10:27 17 November 2018
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    Krebsanalyse

    Wissenschaft vs. Evolution: Mensch ist nicht für Kampf gegen Krebs programmiert

    © Sputnik / Kirill Kalinnikow
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    Ein großer Teil der heutigen biophysischen Forschungen ist auf die Bekämpfung onkologischer Erkrankungen gerichtet. Warum gelingt es nicht, die Heilungschancen bei Krebs zu erhöhen wie bei vielen anderen Erkrankungen? Inwieweit ist ein engeres Zusammenwirken in der Krebsforschung wichtig?

    Darüber spricht der Direktor der Abteilung für Biophysik am GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung (Deutschland), Marco Durante, im Interview mit dem Korrespondenten der Projekts „Sozialer Navigator“ von Rossiya Segodnya.

    —  Herr Professor Durante, wird die Wissenschaft den Krebs bald besiegen können?

    —  Das ist eine sehr gute Frage, doch leider gibt es keine Antwort auf sie. Bereits

    US-Präsident Nixon sagte, dass er den Krebs im Laufe von zehn Jahren besiegen will. Sehen Sie selbst, wie das Ergebnis ist …

    Wissenschaftler entdeckten mehrmals Strategien, die auf den Kampf gegen onkologische Erkrankungen gerichtet sind. Doch dann stellte sich heraus, dass Krebs nicht in einzelnen Zellgruppen, sondern im biologischen Gewebe ist. Der Krebs ist „smart“, er findet verschiedene Wege zur Ausbreitung.

    Heute scheint die Methode der Immuntherapie als vielversprechend im Kampf gegen Krebs zu sein, doch die Zeit wird es zeigen. In den kommenden zehn Jahren werden wir verstehen lernen, ob sie hilft oder nicht.

    —  Welche anderen wissenschaftlichen Methoden neben der Immuntherapie könnten bei der Krebsbehandlung helfen?

    —  Heute gibt es drei wichtige Methoden. Erstens die lokale Therapie, die Chirurgie und Radiotherapie umfasst. Zweitens die System-Therapie, die Chemotherapie und hormonale Therapie umfasst. Drittens die Immuntherapie und Target-Therapie.

    Die meisten Patienten bekommen heute alle drei Behandlungstypen. Solch ein kombiniertes Herangehen ist am erfolgreichsten. Wenn man die Todesrate bei onkologischen Erkrankungen betrachtet, ist sie in den westlichen Ländern nicht bedeutend zurückgegangen. Doch wenn man die Fälle der Genesung ansieht, geht die Statistik nach oben. Diese zwei Fakten sind damit verbunden, dass die Lebenserwartung der Menschen größer wird.

    Krebs ist die Krankheit der älteren Menschen. Früher, als Menschen im Alter von 40 Jahren an Infektionen und anderen Krankheiten starben, gab es fast keinen Krebs. Heute sterben viele Menschen an Krebs, weil sie einfach länger leben.

    Deswegen ist Krebs schwer zu besiegen. Aus evolutionärer Sicht sind wir nicht zum Kampf gegen diese Krankheit programmiert, weil wir programmiert waren, im jungen Alter zu sterben.

    Da wir länger leben, muss das Problem der onkologischen Erkrankungen gelöst werden.

    —  Wie schätzen Sie den Beitrag russischer Wissenschaftler zur Bekämpfung von Krebs ein?

    —  Ich möchte mit großem Nachdruck sagen: Sie leisteten einen sehr großen Beitrag in diesem Wissenschaftsbereich. Russische Atomphysiker taten sehr viel für die Entwicklung der modernen Therapie mit Teilchenbündeln.

    Das Problem, wie ich es sehe, besteht darin, dass es den russischen Wissenschaftler an Informationen über Studien ausländischer Kollegen mangelt und es uns an gegenseitiger Kommunikation fehlt. Das Niveau der Wissenschaftsstudien ist in Russland in der Tat sehr hoch. Ausländische Kollegen wissen das oft nicht, weil sie nicht die Artikel in der russischen Sprache lesen können. Wir wissen nur von der Existenz der russischen Forschungsgruppen und —zentren, doch nichts über die Ergebnisse ihrer Arbeit. Russische Wissenschaftler sollten mehr internationale Wissenschaftsartikel veröffentlichen, internationale Konferenzen besuchen. Dieses Problem muss gelöst werden, wir sollten mehr zusammenwirken.

    Ich möchte das hohe Ausbildungsniveau der Studenten in Russland hervorheben. In meinem Labor in Deutschland arbeiten viele russische Studenten, darunter aus Russlands Nationaler

    Universität für Kernforschung MEPhI, und sie sind deutlich stärker als ihre deutschen Gleichaltrigen.

    MEPhI bewegt sich überhaupt meines Erachtens in die richtige Richtung, wobei Wissenschaftsstudien im Kontakt mit ausländischen Kollegen entwickelt werden. Soviel ich weiß, hat sich diese Hochschule zum Ziel gesetzt, zu den fortgeschrittensten Universitäten in internationalen Rankings aufzusteigen. Das ist eine sehr ambitionierte Aufgabe, und der Ausbau der internationalen Zusammenarbeit soll dabei helfen.

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    Tags:
    Medizin, Heilmittel, Heilmethode, Behandlung, Krebserkrankung, Krebs, Deutschland, Russland