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22:09 15 Juli 2019
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    Fischer vor dem Raketenstartgelände

    Nur Show und Rauch? SpaceX schießt Second-Hand-Rakete ins All

    © AFP 2019 / Gregg Newton
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    Der Start ist ein Erfolg: Das US-Unternehmen SpaceX hat mit einer Falcon9 einen kleinen Satelliten ins All geschossen. Das Besondere ist, dass die Antriebsstufe der Trägerrakete zuvor schon einmal im Einsatz war. Firmeneigner Elon Musk ist begeistert, Raumflüge sollen so deutlich günstiger werden. Raumfahrtexperten aber sehen die Sache kritisch.

    Nachdem Falcon9 den ersten Satelliten im Erdorbit ausgesetzt hatte, kehrte die Erststufe erfolgreich auf die Erde zurück und landete auf einer schwimmenden Plattform – anstelle wie üblich in der Atmosphäre zu verglühen.

    Es sei „eine ungeheure Revolution in der Raumfahrt“, wenn der kostspieligste Teil der Trägerrakete, die Erststufe, wiederverwendet werden könne, sagte der US-Milliardär und SpaceX-Inhaber Musk. Durch mehrfache Nutzung einer Stufe könne sein Unternehmen erheblich sparen, „bis zu 30 Prozent eines jeden Starts“, so der Firmenchef.

    „Ich kann die Begeisterung schon verstehen: Ein privater ‚Erfinder‘ baut eine Rakete, die nicht nur abgehoben, sondern auch zurückgekehrt und dann wieder abgehoben und wieder gelandet ist. Doch der Teufel steckt im Detail“, sagt dagegen ein Raumfahrtspezialist der Onlinezeitung „Pravda.ru“.

    Erstens sei Musk gar kein unternehmerisches Genie oder privater Erfinder, sondern einer, der technische Unterstützung von der Nasa und Staatsgelder bekommen habe, „so viel wie er brauchte“, so der Fachmann. Zudem mache Musk mit den meisten seiner Projekte Verluste, schaffe es nur immer wieder, neue Gelder einzuwerben.

    Zweitens könne seine Rakete nicht so viel Nutzlast tragen „wie die ‚dummen‘ russischen Protons, die chinesischen Raketen oder die Saturns der USA“, sagt der Experte weiter. „Anfangs hieß es, man könne jede Nutzlast in den Orbit bringen. Doch in Wirklichkeit schaffen die Raketen von Musk fünf bis zehn Mal weniger Zuladung als die russischen.“ Und außerdem hätten die UdSSR und die USA mit der Mehrfachnutzung der Raumfahrttechnik schon lange experimentiert, als sie gegeneinander um die erste Mondlandung konkurrierten. „Das ist jetzt keine so neue Erfindung“, sagt der Experte laut der Zeitung.

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    Und dann sei da noch die Kostenfrage: Schon 2016 sei klargeworden, dass „die Kosten für den Betrieb einer gebrauchten Raketenstufe alle Preisgrenzen für den Start einer Proton, einer Sojus oder auch einer US-amerikanischen Saturn übersteigen“, sagte der russische Raumfahrtspezialist. Und in der Tat: SpaceX erklärte Ende vergangenen Jahres, dass der anfangs versprochene Nutzen einer wiederverwendbaren Falcon9 überschätzt wurde. Statt der Hälfte oder einem Drittel der Kosten, können demnach höchstens zehn Prozent eingespart werden, wie die Zeitung schreibt.

    Technische Fragen gibt es laut der Zeitung dann auch noch. „Die russische Proton wiegt rund 700 Tonnen und bringt 23 Tonnen Nutzlast in den Orbit. Das ist zwölf Mal mehr als die Tragfähigkeit der Falcon9. Damit SpaceX aus den Starts seiner Rakete einen mit der Proton vergleichbaren Nutzen ziehen kann, muss die US-Firma ihre Falcon9 mindestens 15 Mal ins All schießen – und zwar jedes Mal erfolgreich“, erklärt der Spezialist. „Für kleinere Lasten von ein paar Tonnen hat Russland noch die Rokot-Rakete. Mit ihren 100 Tonnen ist sie fünf Mal leichter als die Falcon9. Dementsprechend ist auch ihr Start mehrfach günstiger.“

    Außerdem müsse man, so die Zeitung, die Kosten für den technischen Service einer Mehrfachrakete berücksichtigen: Auftanken mit gewaltigen Treibstoffmengen, kostspielige Checks usw.

    „Ok, der Start von Falcon9 sieht cool aus, fast wie ein echter Durchbruch. Aber es hat eher was mit einer Show zu tun als mit Nutzen und Wirtschaft. Die Landung einer gebrauchten Erststufe ist eine aufregende Präsentation. Aber der Start in eine neue Epoche ist das sicher nicht“, so weitere Experten laut der Zeitung.

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    Rakete, Raumfahrt, Falcon 9, SpaceX, NASA, Elon Musk, Florida, Cape Canaveral, USA, Russland