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    Deutsche der russischen Macht: Karriere im Zarenreich - Teil 1

    © RIA Novosti . Alexei Danitschjew
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    Deutsche und Russen - ein gemischtes Doppel, das nicht immer reibungslos spielt. In der Geschichte des russischen Staates haben es Deutsche, Russlanddeutsche und „russifizierte" Deutschstämmige oft in hohe Ämter geschafft. Sie galten als staatstreu, loyal und hatten stets eine Art Vorbildfunktion inne. Besonders noch im 18. Jahrhundert.

    Vom studentischen Raufbold zum Chefdiplomaten Peters I.

    Am 24. Januar 1722 führte Peter der Große für alle Staatsbeamten, ganz gleich ob Verwaltung oder Heer, eine neue Rangordnung ein — eine klar strukturierte Hierarchie mit entsprechenden Gehaltstarifen. Diese Neuerung soll auf Vorschlag von Andrej Ostermann erarbeitet worden sein, einem noch unter dem Namen Heinrich Ostermann aus Deutschland geflohenen Grafen, der später entweder als bedeutender Diplomat oder berüchtigter Intrigant unter der Zarenkrone beschrieben wurde.

    Andrej Ostermann 1686 - 1747
    Andrej Ostermann 1686 - 1747
    Ostermann soll 1703 als Student im thüringischen Jena einen Kommilitonen im Umtrunk ermordet haben. Vor der drohenden Strafe flüchtete er nach Amsterdam, wo er eine Anstellung in der entstehenden Kriegs- und Handelsflotte Petersdes Großen fand. Ostermanns Bruder war zu dem Zeitpunkt bereits Hauslehrer am Petersburger Zarenhof. Heinrich selbst stieg zum Übersetzer auf, wurde zunehmend in der außenpolitischen Diplomatie und bald als persönlicher Geheimschreiber des Zaren angestellt.

    Den entscheidenden Karrieresprung sicherten ihm die Verträge nach dem Großen Nordischen Krieg gegen Schweden 1721, die Russland das Baltikum und die Vorherrschaft auf der Ostsee sicherten. Ostermann wurde Baron und 1723 Vize-Präsident des Außenpolitischen Kollegiums. Seinen Dienst sollte er über zwanzig Jahre leisten, Katharina I. machte ihn gar zum Vize-Kanzler und ließ ihn das Außenpolitische Kollegium selbstständig leiten.

    Drei deutsche Diplomaten, eine Zarin und ein Gouverneur

    Währenddessen siedelten weitere Adlige aus der deutschen Kleinstaaterei über, darunter ein gewisser Feldmarschall Münnich. Dieser wurde 1728 nicht nur Graf, sondern auch Gouverneur der Gebiete Ingermanland (heute Leningrader Gebiet um Sankt Petersburg), Karelien und Finnland. Seine Hauptaufgabe sollte es sein, eine Wasserstraße zwischen dem Ladoga-Kanal und dem Wassersystem Wyschnij Wolotschjoks (heutiges Twerer Gebiet) zu realisieren.

    Als dritter Deutsche stand der Herzog von Kurland Johann Biron in der Zarengunst. Die in historischen Quellen als „deutsches Triumvirat" bezeichneten Ostermann, Münnich und Biron waren und blieben selbst noch zu Zeiten von Zarin Anna Iwanowna die heimliche Führung des Reiches.

    Das jedoch eindeutig berühmteste Beispiel für Deutsche in der obersten politischen Liga des Russischen Reiches ist die deutsche Prinzessin aus dem anhaltinischen Zerbst, die in Russland Zarin wurde: Katharina II., genannt die Große. Sie sollte Russland nicht nur eine umfassende Gebietsreform bringen, sondern auch eine Vielzahl deutscher Bauern, die mit Privilegien und kostenlosem Land in noch urbar zu machenden Gegenden im Süden des Riesenreichs ins Wolgadelta gelockt wurden.

    Katharina die Große 1729 - 1796
    Katharina die Große 1729 - 1796
    Unterstützt hat die Zarin bei diesen Großprojekten übrigens Jacob Sievers, ein Baltendeutscher, enger Vertrauter und zwischen 1764 bis 1781 Gouverneur von Nowgorod, Jaroslawl und später auch Twer, wo Sievers die einst reiche Gouvernements- und Handelsstadt nach dem verheerenden Brand von 1763 wieder aufbauen sollte.

    Ist der Deutsche dem Deutschen ein Wolf?

    Neben diesen innerrussischen Angelegenheiten spielten immer wieder Probleme mit und zwischen den Deutschen selbst eine Rolle. Die Beziehungen zu Preußen entwickelten sich vorteilhaft, aber  zwischen der Zarin und ihren Untergebenen gab es ständige Konflikte. So wurde denn das Triumvirat Ostermann, Minich und Biron auch ins Exil gejagt.

    Ostermann starb 1747 im westsibirischen Dorf Berjosowo. Münnich und Biron durften zu Beginn der Amtszeit des folgenden Zaren Peters III. ab 1761 unter Einschränkungen zurückkehren. Sievers verrichtete seinen Dienst bis 1800, zog sich dann, vom Zarenhof mit Ländereien im heutigen Weißrussland beschenkt, in den Ruhestand zurück und unterstützte Kinderheime und andere wohltätige Zwecke.

     

    Von Peggy Lohse

     

    Dieser Beitrag erschien zuerst bei Russia Beyond The Headlines.

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    Tags:
    Diplomatie, Geschichte, Katharina II, St. Petersburg, Russland