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    Von wegen „politisch korrekt“: Warum wir andere nach ihrem Aussehen beurteilen

    Von wegen „politisch korrekt“: Warum wir andere nach ihrem Aussehen beurteilen

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    Valentin Raskatov
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    Dass Menschen nicht nach dem Äußeren beurteilt werden sollen, lernt heute jeder in der Schule. Doch die Biologie des Menschen sagt etwas anderes: Wir beurteilen Menschen ständig nach dem Äußeren – und mit relativ hohem Erfolg. Ein kontroverses Thema.

    Der ideale Richter hat immer nur die Faktenlage im Blick. Der ideale Arbeitgeber verschmäht das Foto in der Bewerbungsmappe. Und der ideale Mitmensch schaut immer erst in das Herz des Gegenübers, und erst dann blickt er aus reiner Höflichkeit auf seinen Nächsten. Niemand will Gefahr laufen, sein Urteil etwa nach dem Äußeren seines Gegenübers zu richten und damit womöglich eine Ungerechtigkeit zu produzieren. Schon früh hat man gelernt: Beurteile niemanden nach seinem Aussehen.

    Oberflächliche Beurteilung: evolutionärer Vorteil

    Alles Quatsch, findet der Anthropologe Edward Dutton, denn das ist alles meist nicht der Fall. Umgekehrt fällen wir ununterbrochen unsere Urteile über unser Gegenüber auf Grundlage der Oberfläche. Dafür, betont er, habe die Evolution gesorgt. Solche Schlüsse seien schlichtweg „von Vorteil“ für das Überleben gewesen. Die Frauen hätten sich ihre Männer nach deren Intelligenz ausgesucht und die Männer hätten sich nach demselben Kriterium Verbündete gesucht. Das wurde aber in archaischen Zeiten nicht etwa durch lange Debatten entschieden, sondern aus äußeren Merkmalen abgeleitet. Und weil wir die Nachkommen dieser Männer und Frauen sind, haben wir diese Fähigkeit auf biologischer Ebene immer noch in uns. So lautet die Geschichte unserer Vergangenheit auf dem Weg zum modernen Menschen, die der Anthropologe erzählt.

    Aggressivität und Intelligenz am Körper „ablesen“

    Drei gängige Körpertypen schildert der Anthropologe. Der ektomorphe Typ verfügt über lange Arme und Beine, einen kleinen Rumpf und wenig Muskelmasse. Der mesomorphe Typ ist ähnlich gebaut, aber deutlich muskulöser und damit näher am gängigen Männlichkeitsbild. Und der endomorphe Typ weist kurze Arme und Beine sowie einen weiten Rumpf auf, es ist die Form des beleibten Menschen.

    Körperbautypen entsprechend der drei grundlegenden Somatotypen
    Körperbautypen entsprechend der drei grundlegenden Somatotypen

    Zum mesomorphen Typ merkt Dutton außerdem an, dass dieser über eine „geringere Impuls-Kontrolle“ verfüge, seine Regungen also nicht so gut im Griff habe. Ebenso sei er nicht besonders altruistisch. Für den Anthropologen hängt das mit dem durchschnittlich hohen Testosteronspiegel bei diesem Körperbau zusammen. Weitere Anzeichen für einen hohen Testosteronspiegel seien außerdem die Breite des Gesichts, die Körperbehaarung und solche Details wie der Abstand zwischen Mittelfinger und kleinem Finger. Lägen viele solche Merkmale vor, sei es wahrscheinlich, „dass die Person recht aggressiv und unkooperativ sein wird“, so Dutton.

    Auf niedrige Intelligenz deuten nach seiner Darstellung kleine Nasen, engstehende Augen, aber auch Linkshändigkeit hin. Ein größerer Kopf dagegen sei ein Merkmal, das auf höhere Intelligenz hindeute. „Vor hundert Jahren war das alles noch akzeptiert“, fügt der Forscher hinzu. „Wir wussten das alles, hatten aber wenige Daten. Jetzt haben wir viele gute Daten. Ein Großteil von diesen kommt aus China, wo es weniger politisch unkorrekt ist, solche Dinge zu untersuchen.“

    „Testosteronmonster“ Trump und „Intelligenzbestie“ Macron

    „Die meisten Politiker müssen hohe Intelligenz mit einem hohen Durchsetzungsvermögen kombinieren“, merkt Dutton an. Insofern müssten sie über viel Testosteron verfügen. Hierfür sei US-Präsident Donald Trump ein offensichtliches Beispiel. „Er hat früh sein Haar verloren, er hat ein breites Gesicht, er hat eng stehende Augen – alles Merkmale für Testosteron“, sagt der Forscher. „Er ist etwas übergewichtig, was auf geringe Impuls-Kontrolle hindeutet. Seine Körperform ist mesomorph, auf Fotos hat er sehr haarige Unterarme. Auch der Umstand, dass er mehrere Scheidungen hinter sich hat, fügt sich gut ins Bild, da das ein Zeichen für schwachen Bindungsaufbau ist.“

    Im Vergleich zu Trump falle es ins Auge, dass der französische Präsident Emmanuel Macron über weniger Testosteron verfüge. Das passe auch zu der Politik, die Macron verfolge sowie zu seiner Persönlichkeit. „Wenn man sich sein Gesicht anschaut, tritt das Kinn nicht besonders hervor. Er hat eine lange Nase, sein Gesicht ist recht schmal, seine Augen stehen nicht eng zusammen, sein Kopf ist recht groß“, beschreibt Dutton den Staatschef und schließt: „Wenn man ihn vom Äußeren beurteilt, müsste man sagen, er ist ziemlich intelligent. Aber im Vergleich zu Trump ist er auch klar weniger Alphatier.“ Zu einem niedrigen Testosteronstand passe auch der Umstand, dass Macron sich eine deutlich ältere Frau ausgesucht hat. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass er in der Hinsicht eine große Motivation hat“, so der Anthropologe.

    Naziverbrechen haben Physiognomik zum Tabu gemacht

    Dass solche Schlüsse, die wir unbewusst auch ständig fällen, heute kaum angesprochen werden dürfen, ist geschichtlich auf den Nationalsozialismus zurückzuführen, erklärt Dutton. Noch heute stehe die Physiognomik mit der Pseudowissenschaft der Schädelvermessung in unrühmlicher Verbindung. Nicht nur das Vorgehen sei unwissenschaftlich gewesen, sondern auch das Ziel verlogen: „Die Nazis wurden weder von der Vernunft noch von der Wissenschaft angeleitet. Sie wollten einfach dominieren. Wären sie von der Wissenschaft motiviert gewesen, hätten sie bemerkt, dass jüdische Menschen einen Durchschnitts-IQ von etwa 112 Punkten haben, sie sind also sehr intelligent. Wenn man sie aus der Gesellschaft ausschließt, dann gibt es am Ende Probleme, weil man hochintelligente Menschen ausschließt“, betont der Forscher.

    Er hofft aber auch, dass „dieses Urteilen vom Nazismus entkoppelt“ werden könne. Denn: „Die Daten sagen, dass der Mensch bis zu einem gewissen Grad Menschen nach ihrem Äußeren beurteilen kann. Wenn nun die Nazis an der Macht wären, wären sie als Letzte daran interessiert gewesen, was die Daten sagen. Sie wären daran nur so weit interessiert gewesen, wie es zu ihrer Ideologie passte. In diesem Sinne gleichen sie einigen Leuten von heute. Für sie ist alles gut, solange es nicht ihre Ideologie infrage stellt.“

    Das Interview mit Edward Dutton in voller Länge:

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    Tags:
    Mann, Toleranz, Frau, Wissenschaft, Evolution, Rassismus, Nationalsozialismus (Nazismus), Donald Trump, Emmanuel Macron
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