13:02 18 Dezember 2018
SNA Radio
    chirurgische Instrumente (Symbol)

    Tierversuche auf Rekordhoch – 90 Prozent der Tests scheitern in klinischen Studien

    CC0
    Wissen
    Zum Kurzlink
    2317

    Die Zahl der Tierversuche in Deutschland ist so hoch wie noch nie. Doch es wird „viel Zeit und Geld aufgewendet für Tests, die für Menschen keine Aussagekraft haben“. Dabei gibt es längst Alternativen zu den unnötigen Tierversuchen. Der Geschäftsführer für Wissenschaft im Deutschen Tierschutzbund, Roman Kolar, im Sputnik-Interview.

    Um über 50.000 Fälle ist die Zahl der Tierversuche in den zurückliegenden zwei Jahren in Deutschland angestiegen. Diese Nachricht war für viele Tierschützer hierzulande ein echter Schock. Denn spätestens nachdem vor nunmehr 15 Jahren der Tierschutz als sogenanntes Staatsziel in Form des Artikels 20a Einzug in das Grundgesetz gefunden hat, dachten viele, die Zahl der Tierversuche werde zurückgehen. Und tatsächlich waren die Zahlen zunächst rückläufig. Sie stiegen aber in den letzten Jahren kontinuierlich wieder an.

    Roman Kolar, von Haus aus Biologe und im Deutschen Tierschutzbund Geschäftsführer für den Bereich Wissenschaft, macht im Gespräch mit Sputnik zwei Gründe für diese Entwicklung verantwortlich: „Das eine ist die Gentechnik, und das zweite ist einfach das mangelnde Eingreifen des Gesetzgebers bei der Genehmigung von Tierversuchen.“

    Die Verwendung von gentechnisch veränderten Lebewesen in Tierversuchen, vor allem von Mäusen, hat signifikant zugenommen. Schätzungen zufolge ist inzwischen jedes dritte Tier eine Lebensform, die es so in freier Natur nicht gibt. Und für Roman Kolar geht damit das Problem schon los, bevor noch der erste Tierversuch überhaupt begonnen hat:

    „Denn diese gentechnisch veränderten Tiere müssen erstmal hergestellt werden, um es etwas zynisch zu sagen. Bei der Produktion solcher gentechnisch veränderter Linien kommt es immer wieder vor, dass es missgebildete Nachkommen gibt. Und für die Muttertiere ist das meistens auch sehr belastend, denn man darf sich nicht vorstellen, dass das jetzt alles natürliche Fortpflanzungs- und Geburtsvorgänge sind, die da in den Labors stattfinden.“

    Inkonsequente Politik verhindert alternative Tests ohne Tiere

    Versuchstiere werden gentechnisch verändert, damit an ihnen effektiver Wirkstoffe von Kosmetika oder Medikamenten getestet werden können. Doch das ist eigentlich bereits in vielen Fällen vermeidbar, kritisiert Kolar. Insbesondere Tierversuche für kosmetische Artikel könnten deutlich reduziert werden, weil es inzwischen eine Vielzahl von – zum Teil mit Forschungspreisen hoch gelobte – Alternativen wie z.B. künstliche Haut, Zellkulturen oder sogenannte Bio-Chips gibt.

    Doch nicht nur diese Ignoranz ärgert den Tierschutz-Experten, sondern vor allem die Inkonsequenz der Politik. Das Bundesforschungsministerium rühmt sich seiner sogenannten 3R-Strategie, die aus Replacement (zu deutsch: Ersatz), Reduction (Verringerung) und Refinement (Verfeinerung) besteht. Demnach solle nach Möglichkeit auf Alternativen für Tierversuche zurückgegriffen werden oder ihre Zahl so gering wie nötig zu halten. Überdies sollen aus jedem einzelnen Tierversuch so viele verwertbare Informationen wie möglich extrahiert werden.

    Doch in der Praxis basieren gerade Tierversuche, die neue Chemikalien testen sollen und gesetzlich sogar vorgeschrieben sind, auf veralteten Standards: „Alle Tierversuche, die international bei der Zulassung von Chemikalien vorgeschrieben sind, stammen teilweise noch aus den 70er, 80er Jahren und berufen sich auf Testverfahren, die noch weiter zurückgehen, teilweise aus den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Und all diese Testmethoden durch Alternativen zu ersetzen, ist ein langer und mühseliger Weg.“

    Diesen Weg will die Politik scheinbar nicht gehen. Kolar konstatiert eine tiefe Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Auf der einen Seite Tierschutz als Staatsziel, auf der anderen Seite inkonsequente Gesetzgebung im Detail, aus Rücksichtnahme auf Gewohnheiten und Bequemlichkeiten von Privatverbrauchern, aber vor allem von Unternehmen:

    „Das hindert den Gesetzgeber offensichtlich daran, durchgreifende Maßnahmen zu beschließen, um im Tierversuchsbereich dafür zu sorgen, was Politiker in Sonntagsreden seit Jahrzehnten erzählen, dass zumindest nur das genehmigt wird, was absolut notwendig ist und sich unmittelbar auf menschliche Therapien bezieht. Aber auch von diesem Zustand sind wir weit entfernt. In Deutschland findet der Großteil der Tierversuche immer noch statt, um entweder irgendwelche Produkte auf den Markt zu bringen, oder um wissenschaftliche Fragestellungen unabhängig von möglichen Therapien an Universitäten zu untersuchen.“

    Bundesregierung verweist auf 3R-Konzept und Forschungsförderung

    Die Bundesregierung verweist nicht nur auf das 3R-Konzept, sondern auch auf die Tatsache, dass seit 1980 über 500 Forschungsprojekte mit einer dreistelligen Millionensumme gefördert wurden, um alternative Testmethoden zu entwickeln, die Tierversuche ablösen. Die Regierung erklärt allerdings auch, dass es derzeit nicht möglich sei, gänzlich auf Tierversuche zu verzichten, und führt dafür genauso wie die Tierschützer ethische Gründe ins Feld: „Für die Forschung ist das Tier als Modellorganismus bislang jedoch häufig unverzichtbar. So liefern Tierversuche wichtige Informationen darüber, ob und wie Medikamente wirken und ob einzelne Chemikalien für den Menschen giftig sind.“

    Dieses Argument kennt Roman Kolar nur zu gut. Sie überzeugen ihn nicht. Vor allem nicht die Logik, wie er gegenüber Sputnik erläutert: „Die mit Abstand besten Versuche bei der Prüfung von Medikamenten, oder um zu sehen, ob eine neue Chemikalie für den Menschen giftig oder gefährlich ist, wäre, diese in einem Menschenversuch auszuprobieren. Da kann man mit der gleichen Logik, mit der man Tierversuche einsetzt, auch sagen: Ja, da würde ich vielleicht an einem Menschen großes Leid auslösen, aber ich könnte Millionen vor Leid bewahren. Natürlich und aus gutem Grund wird niemand eine solche Argumentation anführen. Und aus gutem Grund ist es ein totales Tabu, an Menschen solche Versuche durchzuführen. Bei Tieren sind wir leider noch nicht so weit. Das liegt natürlich auch daran, wie der Stellenwert von Tieren insgesamt ist.“

    Beispiel USA zeigt: Richtungsänderungen sind möglich

    Dass sich Politik und Industrie in Sachen Tierversuchen nicht bewegen, ärgert Kolar vor allem deshalb, weil das Beispiel USA zeige, dass auch ein Land, in dem Tierschutz jahrzehntelang keine wirklich überragende Rolle gespielt habe, sich radikal ändern könne, wenn sich radikale Erkenntnisse bei Entscheidungsträgern durchsetzen.

    Kolar verweist darauf, dass in den USA ein millionenschweres Forschungsprogramm aufgelegt wurde, das Versuchsanordnungen entwickeln soll, die auf die Nutzung von Tieren verzichten: „Und der Grund liegt nicht etwa in moralischen Aspekten, oder dass dort besondere Tierfreunde am Werk wären, sondern schlicht und ergreifend in der Tatsache, dass, wenn nach dem bisherigen Verfahren ein Wirkstoff als möglicherweise beim Menschen sinnvoll angesehen wird und dann am Menschen erprobt wird, so ein Wirkstoff zu 90 Prozent durchfällt, obwohl alle Tierversuche vorher damit gemacht wurden. Man hat sehr viel Zeit und sehr viel Geld aufgewendet – für Tests, die letztendlich für den Menschen keine Aussagekraft haben.“

    Doch für eine solche Trendwende in Deutschland bedürfe es nach Kolars Ansicht zunächst einmal eines gesteigerten Interesses in der Mehrheit der Bevölkerung und den Medien. Kolar vermisst die Bereitschaft, sich „kritisch und differenziert“ mit der Thematik auseinanderzusetzen: „Da werden eher gern die alten Klischees gespielt von den emotionalen Tierschützern und den sadistischen Wissenschaftlern. Da kommt man dann nicht wirklich weiter.“ Eigentlich, da ist sich Roman Kolar sicher, seien sich alle einig, dass es auf Dauer ein moralisch unerträglicher Zustand ist, „Tiere als Stellvertreter der Menschen einzusetzen, für etwas, das wir uns selbst nicht zumuten wollen“.

    Andreas Peter

    Das komplette Interview mit Roman Kolar zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    „In Gefahr“: Diese Tierarten sind vom Aussterben bedroht – FOTOs
    Berliner Eisbärbaby gestorben: Tierpark nennt Todesursache
    Eisbärenzucht ist ein Irrweg – Tierschutzbund
    Tags:
    Studie, Tests, Tiere, Medizin, Deutschland