07:58 20 Oktober 2018
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    Blinde können mit Smartphone Hindernisse erkennen: neue App „Camassia“

    © Foto : Harald Kucharek
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    Valentin Raskatov
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    Die App Camassia soll Blinden das Leben erleichtern: Über die Smartphone-Kamera wertet die App die Umgebung aus und gibt diese dem Blinden in Form von Tönen wieder. So erfährt er, wo mit Hindernissen zu rechnen ist. Die App funktioniert autonom, braucht kein Netz und sammelt keine Nutzerdaten. Den Blindenstock soll und kann sie aber nicht ersetzen.

    Für Blinde ist der Alltag von Hindernissen beherrscht. Der sogenannte „Blindenstock“ – eigentlich Langstock genannt – und das Gehör können dabei nicht verhindern, dass diese Menschen geradezu auf Hindernisse „stoßen“ müssen. Diese müssen dann umgangen werden, was zu großen Zeitverlusten führen kann, etwa bei Baustellen oder Straßensperrungen.

    Camassia übersetzt das Bild in eine Tonlandschaft

    Mit der App Camassia sollen die Hindernisse früh erkannt und dem Sehgeschädigten vermittelt werden. Dazu bedient sich die App der Smartphone-Kamera. Der Algorithmus der App wertet die Bilder im nächsten Schritt aus und erkennt automatisch Wege und Objekte. Dann übersetzt die App die Wege und angrenzenden Flächen in Töne. „Ein blinder Mensch, der diese App benutzt, hört eine Repräsentation der Umgebung in Form von Tönen“, formuliert es Stefan Siebert, Diplom-Ingenieur und Geschäftsführer der Firma iXpoint, die die App entwickelt hat.

    Damit man sich die Repräsentation besser vorstellen kann, bietet Siebert einen Vergleich: Man stelle sich eine flache Hand vor, die mehrere Orgeltasten greift. Das ergibt ein Tongemisch. Nun nehme man einen Finger weg, und auch das Tongemisch wird um einen Ton ärmer, was leicht zu hören ist – vor allem für Menschen mit besonders trainiertem Gehör. Wo ein Hindernis ins Bild der Kamera gelangt, verschwindet eine Tonfrequenz, und so weiß der Blinde: In diese Richtung kann ich nicht weitergehen.

    „Kein Ersatz für den Langstock“: Nicht alle Hindernisse werden erfasst

    Das besondere an Camassia: „Die Lösung ist komplett autonom“, betont Siebert. Also keine Internetverbindung, keine Online-Karten und auch keine Daten, die abgegriffen werden. Deswegen sei Camassia auch kein Navigationssystem, sondern lediglich ein Hilfsmittel für Alltagssituationen. Auch kann die Kamera je nach Winkel, in dem das Smartphone gehalten wird, fernere oder nähere Hindernisse erkennen, vom Baum über den Radfahrer bis hin zu einem Mülleimer. Aber ein Alleskönner ist sie nicht: „Bei kleinen Steinen sind die Tonänderungen so gering, dass es selbst für blinde Menschen schwierig wird, das zu hören“, so der Diplom-Ingenieur. Deswegen sei Camassia „kein Ersatz für den Langstock“.

    Die App muss übrigens nicht zwingend nur aufs Smartphone. Jedes Gerät mit Kamera und Computer würde prinzipiell eine Nutzung erlauben. Doch da das Smartphone das „Schweizer Messer“ der Sehgeschädigten ist, war es naheliegend, die App für dieses Gerät zu entwickeln. Denn ein anderes Gerät wäre „wieder ein Zusatzgerät, das ein blinder Mensch mitführen müsste“, sagt Siebert. Die Menschen wollen aber gerade „von der Vielfalt der spezialisierten Geräte weg“.

    Die App Camassia wurde von iXpoint in Zusammenarbeit mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entwickelt. Personen vom Studierendenzentrum für Sehgeschädigte waren aktiv an ihrer Gestaltung beteiligt.

    Das komplette Interview mit Stefan Siebert zum Nachhören:

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    Tags:
    Technologien, App, Smartphones, Blinden, Menschen, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Deutschland