23:34 12 November 2018
SNA Radio
    Schlaf (Symbolbild)

    Raus aus der Übermüdungsspirale! Besser schlafen mit Schlaffenster, Powernaps & Co.

    CC0 / pixabay/ Free-Photos
    Wissen
    Zum Kurzlink
    Valentin Raskatov
    0 163

    Der schlechte Schlaf ist in Deutschland auf dem Vormarsch. Das zeigen unterschiedliche Studien. Doch wie findet der Einzelne wieder zu einem besseren Schlaf zurück? Und wie befreit sich die Gesellschaft aus der Spirale der chronischen Übermüdung? Sputnik hat den Schlafforscher Ingo Fietze gefragt.

    Deutschland hat ein Schlafproblem. Das hat der Schlafforscher und Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums an der Berliner Charité, Ingo Fietze, in seinem Buch „Die übermüdete Gesellschaft“ ausführlich und mit aktuellen Studien und Statistiken unterfüttert präsentiert. Die Tendenz bei den Schlafproblemen ist klar steigend. Deswegen bezeichnet der Forscher sein Buch auch als einen „Weckruf“ an Gesellschaft und Politik. Aber wie kann man handeln, damit der Schlaf des Einzelnen und der Gemeinschaft besser wird? Sputnik hat mit Herrn Fietze darüber gesprochen.

    Gesunde, sensible und schlechte Schläfer

    Es gibt nach Fietze drei Gruppen von Schläfern. Der gesunde Schläfer schläft überall gut und kriegt eine gute Portion Schlaf ab. Der sensible Schläfer reagiert empfindlich auf Geräusche und Licht, auf die Art des Bettes und auf ungewohnte Umgebungen. Der gelegentlich oder dauerhaft schlechte Schläfer findet auch bei guten Bedingungen noch schwer in den Schlaf.

    Die Gruppen stellen jeweils ein Drittel der Bevölkerung. Während erstere sich keine großen Gedanken zu machen brauchen, kann die zweite von einigen der folgenden Tipps profitieren. Bei der letzteren wäre auch der Rat eines Spezialisten angemessen.

    Das kann der sensible Schläfer für einen besseren Schlaf tun:

    —  Sich für den Schlaf Zeit nehmen: Der sensible oder schlechte Schläfer sollte sich ein „Schlaffenster“ schaffen oder ein „Schlafritual“ festlegen. Dazu gehört nach Fietze, spätestens eine halbe Stunde vor dem Schlaf „offline“ zu gehen, für niemanden mehr erreichbar zu sein. Was man dann konkret macht – Lesen, Radio hören, Fernsehen, Meditieren – spielt keine entscheidende Rolle und ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich wirksam. „Das Wichtigste ist: Nichts Aufregendes oder Anstrengendes, was dann tatsächlich eher stört als hilft“, so der Schlafmediziner.

    —  Sich gut für den Schlaf betten: Hier gibt es zwar „kein Geheimrezept“, aber aus Studien sei bekannt, dass ein neues Bett die Schlafqualität verändern kann. Wichtig ist hier: „Nicht die Katze im Sack kaufen, sondern das Bett mehrere Wochen ausprobieren.“

    —  Powernaps einlegen: Hat man einmal schlecht oder zu wenig geschlafen, ist das noch kein Grund zur Panik. Stattdessen sollte der verpasste Schlaf bei nächster Gelegenheit nachgeholt werden, etwa in Form eines Powernaps, zu Deutsch: eines Nickerchens von einer Länge zwischen 10 und 20 Minuten. Schlafdefizite lassen sich abbauen!

    —  Arbeitgeber mit flexiblen Arbeitszeiten suchen: Es gibt sie, die Lerchen und die Eulen, auch wenn sie mit knapp 15 bis 20 Prozent nicht die Mehrheit der Gesellschaft ausmachen. Die Eulen leiden am „starren Arbeitsregime“, sie schlafen bis später in den Tag hinein und können ihre Höchstleistungen auch erst zu späteren Uhrzeiten abrufen. Es ist sowohl für ihre Gesundheit als auch für die Produktivität eines Betriebs sinnvoll, dass sie nicht entgegen ihrem Biorhythmus arbeiten.

    —  Technische Hilfsmittel: Es gibt Einschlafkissen, Einschlaflichter, spezielle Einschlafgeräusche, Einschlafbrillen und vieles mehr da draußen. Fietze betont: „Nichts davon hat den wissenschaftlichen Nachweis erwiesen, dass es etwas bringt – zumindest bei Schlafgestörten. Bei Gesunden wird es halt gar nicht getestet. Leider schreitet die Industrie da schneller voran als die eigentliche medizinische Schlafwissenschaft.“ Eine Empfehlung kann er deshalb nicht abgeben und rät davon ab, sehr viel Geld in solche Mittel zu investieren. Was Fietze sich wünscht: Mechanische oder elektromagnetische Hilfsmittel, „die einen in den Schlaf beamen“. Diese werde es aber erst in fünf bis zehn Jahren auf dem Markt geben.

    Das kann die Gesellschaft für besseren Schlaf tun:

    —  Image des Schlafs aufpolieren: Menschen, die sich wenig Schlaf gönnen, gelten als produktiver, Menschen die länger schlafen, sind dagegen verrufen. Die Folge: Die gesamte Gesellschaft kriegt zu wenig Schlaf und ist chronisch übermüdet. Deswegen müsste gegen das schlechte Image des Schlafs angekämpft werden und so der chronischen Übermüdung schon in den Köpfen vorbeugt werden.

    —  Arbeitszeiten flexibilisieren: Eulen sollten die Möglichkeit haben, dann zu arbeiten, wenn sie am produktivsten sind. Dazu müsste der Arbeitgeber die Arbeitszeiten flexibler gestalten.

    —  Powernaps in Betrieben zulassen: Bei Übermüdung kann eine kleine Portion Schlaf Wunder wirken. Das hat auch Folgen für die Produktivität der Mitarbeiter. Sinnvoll wäre es deswegen, Räume einzurichten, in denen Mitarbeiter kurz die Augen schließen können, um dann erholt weiter zu arbeiten.

    —  Sommerzeit abschaffen: Es gibt hierzu zwar nach Fietze keine gesonderte Untersuchung. Seine Einschätzung ist aber, dass diese Umstellung für die meisten „nicht wirklich gesundheitlich bedenklich“ sei. Für Schlafgestörte oder sensible Schläfer kann jedoch auch schon die eine Stunde Zeitumstellung ein Problem darstellen. Letztlich fragt sich der Schlafexperte: „Warum diese Sprünge? Die braucht der Körper nicht, und manche vertragen es auch nicht, weil sich der Körper nicht so schnell umstellen kann.“ Deswegen macht die Zeitumstellung für den Schlafforscher keinen Sinn.

    —  Schulzeiten sinnvoll gestalten: Durch wissenschaftliche Studien ist laut Fietzke erwiesen: Elftklässler haben einen nach hinten verschobenen Rhythmus. Daran sollte auch die Schulzeit angepasst werden und der Unterricht erst um neun Uhr beginnen.

    Das kann zu schlechtem Schlaf führen:

    —  Koffeinhaltige Getränke zu später Uhrzeit

    —  Zu wenig oder zu viel Essen vor dem Schlaf

    —  Alkoholgenuss

    —  Mangelnder Komfort des Betts

    —  Die Temperatur im Zimmer

    —  Umgebungslärm, schnarchende Partner

    —  Einschränkungen der Schlafmenge

    —  Körperliche und psychische Erkrankungen

    Therapien gegen dauerhafte Schlafstörungen

    Bleibt der Schlaf dauerhaft schlecht und dauert die Störung länger als drei Monate an, liegt eine chronische Störung vor. Der Mediziner spricht von Insomnie.

    „Dann beginnt die medikamentöse Stufentherapie. Die hebt an bei Hopfen, Melisse, Baldrian bis hin zu den Schlafmitteln, die der Arzt verschreiben muss“, erklärt Fietze.

    Solche Therapien helfen zumindest, wenn die Störung auf einen Defekt im Schlaf-Wach-System zurückgeht. Es gibt aber auch sekundäre Schlafstörungen, die auf schmerzhafte Erkrankungen, Juckreiz, Tinnitus und andere körperliche Beschwerden zurückgehen. Hier müssen die Symptome vom jeweiligen Facharzt behandelt werden und erst nach deren Behebung dann das, „was an Schlafstörung übrigbleibt“.

    Außerdem können auch psychische Erkrankungen zu Schlafstörungen führen. Auch hier gilt, dass die Erkrankung zunächst vom entsprechenden Fachmediziner behandelt werden muss. Bestehen dann die Schlafprobleme weiter, kann der Schlafmediziner herangezogen werden.

    Das Interview mit Prof. Ingo Fietze in voller Länge:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Taxi-Unfall in Moskau: Verletzte WM-Fans wohlauf – Fahrer klagt über Schlafmangel
    Kim Jong-un verspricht südkoreanischem Staatschef, dessen „Schlaf nicht zu stören“
    Putin: „Musste ein paar Male mit Flinte schlafen“
    Tags:
    Medikamente, Sommerzeit, Lärmbelästigung, Depression, Krankheit, Gesundheit, Schlafstörungen, Medizin, Forschung, Schlaf, Charité Berlin, Ingo Fietze