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    Künstliche Gebärmutter bald auch für Menschen? – Aufklärungs-VIDEO

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    Am Anfang wird man sicher Lehrgeld zahlen müssen, aber mit der Zeit wird sich der Einsatz künstlicher Gebärmütter vor allem zur Rettung von Frühgeborenen auszahlen. Das ist die Einschätzung des Neonatologen Prof. Jorch zum erfolgreichen Einsatz einer künstlichen Gebärmutter an einem Lamm-Fötus in den USA.

    Ende April machte ein Video in den Medien die Runde: Zu sehen ist ein Plastikbeutel, in dem ein Lamm-Fötus in einer Nährlösung liegt. Seine Nabelschnur ist mit einer Maschine verbunden, die seinem Kreislauf alle nötigen Stoffe zuführt. Das Video zeigt den ersten erfolgreichen Einsatz einer künstlichen Gebärmutter im Tierversuch.

    Neben begeisterten Stimmen fing sich diese Entwicklung auch den Vorwurf ein, man würde damit der Schreckensvision aus Huxleys Brave New World einen Schritt näher kommen. In dem Buch wird eine Welt gezeigt, in der unter anderem menschliche Embryonen nur noch in Gläsern heranwachsen.

    Doch bevor man die totale Technisierung menschlicher Geburt kritisiert, sollte man nüchtern die Vorteile betrachten, die die Technologie in bestimmten Bereichen mit sich führt.

    Ein Bereich, in dem die Technologie lebensrettend sein könnte, ist die Frühgeburt. Der Neonatologe Prof. Jorch erklärt im Sputnik-Interview, man habe schon seit Jahrzehnten gewusst, dass man bei der Rettung von Frühchen zwischen der 22. und 24. Schwangerschaftswoche mit herkömmlichen Mitteln an die Grenzen stoßen würde. „Mittlerweile überlegen 50 Prozent aller Frühgeborenen ab der 23. Schwangerschaftswoche mit traditionellen Mitteln“, fügt Jorch hinzu. Doch ab der 22. Woche kommen die Frühchen für jede Rettung zu früh und da könnte die künstliche Gebärmutter die Lösung sein.

    Der Mediziner gibt zu bedenken, dass die künstliche Gebärmutter erst mit der Zeit perfektioniert werden würde – durch Versuch und Irrtum: „Man wird am Anfang sicher Lehrgeld bezahlen. Es wird am Anfang – wie vieles andere in der Medizin der Vergangenheit – ein Experiment sein, mit großen, häufigen Verlusten und Opfern und das wird sicher ein langer Weg sein, bis man den Standard erreicht hat, den es heute gibt.“ Doch einen anderen Weg als den experimentellen kenne die Forschung nicht. Das erklärt Prof. Jorch anhand seiner eigenen Erfahrung: „Als ich 1977 begann mit der Neonatologie, da sind auch die ersten 50 Frühchen unter 28 Wochen, die wir beatmet haben, verstorben, bevor das erste dann überlebt hat.“

    Weil jede Technologie erst im Lauf der Zeit ihr volles Potential entfaltet, warnt der Mediziner davor, vorschnell die „ethische Keule“ zu schwingen: „Was Frühgeborenen geholfen hat in der Vergangenheit, waren die Menschen, die nach vorne geschaut haben und einfach ihre wissenschaftlichen Hausaufgaben gemacht haben und das Ganze weiterentwickelt haben“, stellt Jorch fest. „Während die Bedenkenträger sich manchmal mit Ethik geschmückt haben, aber dem Menschen im Grunde wenig geholfen haben.“ Er erinnert an eine Diskussion von 1977, in der die Frage aufgestellt wurde, ob der Versuch, Frühchen mit einem Gewicht von unter 1000 Gramm zu retten, ethisch vertretbar ist. Heute ist das keine Frage mehr, die diskutiert werden muss, die Forschung hat eine Lösung gefunden.

    Aber was ist mit der Mutter-Kind-Bindung? Kann biologisch eine so enge Bindung entstehen, wenn das Kind an eine Maschine angeschlossen ist, wie wenn Mutter und Kind eins sind? Aus seiner Erfahrung teilt Jorch mit, dass hier der Wunsch entscheidend ist: „Wenn man eine Mutter, die ihr Kind unbedingt möchte und nun diese Chance hat, von Anfang mit einbezieht, jeden Schritt genau bespricht mit ihr, dann glaube ich nicht, dass das Bonding prinzipiell mehr gefährdet ist als in vielen anderen Familien.“ Der Mediziner gibt auch zu denken, dass die biologische Bindung nicht immer so stark ausgeprägt sei: „Es gibt auch die Kehrseite: die Schwangerschaft, die von der Frau gar nicht wahrgenommen wird oder angeblich nicht wahrgenommen wird. Da ist sicherlich weniger Bonding, als wenn bei einer engagierten Mutter sogar die Mühsal des Risikos akzeptiert wird, das Ganze auf diesem experimentellen Weg zu machen.“

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    Tags:
    Lamm-Fötus, künstlich, Gebärmutter, Hospital, Medizin, Philadelphia, USA