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    Krebs-Impfstoff gefunden? Deutscher Forscher beurteilt Erfolgsmeldung aus den USA

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    Durch die Verabreichung einer sogenannten PAMP-Substanz in Kombination mit einem Antikörper konnten US-amerikanische Forscher Krebstumore samt Metastasen in Mäusen besiegen. Ihre Herangehensweise ist allerdings nicht neu und hat eine mehr als hundertjährige Geschichte zu verzeichnen.

    Forschern der Stanford Universität ist es gelungen, bei sogenannten „Krebsmäusen“, also Mäusen, die stark zu Krebsbildung neigen, Tumoren und Metastasen komplett zu besiegen. Dafür spritzten sie eine Stoffkombination in die Tumoren ein, woraufhin sich zuerst der Tumor auflöste und später auch im Körper verstreute Krebszellen vernichtet wurden. Die Ergebnisse der erfolgreichen Experimentreihe veröffentlichten die Forscher in einem Artikel bei Science Transitional Medicine.

    Bei den verwendeten Substanzen handelte es sich um einen Antikörper und eine sogenannte PAMP-Substanz, die auf das Immunsystem genauso aktivierend wirkt wie eine wirkliche Infektion. „PAMPs sind grundsätzlich Gefahrensignale, bestimmte Substanzen, die eigentlich nur von Bakterien und Viren hergestellt werden“, erklärt Uwe Hobohm von der Technischen Hochschule Mittelhessen, der ebenfalls in diesem Bereich forscht. Diese Substanzen alarmieren das angeborene Immunsystem und sorgen dafür, dass es sich gegen den Krebs wendet, so der Forscher.

    Immunsystem kann Krebs töten, muss aber aktiviert werden

    Denn in den meisten Krebspatienten sei eine Antwort des Immunsystems auf den Krebs vorhanden. Es gebe Antikörper gegen den Tumor und auch spezielle T-Zellen, die die Tumorzellen angreifen und zerstören. Aber das Immunsystem verfolge den Krebs nur träge. Ein Rätsel für die Wissenschaft sei:„Warum läuft das Immunsystem nicht zu voller Form auf? Warum bleiben die T-Zellen in so einer Art Halbschlaf?“

    Die Antwort darauf: Höchstwahrscheinlich brauche das adaptive Immunsystem die Hilfe des angeborenen Immunsystems, das dieses erst aktivieren und die eigentliche Immunreaktion auslösen soll. Genau das geschieht bei Infektionen über die sogenannten PAMP-Substanzen. Allerdings ist die Krux bei Krebs: „Krebs produziert keine PAMP-Substanzen.“ Und deswegen kann man sie von außen gezielt verabreichen und das Immunsystem so stimulieren.

    Dazu passt laut Hobohm auch die Beobachtung, dass Spontanheilungen bei Krebs fast immer in einem zeitlichen Zusammenhang mit einem starken fiebrigen Infekt stünden. Sein Team habe diese Hypothese übrigens bereits vor zehn Jahren publiziert und die Heilwirkung von PAMP-Substanzen an Mäusen beweisen können.

    Fiebertherapie wurde in Deutschland schon vor 150 Jahren erprobt

    Bereits vor 100 Jahren sollen Forscher aus den USA interessante Experimente in diese Richtung durchgeführt haben. Doch da hört die Geschichte nicht auf. Diese Form der Therapie, die auch als Fiebertherapie bezeichnet wird, wurde bereits vor 150 Jahren in Deutschland erprobt. Schon damals hatte man nämlich beobachtet, dass ein Tumor nach einer starken Erkältung plötzlich verschwinden kann.

    Entsprechend verabreichten die Forscher ihren Patienten damals zunächst tatsächlich lebende Bakterien, steckten sie also in anderen Worten gezielt mit einer Infektion an. Später wurden dann hitzesterilisierte Bakterienextrakte verwendet, die noch die Substanzen enthielten, die das Immunsystem aktivieren, aber keine so starken Erkältungssymptome mehr zur Folge hatten.

    PAMP-Therapie ohne Nebenwirkungen

    Die Experimente seien damals an „Hunderten, Tausenden Patienten“ erprobt worden und haben zu „spektakulären Heilungen“ geführt. Dann sei aber die Fiebertherapie von der Röntgen-Bestrahlung und später, in den 50ern, von der Chemotherapie „überschattet worden“ und „in Vergessenheit geraten“. Damals habe man den Mechanismus der Therapie allerdings auch „nicht richtig verstanden“, merkt Hobohm an.

    Heute wende man bei der PAMP-Therapie weder lebende Bakterien noch Extrakte an, sondern Medikamente, die PAMP-Substanzen enthalten. Zum Wirkungsspektrum sagt der Forscher: „Da es sich um eine allgemeine Immunstimulation handelt, ist im Prinzip keine Tumorart von vornherein ausgeschlossen.“ Er betont aber auch, dass die PAMP-Therapie nicht bei allen Tumoren anschlagen muss. Es gebe Tumoren, die leichter vom Immunsystem erkannt und attackiert werden können und andere, die sich besser verstecken. Immerhin: Eine Sicherheitsstudie, die die deutschen Forscher mit PAMP-Substanzen durchgeführt hatten, habe gezeigt, dass diese „exzellent“ ausfallen, was Nebenwirkungen für den Patienten angeht. Über die Heilungsraten können die Forscher aber noch nicht viel sagen, weil es kaum möglich ist, Daten zu erheben.

    Medizinische Leitlinien erschweren Behandlung

    Die Daten müssten von Patienten kommen, aber diese werden in der Regel „traditionell“ behandelt, also entweder mittels Bestrahlung oder Chemotherapie. Das liegt nach Hobohm an den Leitlinien, wie es sie für fast alle Krebsarten gibt. Bei diesen handele es sich zwar nur um „Empfehlungen“. Sie würden aber von den behandelnden Ärzten fast immer akribisch befolgt. Im durchgetakteten Klinikalltag wäre alles andere auch schwer realisierbar. „Es ist für uns nicht einfach, die Ärzte davon zu überzeugen, von diesen Leitlinien abzuweichen“, bemerkt Hobohm. In erster Linie würde die PAMP-Therapie in Zusammenarbeit mit Ärzten in Privatkliniken durchgeführt.

    Ein weiteres Problem sei, dass oft Patienten zur PAMP-Behandlung kämen, bei denen alles andere bereits keinen Erfolg erbracht habe. Durch Bestrahlung und Chemotherapie wird aber das Immunsystem, das durch die PAMP-Therapie angekurbelt werden soll, sehr geschwächt. Deswegen sei diese Behandlung im Anschluss an die gängigen Methoden wesentlich weniger aussichtsreich.

    Das komplette Interview zum Nachhören finden Sie hier:

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    Tags:
    Impfstoff, Wissenschaft, Forschung, Medizin, Entdeckung, Krankheit, Gesundheit, Tumor, Heilung, Krebs, Stanford University, USA