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    Machen Roboter arbeitslos? Wirtschaft im Wandel der Digitalisierung

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    Wie wird Digitalisierung unseren Arbeitsalltag verändern? Sechs Wirtschaftswissenschaftler diskutierten am Mittwochabend in Berlin darüber. „Ich sehe schwarz, wenn wir Künstliche Intelligenz nicht gesellschaftlich begleiten“, so ein Ökonom. Ist die gescheiterte Digitalisierungs-Strategie in der Bildungspolitik Australiens mahnendes Beispiel?

    Etwa ein Drittel der Erwerbstätigen in Deutschland seien von dem Strukturwandel betroffen, der sich hinter Begriffen wie „Digitalisierung“ und „Industrielle Revolution 4.0“ verbirgt. Das sagte die Wirtschaftsjournalistin Ursula Weidenfeld zu Beginn der Veranstaltung am Mittwochabend im Haus der Leibniz-Gemeinschaft in Berlin. Hier trafen sich die Präsidenten von sechs Wirtschaftsforschungsinstituten, die in der renommierten Leibniz-Gemeinschaft eingebunden sind. Die Wirtschaftswissenschaftler diskutierten folgende Fragen: Wie verändert die Digitalisierung – die sogenannte „Industrie 4.0“ – die Arbeitswelt? Werden bald althergebrachte Jobs durch Maschinen, gar durch Roboter ersetzt? Wie verändert uns das?

    Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts an der Universität München, geht nicht davon aus, dass in naher Zukunft radikal viele Jobs wegfallen werden. „Wir können stark davon ausgehen, dass wir unsere jetzigen Arbeitsplätze noch haben werden“, sagte der Professor für Volkswirtschaftslehre, der ebenso Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Bundesfinanzministeriums ist. Er verglich die heutige Situation mit historischen Wandlungsphasen der Arbeitswelt. „Wenn wir zurückgehen in der Wirtschaftsgeschichte, dann haben sich die Dinge dramatisch geändert: Früher hat die Hälfte der Bevölkerung in der Landwirtschaft gearbeitet.“

    US-Ökonom warnt vor falschem Umgang mit Künstlicher Intelligenz

    Für den US-Ökonom Dennis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel (IfW), unterscheide sich die heutige Digitalisierung von jeder vorherigen technischen Revolution: „Jetzt gibt es Künstliche Intelligenz, die sich rasant erhöht. In absehbarer Zeit wird die meiste Routine-Arbeit von Maschinen übernommen werden.“ Er warnte davor, diese Entwicklung nicht gesellschaftlich und sozialpolitisch zu begleiten. „Dann sehe ich schwarz.“

    Auf der Veranstaltung sagte der Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) mit Sitz in Essen, Christoph Schmidt, es brauche nicht nur „den Mut der Menschen“. Auch der Staat müsse die sozial-politischen Rahmenbedingungen zum Wandel einer digitalisierten Gesellschaft bereitstellen. „Alte, bestehende Stellen fallen weg: Das Ganze ist überhaupt gar keine schlechte Nachricht, weil eine Fülle von neuen Positionen entsteht. Das entsteht aber nur dann, wenn auch die Rahmenbedingungen, wie das Steuersystem, stimmen.“ Der RWI-Chef fuhr fort: „Wenn wir den Strukturwandel verhindern, dann würden wir es falsch machen.“

    „Mehrheit wird beim Wandel Probleme haben“

    Die Journalistin Weidenfeld, die den Abend moderierte, fragte zugespitzt:

    „Wir haben auf der einen Seite den Anspruch, ein Land zu sein, das seine Spitzenposition verteidigen will, das dynamisch und investitionsfreudig sein und bleiben will. Auf der anderen Seite haben wir eine immer älter werdende Erwerbsbevölkerung, die Bedenken hat. Wie kriegt man das zusammen?“

    Makroökonom Marcel Fratzscher betonte immer wieder, die Wirtschaft müsse die Menschen mitnehmen, „sie dort abholen, wo sie gerade stehen“, so der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW). Allerdings sagte er auch, die Wirtschaft, vor allem die Industrie, müsse Risiken eingehen. „Innovation findet nur statt, wenn Sie Risiken eingehen.“

    Dem pflichtete Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH), bei: „Der technologische Wandel begünstigt die, die Werte wie Freiheit und Kreativität schätzen. Die nach fünf Jahren in ihrem Job gelangweilt sind. Das ist aber nicht die Mehrheit der Bevölkerung. Insofern ist es schon zu erwarten, dass wir da Probleme haben werden.“

    Negativ-Beispiel Australien: Digitalisierung zurückfahren?

    Dass die bisherige Automatisierung von Arbeitsprozessen noch zu keinem flächendeckenden Job-Abbau geführt habe, würden Studien beweisen, behauptete ein weiterer Ökonom. „Die Studien, die es zur Robotisierung und zur Computerisierung gibt, zeigen, dass wir in Deutschland bei der Robotisierung eigentlich einen neutralen Arbeitsplatz-Effekt haben“, behauptete Achim Wambach, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. „Und bei der Computerisierung sogar einen positiven.“

    Diese Maßnahmen würden keine Jobs verdrängen, sondern unterstützen Berufsbranchen noch positiv. Ähnlich wie in der Automobil-Branche, wo „heute ganz andere Fahrzeug-Modelle als früher“ gebaut werden. „Ich halte die Anpassungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft für sehr hoch. Das heißt nicht, dass wir nicht einzelne Personen haben werden, deren Stellen verschwinden.“  

    Dass die Digitalisierung der Gesellschaft auch negative Folgen haben kann, darauf weisen seit einigen Jahren immer wieder Naturwissenschaftler – vermehrt aus den Bereichen Neurologie (Hirnforschung), Psychiatrie und Psychologie – hin. Zu ihnen gehört Manfred Spitzer, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm. Er ist Vertreter der Neurodidaktik, eines Forschungszweigs, der pädagogische Konzepte unter wesentlicher Berücksichtigung der Erkenntnisse der neueren Hirnforschung untersucht.

    „In Australien wurden ab dem Jahr 2008 etwa 2,4 Milliarden australische Dollar in die Digitalisierung von Schulen investiert“, schreibt Spitzer in seinem wissenschaftlichen Artikel „Smartphone: Technikfolgenabschätzung“, das der Sputnik-Redaktion vorliegt. „Nach einem dramatischen Absinken der Leistungen australischer Schüler wurde diese Digitalisierung im Jahre 2016 wieder rückgängig gemacht. Seitdem werden die Laptops wieder eingesammelt: Die Schüler haben alles damit gemacht, nur nicht gelernt.“

    (v.l.n.r.) Ursula Weidenfeld, Christoph M. Schmidt, Michael Fratzscher, Reint Gropp, Achim Wambach, Clemens Fuest und Dennis Snower
    © Sputnik / A. Boos
    (v.l.n.r.) Ursula Weidenfeld, Christoph M. Schmidt, Michael Fratzscher, Reint Gropp, Achim Wambach, Clemens Fuest und Dennis Snower

    Zu Interviews oder der Beantwortung von Fragen, auch zur Situation in Australien, waren die Anwesenden gegenüber Sputnik nicht bereit.

    Alexander Boos

    Die komplette Reportage zum Leibniz-Wirtschaftsgipfel „Digitalisierung und Arbeitsmarkt“ zum Nachhören:

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    Laptop, Digitalisierung, Arbeitsmarkt, Computer, Smartphones, Wissenschaft, Schule, Roboter, Arbeitslosigkeit, Australien, Berlin, Deutschland
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