03:26 21 Oktober 2018
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    Thomas Reiter beim Sputnik-Interview

    Raumfahrt-Veteran Thomas Reiter: Zusammenarbeit im Kosmos als Beispiel für die Erde

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    60 Jahre Weltraumfahrt (13)
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    Die internationale Zusammenarbeit in der Raumfahrt ist für den deutschen Raumfahrer Thomas Reiter eine „fantastische Entwicklung“. Er hat sowohl an Bord der russischen Raumstation „Mir“ wie auch der ISS gearbeitet. Aus seiner Sicht kann die Raumfahrt helfen, die Probleme auf der Erde zu lösen.

    Thomas Reiter ist zweimal ins All geflogen, 1995 mit russischen Raumschiff Sojus TM-22 zur Raumstation „Mir“ und 2006 mit dem Space Shuttle der USA zur internationalen Raumstation ISS. Er blieb beide Male fast ein halbes Jahr im Weltraum. Heute ist er Koordinator der europäischen Raumfahrtagentur ESA. Am 12. April 2017 eröffnete er gemeinsam mit dem ersten deutschen Kosmonauten Sigmund Jähn und dem sowjetisch/russischen Kosmonauten Alexej Jelissejew eine Ausstellung zu Ehren des ersten Fluges eines Menschen ins All am 12. April 1961. Bei dieser Gelegenheit gab er Sputnik ein Interview.

    Herr Reiter, vor 56 Jahren ist Juri Gagarin als erster Mensch ins Weltall gestartet. Wie fällt aus Ihrer Sicht die Bilanz der bemannten Raumfahrt aus? 

    Der Beginn der bemannten Raumfahrt war gekennzeichnet durch den Wettkampf von zwei großen Blöcken in der Zeit des Kalten Krieges. Es hat der Wettlauf in den Weltraum stattgefunden, der Wettlauf zum Mond. Es zeigt sich im Nachhinein, dass solche Wettläufe natürlich zu enormen Leistungen anspornen. Aber die Zusammenarbeit, die sich danach ergeben hat, ist eigentlich viel nachhaltiger. Das ist das was wir jetzt machen: 15 Nationen arbeiten gemeinsam an Bord der ISS an Zielen zum Wohle der gesamten Menschheit. Das ist eigentlich eine fantastische Entwicklung. Ich kann nur hoffen, dass das in diesem Sinne auch so weitergeht.

    Welchen Beitrag kann Raumfahrt leisten, wenn man sich anguckt, dass die Welt derzeit anscheinend gefährlicher wird?

    Da gibt es keine einfachen Lösungen. Das ist immer sehr leicht gesagt, muss ich gestehen, aus der Sicht von 400 Kilometern Höhe, aus der man ganze Kontinente überschauen kann, aus einer Höhe, aus der man in einem Moment von der Schönheit dieses Anblicks begeistert ist und im nächsten Moment Rauchfaden irgendwo aufsteigen sieht und weiß, dass die von Konflikten stammen. Ich bin aber fest davon überzeugt, es ist wichtig, das Bewusstsein zu verbreiten, dass man gemeinsam die wirklich großen Probleme löst, die wir haben: Hunger, Migration, diese Umwelt zu erhalten. Dass das vielleicht einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, vielleicht auch hier auf der Erde die Konflikte zu überwinden. Man sagt ja immer: Man trifft sich auf neutralem Boden, um Konflikte zu beheben. Welcher Bereich könnte neutraler sein als der Blick von dort oben?

    Sie waren auf der sowjetisch-russischen Raumstation Mir, Sie waren auf der ISS gewesen. Ist das tatsächlich so, dass, wenn Menschen aus verschiedenen Ländern dort im All zusammentreffen, dass mancher irdische Konflikt weit weg ist und es im All gelingt, anders zusammenzuarbeiten?

    Das ist ohne  Zweifel so. Das kann ich nun aus eigener Erfahrung sagen – sowohl in dem halben Jahr, in dem ich zusammen mit meinen beiden russischen Kollegen Juri Gidsenko und Sergej Awdejew an Bord der Raumstation Mir gearbeitet habe, als auch dann etwas über zehn Jahre später an Bord der ISS, wo wir dann immer einen amerikanischen Kollegen, einen russischen Kollegen hatten, also dort mit so vielen Nationen zusammengearbeitet haben. Das ist eine Gemeinschaft. Das ist eine Crew, die die Aufgaben dort oben löst, die gemeinsam sich über diesen Anblick, dem man dort ausgesetzt ist, unterhält. Und von dem man einfach nur fasziniert ist. 

    Sigmund Jähn hat in einem Interview, das er mir vor 20 Jahren gegeben hat, den praktischen  Zweck der bemannten Raumfahrt etwas in Frage gestellt aufgrund der Auswertungen seiner Erfahrungen seines Fluges von 1978. Er hat die bemannte Raumfahrt eher als philosophische oder kulturelle Aufgabe gesehen. Wie sehen Sie das heute 2017?

    Wir haben sowohl an Bord der russischen Raumstation Mir als auch an Bord der ISS die Hauptaufgabe, wissenschaftliche Forschung zu machen. Das sind viele Mosaiksteinchen, die da zusammengetragen werden, die sowohl das grundlegende Verständnis in vielen Forschungsbereichen nach vorne bringen und hin und wieder zu unmittelbaren Anwendungen führen. Es gibt natürlich heute noch nicht so diese eine Sache, wo man gesagt hat: Heureka, jetzt haben wir etwas gefunden und das ist jetzt ein tolles Produkt geworden. Aber das Potenzial, das darin besteht, in der Schwerelosigkeit Forschung zu betrieben, das ist vollkommen außer Zweifel. Wir sehen das an den zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen, die gemacht werden. Wenn wir grade aus heutiger Sicht mal schauen, welche Perspektiven sich für kommerzielle Nutzung ergeben: Telekommunikation, Erdbeobachtung, Satellitennavigation sind wenige. Heute spricht man davon, dass man heute eben auch Ressourcen aus dem Weltraum nutzt, für die Energieerzeugung, auch dass man zurück zum Mond kehrt. Grade da arbeiten wir mit Russland sehr intensiv zusammen. Das ist eine sehr ermutigende Perspektive – nicht nur aus philosophischen Gründen, sondern auch wegen der ganz konkreten wissenschaftlichen und kommerziellen Aspekte.

    Es gibt Pläne zum Mond wieder zu fliegen, zum Mars zu fliegen. Sigmund Jähn sagte: Der Mensch soll sich erstmal um die Erde kümmern, dass die Erde erhalten bleibt. Wie sehen Sie das?

    Natürlich gibt es hier noch eine Menge Probleme zu lösen. Aber ich denke, in der Geschichte der Menschheit gab es keinen einzigen Zeitpunkt, wo sich die Menschheit wirklich nur eines Problems angenommen hat und das erst gelöst hat und dann erst das nächste angegangen ist. Diese Wahl haben wir auch heute nicht. Ich hoffe, dass wir möglichst bald, spätestens im nächsten Jahrzehnt, wieder Menschen auf der Oberfläche des Mondes sehen. Und ich hoffe natürlich, dass das eben einen Beitrag leistet, vielleicht mehr als alles andere, dass wir die Probleme hier auf der Erde endlich mal nach so vielen Jahren der Menschheitsgeschichte in den Griff bekommen.

    Tilo Gräser

    Das Interview mit Thomas Reiter zum Nachhören:

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