04:57 25 November 2017
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    Homöopathie (Symbolbild)

    Wo Homöopathie wirklich hingehört – Experte

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    Valentin Raskatov
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    Sie zeigen keine Wirkung, sie enthalten kaum Wirkstoff und ihre Benennungen sind irreführend. Dennoch stehen homöopathische Mittel weiterhin in Apotheken. Da sie aber hauptsächlich aus Zucker bestehen, fordert der Arzt Prof. Windeler, dass sie dorthin kommen, wo Zucker zu finden ist: ins Lebensmittelgeschäft neben Zucker und Honig.

    „Excrementum caninum“ und „Urinum equinum“ – das klingt doch eigentlich gut. Wenn das in der Apotheke steht und Abhilfe bei körperlichen Leiden verspricht, ohne dabei aggressive Chemikalien aus der bösen und nur auf Profit gerichteten Pharmaproduktion zu enthalten – warum dann nicht erst mal diese Mittelchen ausprobieren? Wer aber weiß, dass die enthaltenen „Wirkstoffe“ übersetzt „Hundekot“ und „Pferdeurin“ heißen, dem dürfte die Lust auf solche Experimente schnell vergehen. Wegen solcher Irreführungen der Verbraucher durch Homöopathiehersteller forderte die CDU-Politikerin Mechthild Heil jüngst, dass homöopathische Mittel mit Klarnamen benannt werden sollen.

    Aber dabei endet die Geschichte nicht, denn der Hundekot ist erstens nicht nachweislich wirksam und zweitens – zum Glück – unglaublich stark verdünnt. Zur Verbildlichung: Wenn ein Tropfen in einer Menge von Wasser, die 100.000 Atlantikozeane umfasst, gelöst wird, entspricht das etwa der Lösung, die in der Apotheke zu finden ist. Also eigentlich nichts. Auch das Mittel „Plutonium nitricum“ dürfte dem etwas in Chemie Bewanderten Sorgen machen, denn Plutonium ist ein hochradioaktives Element, an dessen Folgen noch heute Menschen in Hiroshima leiden und sterben. Aber keine Sorge: In dem angebotenen Mittel findet sich mit höchster Wahrscheinlichkeit kein Plutonium, denn es ist mitunter so stark verdünnt, dass hier ein Gramm Plutonium auf die 10.000-fache Masse des Universums zum Einsatz kommt.

    Weil sie nicht wirken und der Glaubwürdigkeit der medizinischen Branche schaden können, verlangen auch immer wieder Forscher, dass Homöopathika aus den Apotheken verschwinden. Erst jüngst hat die europäische Forschergemeinschaft EASAC ein Papier veröffentlicht, in dem strengere Richtlinien für den Verkauf der Mittel gefordert werden.

    Prof. Jürgen Windeler, Arzt und Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), fasst für Sputnik den aktuellen Stand zusammen: „Diese Mittel halten nicht das, was sie versprechen.“ Die Forderung nach Klarnamen sei zwar gut, denn das sei „ein Teil einer wirklich mal ehrlichen Kommunikation über Homöopathie“. Der andere Teil sei es aber, auch zuzugeben, dass in den Mitteln kein Wirkstoff enthalten sei und ehrlich zu sagen: „Wir verabreichen hier puren Alkohol, puren Zucker und andere Lösungsmittel.“ Und der dritte und entscheidende Punkt für den Forscher lautet: Für die Wirkung dieser Mittel spricht generell nichts.

    Aber das wäre ja noch alles nichts, wenn die Menschen bei ernsthaften Leiden ihren Zucker mit hochverdünntem „Wirkstoff“ konsumieren und sich dabei auch einer wissenschaftlich fundierten Therapie unterziehen würden. Doch eine der besorgniserregenden Folgen der Versprechen der Homöopathie ist die, dass Patienten wichtige Behandlungen versäumen. Windeler berichten von einem Fall von Malaria, die mit Homöopathika behandelt worden ist und an der die Patientin verstorben sei, ebenso von mehreren Fällen von Hirnhautentzündung mit ebenfalls tödlichem Ausgang und von Behandlungen von Krebserkrankungen mit einer fleischfressenden Pflanze, bei der „in keinem Fall Erfolge nachgewiesen werden konnten“. Zum Glück, so der Arzt, seien Homöopathika aber nur „eine Randerscheinung“. Bei ernsthaften Leiden würden sich die meisten Menschen auch einer ernstzunehmenden Behandlung unterziehen.

    >>> Sputnik-Umfrage: Wo gehört Homöopathie hin?

    Und trotzdem: Hundekot, Pferdeurin und sogar pulverisierte Stücke der Berliner Mauer, um Trennungsschmerz besser zu überstehen – wie kommen Menschen eigentlich auf solche Mittel? Die Antwort des Arztes fällt hier recht simpel aus: „Die Phantasie ist grenzenlos. Irgendjemand denkt sich irgendetwas aus und versucht es zu verkaufen.“ Es gebe „keine rationalen Überlegungen“ hinter den Entscheidungen für diese Mittel.
    Stellt sich nur noch die Frage, was solche Mittel in der Apotheke zu suchen haben, die doch ein Ort sein soll, wo Medikamente, also nachweislich wirksame Heilmittel, zu finden sein sollten. Der Vorschlag Windelers darauf lautet: „Man könnte sich auch vorstellen, dass man homöopathische Mittel, die im Wesentlichen aus Zucker bestehen, im Lebensmittelgeschäft neben dem Honig verkauft. Die Apotheke ist eigentlich der falsche Platz für den Verkauf solcher Mittel.“ Im Lebensmittelgeschäft wird sich aber schwerlich ein Regal finden lassen, wo Hundekot und Pferdeurin, mit Klarnamen benannt, ihren Platz finden könnten.

    Das Interview mit Prof. Jürgen Windeler in voller Länge:

    Tags:
    Homöopathie, Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), CDU, Mechthild Heil, Deutschland