21:55 16 August 2018
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    Allergien vor dem Aus? Forscher findet „hochinteressanten Wirkstoff“

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    Valentin Raskatov
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    Dänische und deutsche Forscher haben womöglich ein hochwirksames Präventivmittel gegen Allergien gefunden. Zumindest auf Zellebene konnten sie den Mechanismus außer Kraft setzen, der für diese Reaktionen des Körpers verantwortlich ist. Bis zum fertigen Medikament dürfte es aber noch fünf bis zehn Jahre dauern.

    Wenn der kalte oder lasche Winter vorbei ist, die Tage länger werden und die Pflanzenwelt zu knospen und zu blühen beginnt, blüht auch der Mensch auf. Es sei denn, er gehört zu dem Viertel der deutschen Bevölkerung, das an Heuschnupfen leidet. Dann wird bei ihm das schöne Schauspiel der Natur begleitet von juckenden und geröteten Augen und einer dicken Nase. Aber nicht erst im Frühling leidet der Allergiker an seinen Körperreaktionen auf Umweltstoffe. Viele leiden an Kontaktallergien bei Berührung bestimmter Gegenstände, an Neurodermitis, an Nahrungsmittelallergien oder der Hausstauballergie – und das das ganze Jahr über.

    Eine neue wissenschaftliche Publikation in der Fachzeitschrift Nature verspricht für diese Bevölkerungsgruppe in Zukunft Linderung. Denn den dänischen und deutschen Forschern soll es in Zellexperimenten gelungen sein, den Prozess, der bei der Allergie in Gang gesetzt wird, zu stoppen.

    Allergie im Vorfeld bekämpfen – durch blockierte Antikörper

    Heuschnupfen, Hautekzeme, Asthma und Nahrungsmittelallergien haben eins gemeinsam: Bei ihnen allen spielt der Antikörper Immunglobulin E (IgE) eine zentrale Rolle, erklärt Prof. Hans Merk aus dem Bereich Dermatologie der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen im Sputnik-Interview.

    Der Antikörper Immunglobulin E bindet sich an bestimmte allergieauslösende Fremdstoffe, die Allergene, wie etwa die Birkenpolle auf der Nasenschleimhaut. Daraufhin setzen Zellen des Immunsystems betimmte Entzündungsstoffe frei, die Histamine, die zu den allbekannten Symptomen führen: zu brennenden und geschwollenen Augen, zur laufenden und blockierten Nase …

    Am Antikörper selbst gibt es zwei wichtige Stellen, sogenannte Rezeptoren, die so geformt sind, dass sie bestimmte Substanzen erkennen und das Immunsystem in Gang setzen. Der eine Rezeptor sorgt dafür, dass bestimmte Zellen in ihrer Oberfläche löchrig werden und durch diese Löcher Histamine freisetzen. Der andere Rezeptor spielt bei der Gesamtregulation des Antikörpers im Körper eine Rolle. Er kurbelt die Produktion des Antikörpers an und sorgt damit für eine sich steigernde Reaktion des Körpers auf den Fremdkörper.

    Genau an diesen zwei Stellen dockt die neu entwickelte Substanz an, die die dänischen und deutschen Forscher um den Immunologen Edzard Spillner entwickelt haben. Der neue Stoff sorgt dafür, dass kein neues IgE nachgebildet wird und das bereits freigesetzte die Immunreaktion nicht in Gang setzen kann. „Man kann erwarten“, merkt Forscherkollege Merk an, „dass diese Substanz in die Regulation des Immunglobulin-E-Mechanismus eingreift.“ Man kann erwarten, dass sie solche Reaktionen des Körpers wie Heuschnupfen, Asthma und andere im Vorfeld unterbinden könnte. Und das wiederum heißt: Mit der Substanz könnte ein Medikament entstehen, mit dem allergischen Reaktionen vorgebeugt werden könnte.

    Wahrscheinlich gegen Parasiten: Immunglobulin E

    Meist tritt der Antikörper IgE eher unangenehm in Erscheinung. Aber warum ist so etwas Nachteiliges überhaupt im Körper vorhanden? Das sei eine „alte Frau“, sagt Merk dazu und betont: „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Natur eine solche Substanz bildet und diese nur gefährdende Eigenschaften hat. Wenn sich die Natur so etwas leistet, hat die Substanz meistens auch einen sinnvollen Grund.“ Heutzutage gehe man davon aus, dass IgE seine Hauptrolle in der Abwehr von Parasiteninfektionen spiele.

    Nicht zu früh freuen: Erst in fünf bis zehn Jahren auf dem Markt

    Bis zum fertigen Medikament ist es noch ein weiter Weg. Nun müssen Tierversuche folgen und später dann klinische Studien am Menschen. Es muss im Vorfeld auch geklärt werden, ob die Substanz nicht irgendwelche toxischen Eigenschaften hat, und ob sie am Ende gegen das wirkt, wogegen sie gedacht ist. So sei es beim seit 2009 in Europa zugelassenen Mittel Omalizumab gewesen, das ebenfalls das Immunglobulin E blockiert. Dieses Präparat zeigte überraschenderweise auch eine Wirkung bei der klassischen Nesselsucht, bemerkt der Allergologe. Es könnte also auch bei der neuen Substanz so sein, dass sich andere Wirkmechanismen zeigen, die ursprünglich nicht mit den allergischen Reaktionen in Verbindung gebracht wurden.

    Das komplette Interview mit Prof. Hans Merk zum Nachhören:

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    Allergie, Medikamente, Antikörper, Immunität, Heilung, Medizin, Forscher, Dänemark, Deutschland
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