19:52 11 Dezember 2017
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    Kosmonautenvorschlag: Politiker ins All schicken – dann wird es auf der Erde besser

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    60 Jahre Weltraumfahrt (12)
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    Wissenschaftliche Experimente gehören ebenso wie das Fensterputzen im freien Weltraum zu den Aufgaben eines Menschen in der internationalen Raumstation ISS. Darüber hat einer, der zweimal an Bord war, vor kurzem in Berlin berichtet. Der Raumfahrer fordert: „Hört mit dem Streit auf der Erde auf! Wir müssen sie gemeinsam beschützen.“

    Michail Kornijenko war noch nicht auf der Welt, als Sputnik 1 vor 60 Jahren gestartet wurde, und gerade mal ein Jahr, als Juri Gagarin am 12. April 1961 als erster Mensch ins All flog. Inzwischen ist er ihm gleich zweimal dorthin gefolgt, 2010 und 2015. Beim ersten Mal blieb er fast ein halbes Jahr auf der internationalen Raumstation ISS, beim zweiten Mal fast ein ganzes Jahr.

    Am 25. September berichtete Kornijenko in Berlin über seine Arbeit im Kosmos und wie er die Erde heute sieht. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hatte den russischen Kosmonauten zur Finissage der Ausstellung „Gagarins Vermächtnis“ eingeladen. Die hatte mit Fotos, Plakaten und Exponaten an den ersten Menschen im All erinnert. Neben Kornijenko war auch der Raumfahrtjournalist Gerhard Kowalski dabei, der von Moderator Alfred Eichhorn ebenfalls nach seiner Sicht auf die Eroberung des Kosmos befragt wurde.

    Der teuerste Fensterputzer

    Die Wissenschaft sei die vorrangige Aufgabe, wenn Menschen wie er in den Kosmos fliegen, erklärte Kornijenko: Ob Kosmonaut oder Astronaut – „wir sind Soldaten der Wissenschaft.“ Er berichtete, bei seinem zweiten Aufenthalt in der ISS habe er gemeinsam mit seinem US-Kollegen Scott Kelly Experimente durchgeführt, die helfen sollen, einen Flug von Menschen zum Mars vorzubereiten.

    v.l.n.r.: Dolmetscher W. Reinhardt, Kosmonaut M. Kornijenko, Journalist G. Kowalsi und Moderator A. Eichhorn
    © Sputnik/ Tilo Gräser
    v.l.n.r.: Dolmetscher W. Reinhardt, Kosmonaut M. Kornijenko, Journalist G. Kowalsi und Moderator A. Eichhorn

    Zudem habe er bei seinem letzten Ausstieg aus der ISS in den freien Weltraum auch als einer der wahrscheinlich „teuersten Fensterputzer“ gearbeitet: „Ich habe die Bullaugen geputzt.“ Das sei immer wieder notwendig infolge der Triebwerksausstöße der Station bei Lageänderungen und anderer Einflüsse im All. Die Kosmonauten, die auf der internationalen Raumstation zusammenarbeiten, kennen sich gut, erzählte der russische Raumfahrer, egal aus welchem Land sie kommen. Die gemeinsame Vorbereitung auf die Raumflüge führe dazu, dass sie „eigentlich einen Organismus bilden“.

    Die Raumfahrt spiegle die politische und wirtschaftliche Situation auf der Erde wider, beantwortete Kornijenko die Frage von Moderator Eichhorn, was sich seit dem Ende der Sowjetunion an Zielen und Konzepten geändert habe. Die russische Raumfahrt habe überlebt und sei heute ein wichtiger Teil des Landes und seiner Entwicklung, der höchste Aufmerksamkeit durch die Staatsführung erfahre.

    „Die Raumfahrt ist auch ohne Politik ein Zweig, der die Menschheit insgesamt vorwärts bringt und weiterentwickelt“, betonte der Kosmonaut. „Die Internationale Raumstation ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie man miteinander kooperieren und miteinander umgehen kann.“

    Zusammenarbeit lohnt sich für alle

    Auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen Russland und den USA im Weltall, erklärte Kornijenko, dass es natürlich auch Konkurrenz gebe. Aber die sei im Vergleich zur Zeit der Sowjetunion nur minimal. „Beide Seiten können rechnen. Es ist so, dass eine Kooperation immer lohnender oder effektiver, einfach besser ist. Wenn die großen Raumfahrtnationen zusammenarbeiten, ist es in jedem Fall effektiver, es ist preiswerter. Es zeigt auch, wie man auf allen Gebieten so zusammenarbeiten könnte, dass etwas Vernünftiges dabei herauskommt.“ Der russische Raumfahrer schlug vor, einfach mal die Politiker ins All zu schicken – „dann wäre es hinterher wahrscheinlich auf der Erde auch besser.“

    Nach seinen Träumen für die Zukunft befragt, meinte er, er müsse nicht einmal träumen:

    „Ich bin wirklich davon überzeugt, dass sehr bald diese künstlich aufgeblasene Periode von Feindschaft und Hass vorbeigehen wird und muss. Miteinander in Freundschaft umzugehen ist viel, viel produktiver und sinnvoller. Ich habe aus dem Kosmos gesehen, wie klein die Erde ist, und ich werde nicht müde, das immer wieder zu betonen.“

    Er appelliere angesichts der aus dem All erkennbaren ökologischen Schäden immer wieder: „Hört auf mit diesem Zwist, mit dieser Streiterei. Es wird Zeit zu begreifen, dass diese Erde unser Haus ist, das wir auch beschützen müssen.“

    Raumfahrtjournalist Kowalski meinte bei der Veranstaltung, dass der erste Mensch auf dem Mars ein Chinese sein werde. Raumfahrer Kornijenko hatte zuvor eingeschätzt, dass die erste Mannschaft, die zum Nachbarplaneten fliegt, international sein werde. Einen nationalen Flug dorthin halte er für Unsinn. China habe als einziges Land gegenwärtig ein kompaktes Programm, das Schritt für Schritt durchgezogen werde, erläuterte Kowalski. Derzeit werde eine dauerhaft bemannte chinesische Raumstation vorbereitet, die sich im Jahr 2020 auf dem Niveau der ISS befinde. Diese wiederum werde dann nicht mehr lang in Betrieb sein – „und die Chinesen werden weitermachen“, so der Raumfahrt-Journalist. „Die Chinesen sind bereit, international zu kooperieren“, was aber die USA verweigerten, aus Angst, ihre Technologien würden geklaut. Das hätte China aber gar nicht mehr nötig, betonte Kowalski.

    Frauen im All und Gagarins Vermächtnis

    Moderator Eichhorn fragte den Raumfahrer im Podium auch danach, warum nur ein knappes Dutzend Frauen aus der Sowjetunion bzw. Russland ins All geflogen sind, während die USA insgesamt 38 Astronautinnen aufweisen können. Kornijenko gab eine einfache Erklärung: Das habe nicht nur mit einem traditionellen Rollenbild zu tun, das er nicht für richtig halte. Aber das Leben in einem Raumschiff oder in einer Raumstation sei sehr schwer, auch für die Männer, wie er am Beispiel eines Ausstieges in den Weltraum deutlich machte. In seinen mehr als 500 All-Tagen habe er mit mehreren Frauen in der ISS zusammengearbeitet.

    „Mir tat es mitunter in der Seele weh, morgens zu sehen, wie schwer es den Mädels geht“, gestand Kornijenko.

    Er sprach sich dafür aus zu prüfen, welche Aufgaben Frauen in einer Raumstation übernehmen. So seien sie zum Beispiel sorgfältiger bei wissenschaftlichen Experimenten, „und pünktlicher“, wie er hinzufügte. „Die Mädels“ hätten ihm oftmals geholfen, besonders die wissenschaftlichen Arbeiten durchzuführen. Raumfahrtjournalist Kowalski erinnerte daran, dass selbst Gagarin dagegen war, dass Valentina Tereschkowa 1963 als erste Frau ins All flog.

    Kornijenko zitierte in Berlin die Worte des ersten Raumfahrers nach dessen Landung 1961: „Die Erde ist sehr klein. Lasst sie uns behüten!“ Diesem Vermächtnis habe er nichts hinzuzufügen. Die heutigen Kosmonauten und Astronauten würden sich noch heute mit Gagarins Leben beschäftigen, bejahte er eine entsprechende Frage des Moderators. „Er hat uns alle in den Weltraum gerufen“, habe der US-Astronaut Neil Armstrong, der erste Mensch auf dem Mond, gesagt. „Gagarin war der Erste und ist für uns ein Beispiel, dem wir alle folgen“, sagte der russische Raumfahrer.

    Tilo Gräser

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    Tags:
    Forschung, Jahrestag, Zusammenarbeit, Interview, Weltraum, Sputnik-1, Internationale Raumstation ISS, Michail Kornijenko, Juri Gagarin, UdSSR, Deutschland, Russland
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