13:05 15 August 2018
SNA Radio
    Model der französischen Rakete Ariane 5 am Eingang des Weltraumbahnhofs Kourou

    Russisches Know-how und Sojus-Raketen für Europas Raumfahrt

    © AFP 2018 / Dominique Faget
    Wissen
    Zum Kurzlink
    2653

    Einen besseren Ort für einen Weltraumbahnhof gibt es auf der Erde nicht: Von Kourou in Französisch-Guayana aus erreichen Raketen das Weltall schneller als von jedem anderen Startplatz. Immer wieder heben dort auch russische Raketen ab – im Auftrag der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA, wie die Zeitschrift „Expert“ berichtet.

    Natürlich hat die ESA auch eigene Raketen. Die leichte Vega zum Beispiel transportiert eineinhalb Tonnen Nutzlast in den Weltraum, die schwere Ariane-5 schafft ganze 21 Tonnen. Doch in der mittleren Gewichtsklasse, da klafft bei den Europäern eine Lücke. Gefüllt haben sie die Russen, mit ihrer Sojus-Trägerrakete.

    Eine davon wartet gerade in einem Hangar am besagten Weltraumbahnhof Kourou auf ihren Einsatz. Es ist eine Sojus-ST-B, entwickelt vom russischen Raketenbauer ZSKB-Progress eigens für den Einsatz unter den tropischen Bedingungen von Französisch-Guayana. Seit sechs Jahren schon fliegen diese mittleren Trägerraketen Satelliten in den Weltraum, im Auftrag der ESA.

    „Die russische Sojus hat sich als eine effektive und zuverlässige Transportlösung etabliert. Die Statistik ihrer pannenfreien Flüge ist beeindruckend. Wohl deshalb hat sich die ESA für diese bewährte Lösung zum Start von Satelliten entschieden“, schreibt das Blatt.

    Außerdem verursacht die russische Rakete weniger Schadstoffe. Sie wird nämlich mit Kerosin und reinem Sauerstoff betrieben. Die europäischen Vega und Ariane hingegen verbrennen Polybutadien und Ammoniumperchlorat, wesentlich umweltschädlichere Verbindungen als der Brennstoff der Sojus, wie die Zeitschrift schreibt.

    Nach Kourou gelangt die Sojus-ST-B als Bausatz und wird vor Ort von russischen Spezialisten montiert. Der Rumpf kommt aus der russischen Stadt Samara, der Booster aus der Stadt Chimki bei Moskau. Bis zu 200 russische Fachleute arbeiten in Kourou in der heißen Phase vor dem Start.

    Der Vertrag zwischen dem russischen Raketenbauer und der ESA ist auf 15 Jahre und insgesamt 50 Starts ausgelegt. Die Trägerrakete selbst ist dabei laut dem Blatt nur die Spitze des gesamten Programms: „Wir haben 2007 damit begonnen, hier in Kourou eine Startplattform für die Sojus zu bauen, 2011 war dann der erste Start“, sagt ein Sprecher des Raketenbauers ZSKB-Progress laut der Zeitschrift.

    Rund 300 Millionen Euro waren für den Bau der Infrastruktur in Kourou veranschlagt – ein Großteil davon ging an russische Zulieferer. Der russische Ausrüster Cryogenmash zum Beispiel hat die Anlage zum Betanken der Flugkörper mit flüssigem Sauer- und Stickstoff geliefert.

    Die Betankung ist unter den tropischen Bedingungen, die in Kourou herrschen, alles andere als Routine: 40 Minuten dauert der gesamte Vorgang. Der Sauerstoff wird für die Verbrennung des Treibstoffs benötigt, der Stickstoff erzeugt unter anderem Überdruck in den Kerosintanks der russischen Rakete.

    Sauerstoff und Stickstoff werden dabei bei tiefsten Minusgraden aufbewahrt – und das bei 45 Gard im Schatten in den südamerikanischen Tropen. Bei einem solchen Temperaturgefälle dürften Gasverluste nicht zu vermeiden sein, doch die Ausrüstung des russischen Anlagenbauers hält die Abweichungen im vernachlässigbaren Bereich.

    „Cryogenmash beliefert die Raumfahrtindustrie seit 55 Jahren. Wir bauen und entwickeln Kälte- und Tanksysteme, nicht nur für Sauerstoff und Stickstoff, sondern auch für Wasserstoff. Unsere Lösungen für die Raumfahrt – in ihrer Komplexität einmalig – werden später in zivilen Bereichen angewandt, in der Metallurgie und im Maschinenbau“, sagt Michail Smirnow, Chef-Entwickler bei Cryogenmash, laut dem Blatt.

    Die Anwendung von Weltraumtechnologie bei der Lösung irdischer Aufgaben ist ein weiteres Ergebnis der internationalen Zusammenarbeit in Kourou, wie die Zeitschrift schreibt.

    Dass die ESA ihren Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana gebaut hat, ist übrigens auch kein Zufall. Das Land liegt fast am Äquator und bietet deshalb einen unschätzbaren Vorteil: Je weiter weg von der Erdachse, desto schneller dreht sich unser Planet nämlich. Dieses Extra-Tempo gibt den Raketen zusätzlichen Schwung. Sie brauchen weniger Kraft, um ihre Nutzlast ins Weltall zu bringen – oder fliegen bei gleichem Energieeinsatz einfach mehr Last in den Erdorbit.

    Was die Kosten der russischen Sojus-Trägerraketen für die ESA angeht, so wird dieses brisante Vertragsdetail nicht veröffentlicht. Eine Vorstellung von der Größenordnung kann man jedoch aus einem anderen Deal zwischen der ESA und der russischen Raumfahragentur Roskosmos ableiten: Der Kauf von 21 Sojus-Raketen im letzten Jahr kostete die ESA und die britische Firma OneWeb rund 1,5 Milliarden Dollar.

    Zum Thema:

    Russland beginnt massive Beryllium-Förderung für Weltraumschiffe
    Russischer Konzern erhält erstmalig Lizenz für Weltraum-Tourismus
    Ende der ISS-Ära: Warum Russen und Amerikaner im Weltraum auseinanderlaufen
    Russlands Weltraumbehörde gibt Hauptziel für nächstes Jahrzehnt bekannt
    Tags:
    Rakete, Weltraumbahnhof, Sojus, Europäische Raumfahrtbehörde (ESA), Kourou, Französisch-Guayana, Frankreich, Russland
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren