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    Weniger Sperma, mehr Hodentumore: Steckt der westliche Mann in biologischer Krise?

    © Sputnik / Michail Woskresenski
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    Hodentumore nehmen im Westen rasant zu, die Spermienproduktion fällt seit Jahrzehnten. Steckt der westliche Mann in einer biologischen Krise? Experten rätseln noch über die genauen Ursachen des Hodenkrebses. Immerhin gibt es vorerst Entwarnung, was die abnehmenden Spermienzahlen betrifft – und eine alternative Erklärung.

    Seit neuestem steht das allseits bekannte Schmerzmittel Ibuprofen im Verdacht, für Unfruchtbarkeit zu sorgen. Aber während die Medien schlimmer über die Studie berichten, als sie wirklich ist, gibt es beim männlichen Geschlecht Trends, die weitaus besorgniserregender sind.

    So sorgte 2017 eine Meta-Studie von der Hebräischen Universität Jerusalem für Aufsehen: Aus dem Vergleich verschiedener darin behandelter Studien schlossen die Forscher, dass die Spermienzahl beim westlichen Mann innerhalb von 40 Jahren um über die Hälfte gefallen war. Ursache: unbekannt. Während die Spermien in den letzten Jahrzehnten weniger geworden sind, ist der Hodenkrebs rasant gestiegen. Europaweit führt hier Dänemark, dicht gefolgt von Deutschland. Ursache: unbekannt.

    Entwarnung: Unterschied zwischen 100 oder 50 Millionen Spermien minimal

    Asche über das Haupt braucht der westliche Mann sich wegen dieser Schreckensnachricht aber nicht gleich zu streuen. Denn: „Eigentlich ist es irrelevant, ob Sie 100 Millionen Spermien oder 50 Millionen erzeugen, denn mit beiden Werten sind Sie völlig fruchtbar – es sei denn, sie treffen auf eine weniger fertile Frau“, bemerkt der Reproduktionsmediziner Prof. Stefan Schlatt von der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster gegenüber Sputnik. Das Grundproblem der heutigen Gesellschaft sei es, dass die Männer versuchten, sich mit immer älter werdenden Frauen fortzupflanzen, die bereits kurz vor der Unfruchtbarkeit stünden. „Wenn die Frau schwieriger schwanger wird, dann braucht der Mann bessere Spermien – und die hat er mit 40 auch nicht mehr.“

    Allerdings gebe es für die Fortpflanzung auch beim Mann „kritische Bereiche“, die sich – je nach Forscher – zwischen 20 und 15 Millionen Spermienzellen pro Milliliter bewegen.

    Trotzdem: Welche Faktoren mindern die Spermienzahl?

    Den wohl bekanntesten und schädlichsten Einfluss auf die Fruchtbarkeit gleich beider Geschlechter übt der Tabakrauch aus. Dieser senke die Chance einer Befruchtung „gewaltig“. Auch der Alkohol, der sich gern zum Tabak gesellt, wirkt sich negativ auf die Spermienproduktion aus.

    Für den Lebensstil gelte außerdem, dass Stress hemmend wirkt, ebenso der zu häufige Saunabesuch. Denn die Spermienzellen brauchen eine niedrigere Körpertemperatur als die restlichen Körperzellen, weshalb der Hoden bekanntermaßen nach außen gestülpt ist. Die Saunahitze wirkt dem entgegen. Aber auch bei Sport, der in gewöhnlichen Mengen positiv auf den gesamten Organismus wirkt, sollte man Vorsicht walten lassen: „Leistungssportler sind im Prinzip unfruchtbar“, bemerkt Schlatt. Denn in der Hungerphase, die auf den Sport folgt, werde der Hypothalamus im Kopf abgeschaltet, der bei der Fortpflanzung eine zentrale Rolle spielt. Bei Hochleistungssportlern sei dies durchgängig der Fall. Zuletzt sei der Mann auch nach einer eben überstandenen Krankheit weniger fruchtbar.

    Es gebe ferner genetische Faktoren, zu denen die Größe der Hoden gehöre. „Dänen hatten immer schon sehr kleine Hoden, Schweden viel größere. Selbst in den USA gibt es unterschiedliche Hodenvolumina in verschiedenen Bundesstaaten“, so Schlatt. Im Fall der USA und auch Australiens lägen diese Differenzen daran, dass dort verschiedene Völker eingezogen sind. Und schließlich gebe es die jahreszeitbedingten Lichtphasen, nach denen sich vor allem die Tiere richten. Bei Menschen sei das für gewöhnlich nicht der Fall, aber es gebe auch vereinzelt Menschen, bei denen das Fortpflanzungsprogramm vom Lichtzyklus gesteuert wird.

    Allgemein lässt sich sagen: „Sie müssen Reproduktion verstehen als ein Spiegelbild Ihres gesamten Lebens. Je nachdem, wie viel Schaden Sie Ihrem Körper zufügen, umso mehr werden Hoden- oder Ovarienfunktionen eingeschränkt.“ Abschließend lasse sich deswegen die Frage nach allen Faktoren nicht beantworten. „Sie könnten Millionen verdienen mit der Fruchtbarkeitsdiät, sowohl beim Mann wie auch bei der Frau“, sagt der Reproduktionsexperte. Aber derzeit beherrschten diesen Markt nur gutgemeinte Ratschläge und „Quacksalber, die einem alles Mögliche verkaufen“.

    Eine etwas andere Erklärung: Masturbiert der Mann einfach zu viel?

    Zu den Studien, nach denen im Westen ein drastischer Rückgang von Spermien zu verzeichnen ist, bemerkt Schlatt außerdem, dass viele von ihnen aus den 40er und 50er Jahren stammen. „Da war die Häufigkeit der Ejakulation bei Männern noch deutlich geringer als heute, weil unser Umgang mit der Sexualität ein anderer geworden ist.“ Für den Hoden gelte aber, dass alle produzierten Spermien ins Speicherorgan Nebenhoden wandern und dort auf ihren Einsatz beim Samenerguss warten. Wenn man aber dreimal die Woche diesen Speicher entleere, sei das Ejakulat naturgemäß nicht so spermienreich. Es sei nicht klar, ob die Männer, die sich solchen Studien unterziehen, immer auch die Karenzzeit einhalten, also die Dauer von einer Woche, in der sie nicht masturbieren dürfen. „Ich bin mir nicht sicher, ob das nicht einen großen Teil der heutigen Diskussion erklärt“, bemerkt der Experte dazu trocken. In Ländern, in denen der Mann nicht so offen sexuell aktiv sein dürfe, sähen die Zahlen im Übrigen ganz anders aus. Das Fazit: „Vielleicht liegt es ganz einfach daran, dass wir als westliche Männer ganz häufig ejakulieren.“

    Weiterhin ein Rätsel: Wie Hodenkrebs im Mutterleib entsteht

    Während der Spermienrückgang weder in der Praxis große Nachteile bringt, noch als bewiesene Tatsache betrachtet werden darf, bezeichnet Schlatt die Häufung von Hodenkrebs als „bedenklich“. Um die Frage nach diesen Tumoren zu beantworten, müsse die Forschung einen „Blick in den Mutterleib“ werfen, denn: „Diese Hodentumorbildung findet schon im Embryo statt, dadurch, dass Zellen übrig bleiben, die nicht übrig bleiben sollten.“ Es gebe aber noch keinen Befund in diesem Bereich.

    Valentin Raskatov

    Das komplette Interview mit Prof. Stefan Schlatt zum Nachhören:

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    Tags:
    Sperma, Studie, Krise, Gesundheit, Westen