04:00 19 August 2017
SNA Radio
    Wissen

    Russische Wissenschaftler in Mexiko: besser als in der Heimat

    Wissen
    Zum Kurzlink
    0 6 0 0
    ENSENADA (Mexiko), 28. Juli (RIA Novosti). Die mexikanische Stadt Ensenada, Bundesstaat Baja California, ist eine Art Rekordinhaber - hier gibt es die höchste Zahl von Wissenschaftlern je 10 000 Einwohner. Darunter auch viele Russen.

    "Allein im Forschungszentrum für die Ausbildung von Wissenschaftlern und Pädagogen sind rund 150 Doktoren und 500 wissenschaftliche Mitarbeiter tätig. 20 von ihnen sind Russen...", sagte Michail Schljagin, Fachmann für optische Fasertechnik, zu RIA Novosti.

    Ihm zufolge arbeiten insgesamt mehrere Hundert russische Wissenschaftler in Mexiko.

    In der Stadt mit 500 000 Einwohnern gibt es sechs Universitäten und mehrere Forschungsinstitute. "Das ist unser mexikanisches Wissenschaftlerstädtchen", sagte Schljagin.

    Er war Anfang der 90er Jahre hierher gekommen, als die einheimische Wissenschaft nach dem Zerfall der Sowjetunion schwere Zeiten durchmachte.

    Damals musste Schljagin, Doktor und Mitarbeiter am physikalisch-technischen Institut "Joffe" in Sankt Petersburg, gleichzeitig vier Jobs nachgehen, um seine Familie zu unterhalten. Im Jahre 1993 nahm er das Angebot zur wissenschaftlichen Arbeit in Mixiko an. Wie die meisten russischen Wissenschaftler, die damals ins Ausland ausreisten und dies als nur vorübergehend betrachteten, plante auch er nur einen einjährigen Aufenthalt in Mexiko.

    Am Anfang der Anwerbung russischer Wissenschaftler stand der namhafte mexikanische Wissenschaftler Professor Miguel Yakoman, der 20 Jahre lang die nationale Akademie der Wissenschaften geleitet hatte.

    Auf seine Initiative wurden russische Wissenschaftler nach Mexiko eingeladen, wo ihnen hohe Gehälter angeboten wurden. In ihrem Heimatland kam es nicht selten vor, dass viele wissenschaftliche Mitarbeiter ein halbes Jahr lang auf ihre Löhne warten mussten.

    Zu dieser Zeit mangelte es in Mexiko an Lehrkräften. Frische Absolventen wurden oft zu Hochschullehrern, wobei die Studienqualität viel zu wünschen übrig ließ.

    Mexiko bezog bei seinem nördlichen Nachbarland USA hochtechnologische Ausrüstungen und konnte sie ohne hochqualifizierte Fachleute kaum nutzen.

    Auf staatlicher Ebene wurde beschlossen, mehr in Forschung und Bildungswesen zu investieren, um kein Anhängsel der USA zu werden.

    Beim Nationalen Rat für Wissenschaft und Technik wurde ein Fonds für die Unterstützung der einreisenden ausländischen Wissenschaftler gebildet.

    Laut Schljagin war die massenhafte Abwanderung von Wissenschaftlern aus Russland in einem nicht geringen Maße auf die wirtschaftliche Situation im postsowjetischen Russland zurückzuführen.

    Wie der Astronom Sergej Scharikow äußerte, war ein Überschuss an wissenschaftlichen Fachkräften in der Ex-UdSSR eine der Ursachen für das "Braindrain".

    Andrej Tschernych war 1995 nach Ensenada eingeladen worden, um die Abteilung Datentechnik im wissenschaftlichen Zentrum für die Ausbildung von Wissenschaftlern und Pädagogen einzurichten. Die Abteilung, die sieben Jahre später entstand, beschäftigt sich mit Problemen der Supercomputer.

    Eine weitere russische Wissenschaftlerin, Nina Bogdantschikowa, die 1995 aus Nowosibirsk nach Mexiko gekommen war, befasst sich im Institut für Nanotechnologien mit angewandter Forschung.

    Auf die Frage, was getan werden müsse, um das wissenschaftliche Potential ins Heimatland zurückzuführen, sagte Scharikow: "Dagegen ist wohl nichts mehr zu machen. Wir leben hier sehr angenehm: Niemand von unseren Wissenschaftlern hat in Mexiko Probleme mit dem Kauf einer Wohnung oder eines Autos. Im Bedarfsfall können bei einer Bank oder bei einem Autounternehmen ungehindert Kredite aufgenommen werden."

    "Wir fühlen uns hier frei: Hier gibt es kein hartes Administrieren, Wissenschaftler können selbst Forschungsthemen wählen und dann Rechenschaft über den Nutzen ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit und über die Zahl der ausgebildeten Studenten und Aspiranten ablegen", sagte Schljagin.

    Wie die Wissenschaftler sagten, fühlen sie sich hier aus wissenschaftlicher und aus finanzieller Sicht souverän. Zudem seien die Ergebnisse der Forschungen und Entdeckungen Gemeingut der gesamten Menschheit, hieß es.