12:31 19 Dezember 2018
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    Amazon Echo (Alexa) - ein Smart Speaker und sprachgesteuerter, internetbasierter Intelligenter Persönlicher AssistentAmazon Echo (Alexa) - ein Smart Speaker und sprachgesteuerter, internetbasierter Intelligenter Persönlicher Assistent

    Wenn das erste Wort „Alexa“ ist: Wie Sprachassistenten unsere Kommunikation bestimmen

    CC0 © AP Photo / Elaine Thompson, File
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    Valentin Raskatov
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    Wird das erste Wort eines Babys bald „Alexa“ sein? Unterhalten sich Menschen bald auch im Alltag im Befehlston, als wären alle nur Sprachassistenten? Was passiert mit dem guten Ton? Und gibt es neben der reinen Information auch andere für Menschen wichtige Seiten der Kommunikation? Sputnik sprach darüber mit der Sprachtrainerin Tatjana Lackner.

    Alexa, wie ist das Wetter? Alexa, wo kann ich Chinesisch essen? Was klingt wie ein etwas respektloser Umgang mit der Freundin oder der Ehefrau, ist in Wirklichkeit eine Anfrage an einen Sprachassistenten, der dann, vom Tonfall unbekümmert, die benötigte Information ausspuckt. Wie können sich solche Sprachassistenten auf das menschliche Miteinander auswirken?

    „Alexa“ statt „Mama“ und Befehle statt Höflichkeit

    „Die Sprachassistenten funktionieren nur dann, wenn man sehr direktiv spricht, also in der Befehlsform“, hebt Tatjana Lackner gegenüber Sputnik hervor. Lackner ist Gründerin und Direktorin der Schule des Sprechens aus Wien und hat sich mit solchen Fragen beschäftigt. Wenn wir nur noch kommunizieren, um etwas zu erfahren oder in Auftrag zu geben, könnte das auch Auswirkungen auf unsere Kommunikation untereinander haben, findet sie.

    Eine mögliche negative Auswirkung hier wäre der Abbau sogenannter „semantischer Wohlgeformtheit“, also von Wörtern, die zum guten Ton gehören: „Diese Kultiviertheit unterscheidet uns von digitalen Sprachassistenten. Alexa sagt mir auch, wie spät es ist, wenn ich nicht ‚Bitte‘ und ‚Danke‘ sage.  Im Gegenteil: ‚Bitte‘ und ‚Danke‘ irritiert sie, ‚Alexa‘ ist das Zauberwort.“ Das würde ins Zwischenmenschliche einschneiden, das sich derzeit ohnehin auf dem Rückzug befände. Deswegen schließt Lackner: „Es geht darum, dass wir zu unterscheiden lernen, was die Anforderungen in der digitalen Welt sind und wodurch wir Menschen uns davon unterscheiden, wenn wir etwa im Bus einer alten Dame unseren Platz anbieten, ohne dass sie uns dazu auffordern muss.“

    Ebenfalls besorgniserregend ist eine Umkehr der Digitalisierung, die nicht mehr Produkt menschlicher Arbeit und Instrument für diverse Tätigkeiten ist, sondern auch die Gefahr mit sich bringt, den Menschen zu einem Produkt der Technik zu machen: „Wir leben umgeben von Vertretern der Generationen X und Y, die Computern reden beigebracht haben. Mittlerweile haben wir aber auch die iGen: Babys, die jetzt geboren werden, lernen ihre ersten Worte sehr oft von Sprachcomputern“, teilt Lackner mit. „Es macht einen Riesenunterschied, ob wir Maschinen reden beibringen oder irgendwann der Computer uns die ersten Worte.“

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    Alexa kann keine „Atmosphäre“ erzeugen

    Außerdem sei der Ton der grammatikalisch fehler- und akzentfrei sprechenden Assistenten ein Problem. Für eine Wetterauskunft und andere kleine Dienste seien Alexa, Siri & Co. gut genug, aber ein Hörbuch wolle sich sicher niemand von ihnen vorlesen lassen, denn sie würden es nicht schaffen, „Atmosphäre“ zu erzeugen.

    Laut Lackner hat Alexa in diesem Bereich aktuell keine Chance: „Stimmungen regieren die Welt. Die Menschen kaufen sich Gefühle. Es geht sehr selten um ZDF, um Zahlen – Daten – Fakten, sondern immer wieder auch um RTL, um Ratschen – Tratschen – Labern. Es geht sehr stark um narrative Elemente, um Story-Telling“, erklärt sie. Das sei auch der Grund, warum gute Redner oft in Führungspositionen versetzt werden: Sie können schlichtweg im Gespräch mit Kunden Atmosphäre erzeugen und bestimmte Stimmungen auslösen.

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    Die Gefahr einer Monopolisierung

    Schließlich warnt die Sprachtrainerin, die vor allem im Business-Bereich Coachings durchführt: Alexa treibe die Monopolisierung voran, indem sie denjenigen vorschlage, der sich bei ihr einkaufe. „Die Digitalisierung war ursprünglich einmal gedacht, um alle Dinge möglich zu machen und nicht um wenige siegreich zu machen“, merkt Lackner hier an. „Wenn aber die Frage nach dem Italiener bei Alexa ein bis drei Ergebnisse von Leuten befördert, die sich den Service von Alexa leisten können, dann schwindet genau diese Vielfalt, die der Idee der Digitalisierung zugrunde lag.

    Außerdem ist Alexa ein übereifriger Zuhörer.“ Die Kommunikationstrainerin erzählt von einem Gespräch mit ihrem Mann in der Küche, in der auch der Sprachassistent installiert ist. Da hat Lackner ihrem Mann den Namen eines Hotels diktiert, damit er dieses über das Internet aufrufen könne. Später ging Tatjana Lackner in ihr Arbeitszimmer, um Beiträge für die sozialen Netzwerke und ihren Blog zu verfassen. Und Überraschung: Auf Facebook wurde im Banner schon das besagte Hotel eingeblendet.

    Interviewpartnerin Tatjana Lackner
    © Foto : Tatjana Lackner
    Interviewpartnerin Tatjana Lackner

    Das Interview mit Tatjana Lackner in voller Länge:

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    Tags:
    negative Wirkung, Kommunikation, Digitalisierung, Roboter, Internet, Österreich