04:19 25 November 2020
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    Die Chancen des Mainzer Unternehmens BioNTech, im Westen den Wettlauf um den ersten zugelassenen Corona-Impfstoff zu gewinnen, stehen sehr hoch - nicht zuletzt dank einer prominenten Unterstützung. Sputnik gewährt weitere Einblicke in den künftigen Impfstoffmarkt.

    Kaum hat Gesundheitsminister Jens Spahn am Montagabend von der EU-Kommission gefordert, mit dem Mainzer Vorreiter beim Corona-Impfstoff BioNTech samt US-Partner Pfizer „so schnell wie möglich“ einen Liefervertrag abzuschließen, ist dieser am heutigen Mittwoch schon gebilligt worden - allerdings nach Monaten der Vorgespräche. Bis zu 300 Millionen Impfdosen könnten dann nach Zulassung innerhalb der EU-Staaten verteilt werden - vor allem in Deutschland. Es wäre nach Spahn ja nur schwer erklärbar, wenn der Rest der Welt einen in Deutschland produzierten Impfstoff schneller kriegen würde. Nimmt man an, dass eine Immunisierung zwei Dosen braucht, wäre das Hoffnungsmittel erstmal für 150 Millionen Menschen da.

    „Nur“ Verluste?

    BioNTech, erst 2008 gegründet und schon börsennotiert, hat im dritten Quartal 2020 quasi wie jedes normale Unternehmen mitten in der Corona-Pandemie Verluste gemeldet - ein Minus von 210 Millionen Euro nach einem Verlust von 30 Millionen vor Jahresfrist, weil die Forschungs- und Entwicklungskosten so gestiegen waren. Doch für einen zu 90 Prozent erfolgreichen Impfstoffentwickler (mit dieser Wahtscheinlichkeit soll sein Erzeugnis vor Covid-19 schützen) ist es wie die Ruhe vor dem Sturm. Denn noch bevor BioNTech/Pfizer mit Brüssel die Europa-Dosen vereinbarten, hatten die Partner anderen Ländern einschließlich Großbritannien, den USA, Kanada, Japan und Hongkong insgesamt etwa 250 Millionen Einheiten zugesagt. Im Juli machte etwa die US-Regierung die Lieferung von 100 Millionen Dosen für 19,50 Dollar pro Dose fix. Weitere 500 Millionen Dosen wurden in Aussicht gestellt - alleine für die USA.

    Laut dem BioNTech-Strategiechef Ryan Richardson soll der Preis für den Impfstoff künftig zwar „unter den typischen Marktpreisen“ liegen. Aber er müsste dennoch die finanziellen Risiken der privaten Investoren widerspiegeln, so Richardson am Dienstag bei einer Online-Veranstaltung der „Financial Times“. Dürfte sich der Preis durchschnittlich an die gut 16,50 Euro wie für die US-Amerikaner orientieren, wäre bei 550 Millionen vorbestellten Dosen schon ein Umsatz im Wert von 9,07 Milliarden Euro alleine für das Traumpaar der Impfstoffentwicklung gesichert - eine gute Nachricht für die Aktionäre. In einer Pressemitteilung geben die Unternehmen an, 50 Millionen in diesem und weitere 1,3 Milliarden Dosen im nächsten Jahr produzieren zu wollen. Zum Vergleich: der bereits etablierte gesamte Impfstoffmarkt umfasst laut der US-Beratungsfirma AB Bernstein lediglich etwa 35 Milliarden Dollar.

    „Zu wenig?“

    Für die Entwicklung des Impfstoffs erhielt BioNTech von europäischer und deutscher Seite Subventionen und Finanzierungen im Volumen von fast einer halben Milliarde Euro. Es sei zu wenig im Vergleich zu anderen Forschungsfirmen, beklagte sich trotzdem der Chef der internationalen Impfstoff-Initiative Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI), also der Koalition für Innovationen zur Vorbereitung auf Epidemien, Richard Hatchett, auf der „Financial Times“-Veranstaltung. Die CEPI (2016 von der Bill & Melinda Gates-Stiftung, Norwegen, Indien, dem Wellcome Trust und dem World Economic Forum gegründet) ist zusammen mit der Impfallianz GAVI (seit 2000, ebenso die Bill & Melinda Gates-Stiftung, Unicef und WHO) an der sogenannten Covax-Initiative beteiligt. Sie wurde erst Ende April auf einer Veranstaltung unter Teilnahme des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der Bill & Melinda Gates-Stiftung ins Leben gerufen und beabsichtigt eine globale Verteilung von Impfstoffdosen. BioNTech und Pfizer hatten nach eigenen Angaben schon Interesse an einer möglichen Versorgung der Covax-Initiative bekundet, haben aber noch nichts unterschrieben. Die EU-Kommission von Ursula von der Leyen dafür schon.

    Apropos über private Investoren

    Im April 2018 traf sich der US-Unternehmer und Philanthrop Bill Gates mit dem frisch ernannten Gesundheitsminister Spahn, um die Innovationen im Gesundheitswesen und die Bedeutung von Impfungen für die weltweite Gesundheitsversorgung zu diskutieren. Über ein Jahr später, im September 2019, investierte der US-Amerikaner weitsichtigerweise 50 Millionen Euro in BioNTech - so sehr soll ihn dessen wissenschaftliche Basis - unter anderem bei Bekämpfung von Krebs, HIV und Tuberkulose - überzeugt haben. Dennoch müssen die weiteren Impfstoffe, an denen das Mainzer Unternehmen längst arbeitet, erst auf den Markt kommen und sich bewähren.

    Dass Gates nun am deutschen Corona-Impfstoff ernsthaft interessiert ist, bestätigt wohl auch sein Gastbeitrag in der „FAZ“ von Ende September unter dem Titel „Drei Bedingungen, um die Pandemie zu stoppen“. Da fordert Gates von Deutschland, das unter Kanzlerin Merkel und Entwicklungsminister Gerd Müller „besondere Führungsstärke bewiesen“ habe, „jetzt noch ein mehr an Tatkraft und Großzügigkeit, um den Mechanismus der vorgezogenen Markteinführung zu unterstützen, mit dem GAVI die Grundvoraussetzungen zur Beendigung der Pandemie schafft“.

    Doch wenn der BioNTech-Strategiechef Richardson „die finanziellen Risiken der privaten Investoren“ in den Vordergrund schiebt oder Gates noch mehr Geld von der öffentlichen Hand fordert, bleibt einem irgendwie ausgeblendet, dass die öffentliche Hand sich ohnehin schon außerordentlich großzügig verhält. Wie ein Sprecher der EU-Kommission im September gegenüber Sputnik bestätigte, erklären sich die EU-Staaten in den Vorverträgen bereit, dass die Steuerzahler die Herstellerrisiken mittragen, also dass die Hersteller bei Bedarf dann noch von Staaten entschädigt werden.

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    Tags:
    Bill Gates, Corona-Impfstoff, Impfstoff, Coronavirus, Pfizer