22:12 18 November 2018
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    Das erste 3D-gedruckte Auto aus Plastikabfällen

    Aus Müll gedruckt, von der Sonne angetrieben: Verrücktes Fahrzeug erobert Südpol

    © Foto : clean2antarctica.nl
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    Valentin Raskatov
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    Das erste 3D-gedruckte Auto aus Plastikabfällen ist da. Es kommt aus Holland und ist nicht nur ein Recycling-Produkt, sondern wird mit Solarmodulen betrieben. Das holländische Ehepaar, das Schöpfer des Fahrzeuges ist, will damit aber nicht eben mal in Amsterdam rumfahren. Das Ziel ist der Südpol.

    Sputnik hat mit dem Ehepaar gesprochen.

    Frau ter Velde, wie kam die Idee des Solar Voyagers erstmals zustande?

    Wir haben ein Abendessen zubereitet und als wir fertig waren, haben wir den Berg aus Abfall gesehen, überwiegend Plastik. Wir haben einander angeschaut und uns gesagt: Das müssen wir ändern, denn Plastik ist ein großes Problem. Und wenn man nichts macht, ändert sich auch nichts. Deswegen haben wir beschlossen einen Null-Müll-Haushalt zu führen. Edwin hat das dann ein bisschen auf die Spitze getrieben und sich gefragt: Was kann ich denn daraus machen? Da kam die Idee, ein Fahrzeug daraus herzustellen.

    Vom wertlosen Abfall zum Expeditionsfahrzeug
    © Foto : clean2antarctica.nl
    Vom wertlosen Abfall zum Expeditionsfahrzeug

    Also haben wir das alles gemeinsam mit Kindern von acht bis zwölf Jahren draußen in der Natur gesammelt. Dann hat er sich an die Industrie gewandt und die haben gesagt, er ist verrückt und soll das Projekt besser gleich aufgeben. Das sei gar nicht möglich. Aber wenn man zu Edwin sagt, etwas sei unmöglich, dann will er es erst recht tun. Und nach vielen Rückschlägen hat er es dann auch wirklich geschafft.

    Das Fahrzeug wurde in mühevoller Arbeit „in Form“ gebracht
    © Foto : clean2antarctica.nl
    Das Fahrzeug wurde in mühevoller Arbeit „in Form“ gebracht

    Haben Sie da eigentlich jede Art von Plastik genommen und zusammengeschmolzen oder nur eine bestimmte Art?

    Nein, man kann nicht einfach alles zusammenschmelzen. Unser Auto besteht aus recyceltem PET, denn dieser Kunststoff behält die Form bei, die man ihm beim Schmelzen einprägt. Und wir mussten für das Fahrzeug ja feste Plastikblöcke formen, aus denen das Auto aufgebaut wird.

    Wie lange haben Sie an dem Fahrzeug von der Idee bis zum fertigen Produkt gearbeitet?

    Die Idee ist vor etwa zweieinhalb Jahren entstanden. Der Bau selbst hat knapp ein Jahr Zeit in Anspruch genommen. Dann haben wir einen Test auf Island durchgeführt, der schrecklich schief gelaufen ist, weil die Reifen nicht passend konstruiert waren. Als wir 2017 nach Holland zurückkamen, haben wir ein neues Konzept für Reifen und Steuerung ausgearbeitet. Dieses Jahr im März sind wir dann wieder nach Island gegangen und alles hat perfekt funktioniert. Jetzt können wir also in die Antarktis.

    Diese Reifen haben sich als untauglich erwiesen
    © Foto : clean2antarctica.nl
    Diese Reifen haben sich als untauglich erwiesen

    Bevor wir uns zum Südpol begeben: könnten Sie uns ein paar technische Daten zum Fahrzeug nennen? Wie groß ist es, wie ist es an die Bedingungen angepasst und wie wird es betrieben?

    Es besteht nicht komplett aus Plastik, wir haben natürlich auch Aluminium-Teile und den Motor haben wir auch nicht selbst gebaut. Das Fahrzeug ist 16 Meter lang. Es verfügt über zwei Anhänger. Auf den Anhängern befinden sich acht Solarmodule. Zwei sind außerdem auf der Fahrerkabine. Insgesamt sind es also zehn Solarmodule. Diese liefern 3500 Watt an Strom. Es gibt zwei Lithium-Ionen-Batterien im Fahrzeug, um die Energie zu speichern.

    Monstergröße: 16 Meter lang ist das solarbetriebene Fahrzeug
    © Foto : clean2antarctica.nl
    Monstergröße: 16 Meter lang ist das solarbetriebene Fahrzeug

    Aber diese Energie werden wir nicht zum Fahren verwenden, weil das unser Notstrom ist, falls das Wetter schlecht wird und wir die Module abnehmen müssen. Denn bei starkem Wind kippen sonst die Anhänger um. Wir verwenden in dieser Situation dann den Notstrom, um Kontakt zur Leitzentrale für die Mission aufzunehmen und ihnen mitzuteilen, dass es uns gut geht. Sonst suchen die nach uns und das wollen wir nicht. Wenn wir nicht gefährdet sind, ist das ja auch gar nicht nötig.

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    Es wird also komplett mit Sonnenergie betrieben?

    Ja, das ist die einzige Energiequelle.

    Und mit welcher Höchstgeschwindigkeit ist es unterwegs?

    Es bewegt sich sehr langsam mit einer Höchstgeschwindigkeit von acht Kilometern die Stunde. Dafür fahren wir aber auch 24 Stunden am Tag. Unser Ziel für einen Tag sind 100 Kilometer. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit wird bei vier Kilometern die Stunde liegen. Wenn das Gelände nicht uneben ist, können wir schneller reisen, bei unebenem Gelände geht es langsamer voran.

    Sie haben da ja auch eine ganz schöne Strecke zurückzulegen. 2400 Kilometer haben Sie sich vorgenommen. Ist das richtig?

    Ja, das ist aber in beide Richtungen, hin und zurück. Es sind 1200 Kilometer zum Südpol und dieselbe Strecke zurück. Wenn alles gut läuft und wir die 100 Kilometer pro Tag schaffen, dann sind wir insgesamt 24 Tage unterwegs. Aber ich denke, es wird Tage geben, an denen wir wegen des Wetters gar nicht fahren können werden. Ich glaube also, dass wir um die 30 Tage unterwegs sein werden.

    2.400 Kilometer: die bescheidene Reiseroute des Ehepaars
    © Foto : clean2antarctica.nl
    2.400 Kilometer: die bescheidene Reiseroute des Ehepaars

    Für so eine Reise muss man ja gut gewappnet sein. Führen Sie die Nahrung für diese Zeit mit sich im Fahrzeug und wie wehren Sie die frostige Außentemperatur ab?

    Das Fahrzeug ist nicht beheizt. Wir wissen nicht, ob sich das Fahrzeug durch die Sonne innen aufheizt. Wir gehen vom schlimmsten Szenario aus, bei dem die Innentemperatur der Außentemperatur entspricht. Wir führen alle Nahrung in den beiden Anhängern mit uns. Jeden Tag müssen wir mindestens einmal den Voyager deswegen verlassen und von dort die Nahrung für die nächsten 24 Stunden holen.

    Das mutige Ehepaar: Liesbeth und Edwin ter Velde
    © Foto : clean2antarctica.nl
    Das mutige Ehepaar: Liesbeth und Edwin ter Velde

    In der Kabine haben wir auch eine Wasseraufbereitungsanlage, die ebenfalls mit Solarenergie betrieben wird. Wir müssen sechs Liter Wasser pro Tag pro Person verwenden, um die Nahrung zuzubereiten und genug Wasser zu uns zu nehmen. Und wir essen 7500 Kilokalorien pro Tag, das entspricht etwa 15 Big Macs. Da kann man sich schon ausmalen, wie viel wir essen müssen, damit wir warm bleiben. Sollte es im Inneren doch wärmer sein, dann können wir auch weniger essen.

    Nun will sicher nicht jeder, der Plastikmüll vermeiden will, auch gleich ein Auto bauen und damit den Südpol befahren. Wo kommt diese Faszination her?

    Wir haben unseren Mülleimer um 180 Grad gedreht. Und wir wollen ein Bewusstsein bei den Leuten wecken, Abfall nicht als Abfall, sondern als nützliches Material zu sehen. Wir wollen, dass sich die Haltung in den Köpfen auch um 180 Grad dreht im Verhältnis zu dem, wie wir aktuell mit Plastik verfahren. Denn der Planet wird das alles sicher überleben, aber ob wir das auch werden, wenn wir so weiter machen, weiß ich nicht.

    Wir wollen also ein Statement machen. Und ich glaube, dieses Statement macht die Presse auf uns aufmerksam. Wäre ich mit dem Fahrzeug durch Amsterdam gefahren, hätte mich wohl kaum jemand angerufen. Wir müssen also so ein Statement machen, damit unsere Mission Gehör findet. Und die Mission ist es, Müll zu reduzieren, indem man ihn komplett vermeidet und auch keinen Abfall kauft, indem man etwa eigene Verpackungen mitbringt und kein Verpackungsmaterial kauft. Ich finde, es ist an der Zeit, dass das in den Köpfen der Leute ankommt, denn Plastikabfall macht den Großteil des Abfalls aus.

    Könnten Sie uns auch etwas über Ihr Leben vor dem Solar Voyager erzählen?

    In diesem Moment ist das Projekt clean2antarctica alles, was ich habe. Wir haben keine Arbeit, wir haben kein Geld. Ich habe kein Gehalt. Wir haben drei Kinder. Edwin hat seine Businessarbeit vor zweieinhalb Jahren eingestellt. Ich habe meinen Job bei einer Krankenhausapotheke im Juni aufgegeben. Damals habe ich den Lebensunterhalt für uns bestritten. Jetzt haben wir aber kein Geld mehr übrig. Aber ich konnte das Projekt clean2antarctica einfach nicht mit meiner Arbeit vereinen.

    Gibt es für die Zukunft weitere Projekte?

    Nach dem Solar Voyager? Na, erstmal müssen wir in die Antarktis gehen und das durchziehen. Ich plane da nicht noch weiter voraus. Es wird aber auf jeden Fall etwas folgen. Und es wird sicher wieder etwas mit Plastikabfall zu tun haben.

    Sie kommen aber ziemlich sicher wieder, denn Sie haben ja den Voyager schon unter ähnlichen Bedingungen in Island getestet. Was haben Sie da gelernt?

    Es war nicht so kalt in Island. In den Niederlanden war es zu der Zeit tatsächlich kälter als dort. Wir haben dort aber ein Vertrauen in den Solar Voyager aufgebaut, weil er sich gut hält und gut fährt. Alle Einzelteile des Fahrzeugs wurden außerdem bei Temperaturen unter 30 Grad minus getestet. Manche wurden sogar auf minus 60 Grad Celsius runtergekühlt, nur um sicherzugehen. Aber als Ganzes wurde das Fahrzeug diesen Temperaturen noch nicht ausgesetzt.

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    Der zweite Aufenthalt des Paars in Island im Video:

    Island hat uns noch etwas Praktisches gezeigt: Die Solarzellen etwa waren mit kleinen Schrauben befestigt und wenn man diese aufschrauben will und dicke Handschuhe anhat, geht das kaum. Wir haben also Aufsätze angefertigt, die wir an die Schrauben dranmachen und dann können wir sie auch mit Handschuhen abschrauben. Island hat uns also auf die kleinen Dinge aufmerksam gemacht, die zum Komfort während der Reise durch die Antarktis beitragen.

    So eine Reise ist sicher trotzdem nicht ungefährlich. Wurden Sie dabei auch von Experten beraten?

    In den Niederladen gab es viele Experten, zum Beispiel den Professor Hein Daanen. Er ist Thermophysiologiker an der Amsterdamer Universität. Er hat uns Empfehlungen gegeben, wie wir der extremen Kälte begegnen können, durch passende Kleidung etwa. Wir sind außerdem in die Eishalle gegangen und haben dort drei Stunden lang bei minus 20 Grad in unserer kompletten Montur gesessen und es war sehr angenehm, ich habe die Kälte gar nicht gemerkt.

    Dick verpackt und gut beraten
    © Foto : clean2antarctica.nl
    Dick verpackt und gut beraten

    Außerdem werden wir von der isländischen Firma Arctic Truck begleitet, die Expeditionen durchführt. Die fahren mit einem Kamerateam neben uns her, aber wir fahren nicht hinter ihnen her. Sie werden also an uns immer wieder vorbeifahren und dann auf uns warten. Sie sind also in der Nähe, aber es wird in der Regel ein Abstand von 25 Kilometern zwischen uns bestehen. Sie sind natürlich zur Unterstützung da, wenn etwas schief läuft. Umgekehrt helfen auch wir ihnen, wenn bei ihnen etwas schief läuft.

    Am 26. November beginnt die große Reise
    © Foto : clean2antarctica.nl
    Am 26. November beginnt die große Reise

    Eine letzte Frage noch: Sie haben sich ja beim Fahrzeugbau für den 3D-Druck entschieden, über den in letzter Zeit vermehrt berichtet wird. Wieso diese Technologie?

    Wir wollten das Fahrzeug auf dem neusten Stand der Technik bauen. Und wenn man so Puzzlestücke für ein 3D-Puzzle ausdruckt, kann man die dann später zusammenfügen, wie es einem passt. Außerdem waren wir dadurch nicht auf andere angewiesen, sondern konnten das alles bequem selbständig drucken.

    Das ist ja gerade das Typische an diesem Projekt, die Einstellung: Mach es selber. Denn wenn man Veränderung will, muss man die Dinge selbst in die Hand nehmen. Wir wollen Leute mit unserem Projekt dazu inspirieren, den ersten Schritt zu tun. Mach erst den Schritt, dein Verhalten zu ändern, und fordere dann auch andere auf, das zu tun. Denn wenn du selbst nicht dazu bereit bist, wie kannst du so etwas dann von anderen fordern? Wir Menschen wollen oft Dinge verändern, aber wir wollen uns selbst dabei nicht verändern. Und ich denke, der einzige Weg, Dinge wirklich zu verändern, liegt darin, das eigene Verhalten zu ändern.

    Aus dem 3D-Drucker: der Grundbaustein des Solar Voyagers
    © Foto : clean2antarctica.nl
    Aus dem 3D-Drucker: der Grundbaustein des Solar Voyagers

    Weitere Details zu dem Projekt finden sich auf der Webseite clean2antarctica.nl. Dort können Interessierte das teils crowdfunding-finanzierte Projekt unterstützen. Die Geschichte interessiert Sie? Sputnik wird die Geschichte weiter verfolgen. Bleiben Sie dran!

    Das Interview mit Liesbeth ter Velde in voller Länge:

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    Tags:
    Reise, Fahrzeug, 3D-Drucker, Recycling, Entwicklung, Müll, Südpol