04:42 25 April 2018
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    Arbeit der sogenannten Tokamak-Anlage (Archiv)

    Russische Rezepte für „neue Technosphäre“ und gegen „globale Zivilisationskrise“

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    Das in Moskau ansässige und ursprünglich auf Atomprojekte zugeschnittene Kurtschatow-Institut beschäftigt sich inzwischen auch mit Forschungen aus anderen Branchen. Sein Präsident Michail Kowaltschuk berichtet, welche Technologien zur Lösung globaler Krisen beitragen könnten.

    In einem Interview mit der Zeitung „Iswestija“ sagte Kowaltschuk: „Die Menschheit steht vor der globalen Frage: Wie soll sie weiter leben?“ Nötig seien strategische Durchbrüche, um die Krise zu überwinden. Dabei sei die derzeitige Krise nicht bloß global, sondern zivilisatorisch. Es gehe um eine nachhaltige Entwicklung der Welt, denn die Menschheit brauche immens viele Ressourcen, darunter Trinkwasser, Lebensmittel und Energie.

    Das nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaute Produktions- und Konsumsystem habe vor allem darauf abgezielt, die Industriestaaten zu versorgen. Das gegenwärtige Industrieproduktions-System involviere aber global immer mehr Länder. Dies konfrontiere die Menschheit mit der Gefahr eines Ressourcen-Kollapses. Dank der Globalisierung bediene die „Maschine zur Ressourcen-Vertilgung“ inzwischen die ganze Welt. Es gehe um eine „globale Zivilisationskrise“, so Kowaltschuk.

    Der Durchbruch, den die Menschheit braucht, soll nach Ansicht des Forschers einen Umstieg auf „neue Grundsätze bei der Erzeugung und dem Verbrauch von Energie“ beinhalten, wobei diese Grundsätze auf „Technologien und Mustern der belebten Natur“ beruhen und mit ihr harmonieren sollen. Kowaltschuk plädierte für ein grundsätzlich neues „naturähnliches“ technologisches Paradigma, für eine „neue Technosphäre“.

    Wie er erläuterte, liefert etwa die Sonne mit der dort stattfindenden Kernfusion ein Beispiel für eine nützliche naturähnliche Technologie: „Das Kurtschatow-Institut hat sich damit seit Mitte der 1950er Jahre beschäftigt und erstmals in der Welt Technologien einer kontrollierten thermonuklearen Kernfusion geschaffen.“ 

    Nämlich sei der sogenannte Tokamak im Kurtschatow-Institut entwickelt worden, also eine toroidale Kammer mit Magnetspulen, wobei ein Plasma in einem Torus von starken Magnetfeldern eingeschlossen werde. Dies sei die Grundlage für Kernfusion-Energieprojekte weltweit. Auch das internationale Mega-Projekt ITER beinhalte eine gigantische Tokamak-Anlage als „Urbild der künftigen Energiewirtschaft“, hieß es weiter.

    Auch außerhalb der Energiewirtschaft führte der Forscher Beispiele für naturorientierte Technologien an: „Ein sehr wichtiger Bereich ist derzeit auch die Entwicklung von grundsätzlich neuen Werkstoffen mit vorgegebenen Eigenschaften wie Biokompatibilität und Bioabbaubarkeit. Sie finden bereits Anwendung – etwa in Sachen Chirurgie: Implantate, Prothesen, chirurgisches Fadenmaterial. Ein biologisch abbaubarer Faden soll nach Abheilung der Wunde nicht herausgezogen werden, denn er löst sich mit der Zeit selbst auf und verschwindet einfach. Oder stellen Sie sich eine Polyethylen-Tüte vor, die sich eine Zeit lang nach dem Verbrauch spurenlos zersetzt – unter Einwirkung des Sonnenlichts.“

    Diese Beispiele seien zwar simpel, die dafür zuständige Branche sei aber durchaus kompliziert: „Sie beschäftigt sich darunter mit der Entwicklung von effizientem Ersatz für menschliche Gewebe und Organe: Haut, Luftröhre, Gelenke und vieles weitere. Bei uns beschäftigt sich damit ein spartenübergreifendes Team von Medizinern, Biologen, Chemikern und natürlich Physikern.“

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    Tags:
    Zukunft, Krise, Zivilisation, Entwicklung, Technologien, Kernfusion, Russland