20:06 20 April 2018
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    Kommt das Fleisch in Zukunft aus dem Labor? Wiesenhof investiert in „Supermeat“

    © Foto : David Parry / PA Wire
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    Der Geflügelhersteller Wiesenhof investiert in Fleisch, das ohne Tierleid quasi wie im Labor gezüchtet wird. Der Empfänger: das Startup Supermeat aus Israel. Doch ist die Technologie für die industrielle Fertigung schon da? Ist sie wirklich so vorteilhaft, wie Supermeat sie darstellt? Und werden die Menschen bereit sein, das Fleisch zu konsumieren?

    Stellen Sie sich vor: Wenige Freilandhennen, Schweine und Rinder teilen sich einen riesigen Bauernhof. Sie haben viel Raum, sich zu bewegen, werden gut gepflegt. Alle paar Tage kommt ein Mann in weißem Kittel vorbei, nimmt eines von ihnen kurz zur Seite. Ein kleiner Piekser, dann lässt er es wieder laufen. Die so entnommenen Zellen kommen dann weiter an eine Produktionsfirma, landen in einer Nährlösung und wachsen auf einem Gerüst zu Gewebe heran. Am Ende steht das Steak und landet beim Verbraucher auf dem Teller. Die Tiere auf dem Bauernhof werden nicht geschlachtet, sie sterben eines natürlichen Todes.

    Dabei hört es aber nicht auf. Denn die Fleischindustrie tötet nicht einfach nur unzählige Tiere unter schrecklichen Bedingungen. Sie verbraucht auch Unmengen an Ressourcen und zerstört die Umwelt: Abholzung von Regenwäldern, hohe Treibhausgasemissionen, Nutzung gigantischer Landflächen und immenser Wassermengen – das sind die Vorwürfe, mit denen die gegenwärtige Tierhaltung sich konfrontiert sieht. Aber das Fleisch aus dem Labor könnte hier eine Revolution auslösen, verspricht es doch nichts weniger als 99 Prozent weniger Land in Anspruch zu nehmen, 96 Prozent weniger Wasser zu verbrauchen und 96 Prozent weniger Treibhausgase zu verursachen. Freie Flächen, mehr Ressourcen und freie Tiere also.

    Das ist zumindest die Vision, wie sie Herstellern von Clean Meat oder In-vitro-Fleisch vorschwebt. Zu solchen Herstellern will seit Ende 2015 das israelische Startup Supermeat gehören. Es hat mit seiner Crowdfunding-Kampagne bereits über drei Millionen Dollar gesammelt und erhält jetzt noch einen bedeutenden Zuschuss direkt aus der Industrie – und zwar vom deutschen Geflügelproduzenten Wiesenhof. Kommt das Fleisch der Zukunft also bald aus der Retorte? Ist die Ära der Massentierhaltung vielleicht bald vorbei?

    Mit der Kultivierung von In-vitro-Fleisch beschäftigen sich nicht nur Startups wie Supermeat. Auch viele Wissenschaftler forschen auf dem Gebiet. Im Rahmen einer Studie hat das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS), Teil des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), die Versprechen von Supermeat auf den Prüfstand gestellt.

    Zahlen sehr optimistisch, nötige Technologie noch nicht da

    „Die Einschätzungen von Supermeat sind natürlich sehr optimistisch“, bemerkt Arianna Ferrari, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Studie beteiligt war. In erster Linie sei dieser Optimismus wohl dem Umstand geschuldet, dass ein Startup Geld akquirieren müsse. Und da es verschiedene Studien mit verschiedenen Zahlen gibt, habe man lieber die mit den besten Zahlen gewählt.

    Das eigentliche Problem aber lautet: Bis jetzt gibt es noch überhaupt kein Verfahren für die industrielle Produktion des Fleisches. Deswegen seien auch alle Prognosen rein hypothetisch. Es gelte abzuwarten, bis die Technologie vorgestellt wird. Erst dann könnten genauere Schätzungen zur Produktionsreife des Herstellungsverfahrens erfolgen.

    In der Zwischenzeit lasse sich aber über sogenannte Lebenszyklusanalysen eine grobe Eingrenzung vornehmen. Solch eine Analyse sei 2015 im Rahmen einer Studie erfolgt. Die Vorteile der Retortenfleischproduktion für die Umwelt lassen sich nach der Studie folgendermaßen einteilen:

    1. Die Art des Fleisches: Während Hähnchen und Schwein als Low-impact-Meat geringe Auswirkungen auf die Umwelt haben, ist Rind ein großer Übeltäter. Investitionen würden also vor allem bei Rindfleisch für die Umwelt Sinn machen.
    2. Stromverbrauch: Bei Supermeat wird diesem Aspekt keine große Beachtung geschenkt, doch je nachdem, welche Technologie zum Einsatz kommt, wird sie Strom zum Betrieb brauchen. Und der Strom könnte wiederum teils aus fossilen Energieträgern kommen, was am Ende wieder für Treibhausgase sorgt.
    3. Land- und Wasserverbrauch: Hier müssen die von Supermeat angegeben Zahlen nicht unbedingt stimmen, aber im Wesentlichen hat das Startup mit seinem Optimismus Recht: Ferrari spricht in diesen Bereichen von einer zu erwartenden „deutlichen Reduktion“.

    Zu den technischen Herausforderungen gehört es derzeit, geeignete Zelllinien für die Entwicklung des Fleisches zu finden. Denn nicht jede Zelle bildet dasselbe Gewebe, also steht auch am Ende nicht unbedingt ein saftiges Stück Fleisch. Außerdem stellen die Gerüste, auf denen das Gewebe heranwachsen soll, die Forschung noch vor große Schwierigkeiten. Denn ein Stück Fleisch hat eine bestimmte Struktur, und damit die Zellen eine solche Struktur bilden, muss man ihnen diese vorgeben. Und schließlich ist die Frage nach dem passenden Nährmedium für die Zellen noch nicht gelöst. Denn ein Huhn ernährt sich von diversen Stoffen, seine Zellen tun es auch – und all diese Stoffe müssen den Zellen zugeführt werden, damit ein anständiges Brustfilet entstehen kann.

    Ist Fleisch von nicht getöteten Tieren ethisch okay?

    Keine Tiere mehr töten – das wünschen sich Vegetarier und Veganer unisono. Nach Ferrari stehen diese beiden Gruppen der Idee auch sehr positiv gegenüber und zählen zu den aktiven Unterstützern solcher Projekte. Manche würden das Fleisch sogar bedenkenlos essen.

    Doch es gibt auch kritische Stimmen aus deren Reihen, merkt Ferrari an. Denn der Motor der Idee hinter Vegetarismus und Veganismus sei es, die „Fleischkultur“ zu kritisieren. Veganismus sei zu einem nicht unwesentlichen Teil auch allgemeiner Ausdruck des Unbehagens gegen tierische Produkte. Das Fleisch ohne Leid aus der „Petrischale“ würde das radikale Potential der Botschaften dieser Strömungen vernichten, indem das Bewusstsein für den tierischen Ursprung bei den Konsumenten schwinden könnte.

    Außerdem gebe es selbst bei Perfektionierung der Retortenfleischproduktion eine ganze Reihe praktischer Probleme der Tierhaltung: „Wie werden die Tiere dann leben? Werden sie gezüchtet, um als optimierte Stammzelllieferanten zu leben? Wie werden sie gehalten?“, fragt Ferrari, die als Philosophieabsolventin und Tierethikerin den Wissenschaftlern über die Schulter schaut. Schließlich sei selbst die Entnahme von Zellen aus Tieren für manche Menschen problematisch, da sie trotz allem zu einem Teil mit Leiden verbunden sei.

    Wer wird das neue Fleisch essen?

    Neben der ethischen Debatte stellt sich auch die Frage, ob der Konsument bereit sein wird, das kultivierte Fleisch zu konsumieren. Die Forscher haben hier qualitative Untersuchungen angestellt und kamen zum Schluss, „dass die meisten Menschen keine großen Probleme mit dem Konsum von Clean Meat (Englisch für ‚Sauberes Fleisch‘ – Anm. d. Red.) haben werden.“ Es gebe allerdings Unterschiede, die vom Alter abhängen: Jüngere Menschen stünden der Innovation aufgeschlossener gegenüber als ältere. Außerdem gebe es Bedenken vieler Bürgerinnen und Bürger, denn es ist – wie bei vielen Neuerungen – nicht klar, für wen diese Innovation gedacht ist, wer Zugang zu ihr haben wird, wer sie sich leisten können wird und ob das Verfahren von Patenten geschützt sein wird.

    Wiesenhof hat also eine Investition in eine Technologie getätigt, die noch viele Etappen durchlaufen muss, bis das Fleisch in unseren Regalen landet. Aber Wiesenhof steht nicht allein da: Während der „langen“ Geschichte von Clean Meat wurden schon 2007 und 2009 in den USA große Investitionen in ähnliche Projekte wie Supermeat getätigt. 2014 investierte sogar der Mitgründer von Google Sergey Brin in die Idee. Und erst 2017 investierte die Bill Gates Foundation in das Unternehmen Memphis Meats, das ähnliche Ziele mit Hähnchen, Rind und Ente verfolgt. Nicht nur Wiesenhof hat das Gefühl, dass sich in der Fleischindustrie in Zukunft – wenn auch nicht unbedingt in der allernächsten Zukunft – etwas ändern wird.

    Valentin Raskatov

    Das komplette Interview mit Dr. Arianna Ferrari zum Nachhören:

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    Tags:
    Start-up, Zukunft, Technologien, Essen, Industrie, Tiere, Fleisch, Israel
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