00:13 17 Oktober 2017
SNA Radio
    ISS, Station im Mond-Orbit oder doch gleich eine Mondstation?

    Experte: Russisch-amerikanische Mond-Orbit-Station eher ein politisches Projekt

    © AP Photo/ Steve Helber
    Wissen
    Zum Kurzlink
    0 9831027

    Die Raumfahrtagenturen Russlands und der USA haben sich auf den Bau der Raumstation „Deep Space Gateway“ geeinigt, die sich in einer Mond-Umlaufbahn befinden soll. Der Leiter des russischen Instituts für Raumfahrt-Politik, Ivan Moiseev, hält das Projekt allerdings eher für ein politisches Unterfangen als für ein real-wissenschaftliches.

    Der Generaldirektor von „Roskosmos“, der russischen staatlichen Raumfahrtbehörde, Igor Komarow, hat am Mittwoch bei einem internationalen Astronautik-Kongress in Australien das Projekt einer gemeinsamen russisch-amerikanischen Mond-Orbit-Station angekündigt.

    Die neue Raumstation solle als Sprungbrett für spätere Mond- und gar Marsmissionen genutzt werden und sei auch für die Beteiligung weiterer Raumfahrtmächte wie etwa China oder Indien offen.

    Die Reaktionen auf dieses Projekt sind allerdings unterschiedlich.

    Ivan Moiseev vom russischen Institut für Raumfahrt-Politik hebt etwa in einem Gespräch mit dem russischen Nachrichtenportal „Ekonomika segodjna“ hervor, dass aus rein wissenschaftlicher Sicht das Projekt einen geringen praktischen Nutzen haben werde.

    „Um eine mit der ISS vergleichbare Raumstation im Mond-Orbit zu bauen, wird es auch vergleichbare Summen benötigen. Es geht hier um Hunderte Milliarden Dollar“, unterstreicht der Experte.

    Selbstverständlich habe niemand solche Summen. Russland sei mit seinem eigenen Raumfahrtprogramm ausgelastet, die USA werden die neue Raumstation auch nicht im Alleingang finanzieren.

    Daher sei es deutlich besser – so der Experte – bei der vorherrschenden Knappheit an finanziellen Ressourcen die Finanzmittel effektiver anzulegen und statt einer Mond-Orbit-Station gleich eine „richtige“ Mondstation zu bauen.

    „Die Station im Mond-Orbit hat eher eine politische Bedeutung als jeglichen praktischen Nutzen“, so der Experte weiter.

    So würde sich die neue Raumstation im Prinzip in ihren Aufgaben überhaupt nicht von der ISS unterscheiden, sei aber viel weiter weg von der Erde.

    Eine Basis direkt auf dem Mond dagegen hätte nicht nur ganz konkrete wissenschaftliche Aufgaben, sondern wäre auch wirtschaftlich deutlich besser begründbar.

    „Außerdem, das Niveau der technologischen Entwicklung erlaubt es uns, direkt den Bau einer Mondstation in Angriff zu nehmen ohne davor auf eine Mond-Orbit-Station angewiesen zu sein“, unterstreicht Moiseev.

    Der Experte betont weiter, dass das Projekt zumindest in der amerikanischen Planung auch nur als einer von vielen möglichen Wegen der Raumfahrterschließung betrachtet werde.

    Es seien bislang nur theoretische Optionen ohne konkrete finanzielle oder technische Basis. Für die Umsetzung solch eines Projektes werden aber mindestens zehn Jahre notwendig sein.

    Als ein großes Problem in diesem Zusammenhang betrachtet der Raumfahrt-Kenner die Bedrohung durch die sogenannten Mikro-Meteoriten. Die ISS sei von dieser Gefahr durch die Erdgravitation, die wie ein Schutzschild wirkt, größtenteils geschützt. Eine vergleichbare Raumstation im Mond-Orbit hätte soweit draußen im Weltraum diesen Schutz aber nicht.

    Eine Mondstation dagegen hätte das Problem nicht, denn man könnte sie größtenteils unter die Bodenoberfläche verlegen.

    Dennoch, beide Seiten hätten es bereits geschafft, die möglichen finanziellen Beteiligungen an der „Deep Space Gateway“ zu besprechen.

    Russland könne etwa ein bis drei Module sowie die Andockmechanismen für die neue Raumstation anfertigen sowie die gesamte Konstruktion in den Mondorbit mit Hilfe der neuen superschweren Trägerrakete transportieren, so Moiseev.

    „Wir verfügen absolut über die nötigen Kompetenzen und Technologien, um uns an dem Programm zu beteiligen“, resümiert der Experte.

    Zum Thema:

    Raumfahrt-Premiere: SpaceX nutzt erstmals Antrieb ein zweites Mal
    Kosmos für jedermann: Raumfahrt-Tourismus beginnt bei Moskau
    Umkämpfter Markt: Briten entdecken Raumfahrt für sich
    Die Seele der sowjetischen Raumfahrt: Zum 110. Geburtstag Sergej Koroljows
    Russland zieht Raumfahrt-Bilanz – mit neuen Prioritäten
    Tags:
    Mondstation, Mondflug, Raumfahrt, NASA, Roskosmos, Russland, USA