16:34 20 November 2018
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    Slawische Frauen (Symbolbild)

    Der Herr der Namen: „Viele Nachnamen haben slawischen Ursprung“

    © Sputnik / Y. Ewsyukow
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    Alexander Boos
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    In Deutschland tragen über sieben Millionen Menschen einen Familiennamen, der einen slawischen Ursprung hat. Darauf macht der renommierte Onomastiker Jürgen Udolph aufmerksam. Onomastik ist der Fachbegriff für Namensforschung. Im Sputnik-Interview erklärt er, wie er sogar das Geheimnis des „Rattenfänger von Hameln“ namenkundlich entschlüsseln kann.

    In seiner Laufbahn hat Namensforscher Jürgen Udolph bereits zehntausende Familiennamen auf ihre Herkunft entschlüsselt. „Das müsste hinkommen, ich kann das nur schätzen“, sagte Udolph, der jahrelang den Lehrstuhl für Onomastik an der Universität Leipzig inne hatte, im Sputnik-Interview. „Ich betreibe das Entschlüsseln von Namen seit nunmehr über 20 Jahren. Aktuell arbeite ich mit vier Radio-Stationen zusammen, bei denen die Hörer anrufen können, damit ich deren Nachnamen analysiere.“

    Viele Jahre war er Dauergast bei „Radio Eins“, einem Rundfunk-Programm des „Rundfunks Berlin-Brandenburg“ (RBB).  „Wenn ich hochrechne, dass ich allein beim Berliner Radio-Sender ‚Radio Eins‘ 14 Jahre lang immer so 200 bis 250 Namen im Jahr gemacht habe, dann komme ich geschätzt auf etwa 25 000 entschlüsselte Namen.“

    Slawische Flussnamen am Anfang

    Er habe mit Gewässernamen angefangen, erinnerte sich der Namensexperte, der 1979 an der Georg-August-Universität in Göttingen über „Slawische Gewässerbezeichnungen“ promoviert hatte. Dort gab ihm einer seiner ehemaligen Professoren den entscheidenden Hinweis. „Der wusste, dass ich Slawistik, also slawische Sprachen – Polnisch, Tschechisch, Russisch –, studiere. Dann hat er mir geraten, über slawische Flussnamen zu arbeiten. Das war ein Gebiet, das auch in der damaligen Sowjetunion nicht besonders stark bearbeitet wurde. Das hat mich dann sehr schnell fasziniert.“ 

    Gewässernamen wie Spree oder Havel seien „mit die ältesten Begriffe, die wir haben. Das sind Namen aus vorgermanischer Zeit. Die können bis zu 3000 Jahre alt sein. Also sehr, sehr alt.“ Dann sei der Übergang zu Ortsnamen gekommen. 

    Dabei hat sich Udolph auch mit einer Gestalt einer deutschen Sage beschäftigt: „Ich habe 1998 einen Aufsatz über den Rattenfänger von Hameln geschrieben. Da gibt es die interessante Geschichte, dass Ortsnamen aus der Nähe von Hameln im Weser-Bergland, später wieder im Norden auftauchen. Also in Mecklenburg-Vorpommern und in Brandenburg. Musterbeispiel ist Hamelspringe bei Bad Münster, wo der Fluss Hamel entspringt. Den Ort gibt es wieder als Hammelspring nördlich von Berlin. Das sind deutsche Siedler, die im Zuge der Ostsiedlung nach Osten gegangen sind und den alten Ortsnamen mitgebracht haben.“

    Die Rattenfänger-Sage habe „als Kern die deutsche Ostsiedlung“, bei der im 13. und 14. Jahrhundert über eine Million Menschen gen Osten wanderten. Namenskunde sei eine sehr spannende Aufgabe, betonte der in Berlin geborene Wissenschaftler.

    Oft gewünscht: Hugenotten als Vorfahren

    Der Namensforscher arbeitet mit mehreren Radio-Stationen in Ostdeutschland und in Rheinland-Pfalz zusammen, wo er regelmäßig als Studio-Gast die Nachnamen der Deutschen analysiert. „Die Hugenotten-Frage kommt immer wieder, überall“, berichtete Udolph. Viele Menschen würden nachfragen, ob sie von dieser Bevölkerungsgruppe abstammen.

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    © REUTERS / Beck Diefenbach
    Als Hugenotten wurden ab etwa 1560 die Protestanten im vorrevolutionären Frankreich bezeichnet. Um das Jahr 1685 flohen etwa 50000 Hugenotten aus Frankreich nach Deutschland. Etwa 20 000 von ihnen gingen nach Brandenburg-Preußen, wo Kurfürst Friedrich Wilhelm ihnen mit dem „Edikt von Potsdam“ Privilegien gewährte.

    „Die immer wiederkehrende Hugenotten-Frage liegt wohl daran, dass Menschen einen ungewöhnlichen Familiennamen tragen, den sie sich nicht erklären können. Irgendwann kommt dann der Gedanke, dass könnten Namen der Hugenotten sein, die wir nicht verstehen. Ich muss jedoch fast immer damit aufräumen, weil so viele Hugenotten hat Deutschland damals nicht aufgenommen.“

    Slawen als Namensgeber

    Meist seien die deutschen Nachnamen aber slawischen Ursprungs. „Wir haben eine Fülle von slawischen Namen in Deutschland. Wir tippen auf sechs bis sieben Millionen oder mehr, die einen slawischen Namen tragen.“ Die Wahrscheinlichkeit, einen solchen Familiennamen zu tragen, sei vielfach höher als die, einen Hugenotten-Namen zu haben. Auch das Niederdeutsche werde häufig als Hintergrund vernachlässigt, betonte der Namenkundler.

    Die Verbreitung des Namens Boos – so heißt der Autor dieses Beitrags – in ganz Deutschland. Die Webseite geogen.stoepel.net bietet laut Namensforscher Udolph diesen kostenfreien Service an. Jeder Nachname kann dort eingegeben werden.
    Die Verbreitung des Namens Boos – so heißt der Autor dieses Beitrags – in ganz Deutschland. Die Webseite geogen.stoepel.net bietet laut Namensforscher Udolph diesen kostenfreien Service an. Jeder Nachname kann dort eingegeben werden.

    Kurioses Beispiel

    Professor Jürgen Udolph
    © Foto : privat
    Professor Jürgen Udolph

    Häufig werde er von den Namens-Entschlüsselungen immer wieder selbst überrascht. Udolph berichtete von einem „spannenden Ding vor einiger Zeit“: „Der Mann hieß Zörgler. Zörgler wiederum ist eine alte Rundungsform. Entrundet heißt das ‚Zirkler‘. Das ist hier die Grundform. Und Zirkler hat zu tun mit Zirkel und Zirkus. Ein Zirkus ist rund und ein Zirkel macht Kreise. Ein Zirkler ist also einer, der Kreise zieht. Und zwar in der Stadt und das nachts. Das ist also ein früherer Name für einen Nachtwächter.“

    Das Radio-Interview mit Prof. Jürgen Udolph zum Nachhören:

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    Tags:
    Namensforschung, Namenkunde, Onomastik, Hugenotten, Herkunft, Slawen, Namen, Deutschland