseln, an der türkischen Riviera und auf Zypern. Da das Mittelmeer zurzeit den wärmsten Spätsommer und Herbst seit über 75 Jahren erlebt, scheint dies eine reizvolle Alternative zu sein. Angesichts von Beherbergungsverbot und teuren Coronatests könnte das Konzept des Pauschalurlaubs mit einem stringenten Hygienekonzept nun doch wieder an Attraktivität gewinnen.

    Recht auf Urlaubsreisen?

    Allerdings kann sich dies angesichts steigender Zahlen täglich ändern. Für die Herbstferien dürften die zaghaften positiven Neuigkeiten aus der Türkei zu spät kommen und angesichts der sich zuziehenden Coronaschlinge im Inland untergehen.

    Generell gilt für die Urlaubsplanung: die Liste der Risikogebiete vom RKI oder die Internetseite „Sicheres Reisen“ des Auswärtigen Amts checken. Ansonsten gilt im Ausland wie auch hier: jeder ist für sich und andere verantwortlich und sollte sich an die geboten Hygiene- und Abstandsregeln halten. Ob man deshalb komplett auf Urlaubsreisen – dorthin, wo es erlaubt ist - verzichten muss, sollte noch jeder für sich selbst entscheiden dürfen.

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    Tags:
    Coronavirus, Tourismus, Türkei, Reisewarnung