01:32 14 Dezember 2018
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    Labor (Symbolbild)

    Böses Genie: Forschungen, die viele Menschenleben forderten

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    In den zurückliegenden Tagen haben gleich mehrere Skandale die wissenschaftliche Welt erschüttert. In den USA haben Forscher die Entwicklung eines Gentests verkündet, der bei Embryos ein niedriges Intelligenzniveau entdecken kann. In China gab ein Genetiker zu, vor einer erfolgreichen künstlichen Befruchtung die DNA von Embryos verändert zu haben.

    Am Ende sind gesunde Kinder zur Welt gekommen, aber die wissenschaftliche Welt hat dieses Experiment verurteilt.

    Allerdings kennt die Geschichte auch viele andere Beispiele von Experimenten dieser Art.

    Als erste wurden Kinder geimpft

    Der englische Arzt Edward Jenner vermutete im Jahr 1796, dass Menschen, die an Kuhpocken erkrankten, nie an Menschenpocken erkranken würden. Er beschloss, seine Hypothese an Kindern zu überprüfen. Und dann führte Jenner einem achtjährigen Jungen namens James Phipps den Inhalt von Pusteln auf der Hand einer mit Kuhpocken infizierten Bäuerin ein. Der Junge war mehrere Tage krank, wurde dann aber gesund und resistent gegen das Pockenvirus.

    Fast 100 Jahre später entschied sich der Franzose Louis Pasteur für ein ähnliches Experiment. Im Unterschied zu Jenner impfte er aber einen schon an Tollwut erkrankten Jungen, wobei dieser dann gesundwurde.

    Es ist natürlich sinnlos, zu bestreiten, dass die Erfindung von Impfstoffen die menschliche Geschichte grundsätzlich verändert hat. Aber viele Zeitgenossen Jenners und Pasteurs schätzten ihre Experimente äußerst negativ ein. Die London Royal Society of Science weigerte sich, Jenners Werke zu veröffentlichen, um ihren Ruf nicht zu riskieren. Und vor Pasteurs Labor fanden Kundgebungen statt, deren Teilnehmer verlangten, die Experimente – selbst an Tieren – zu stoppen.

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    Versuchssklavinnen

    Im April dieses Jahres wurde in New York das Denkmal für einen der Gründungsväter der modernen interventionellen Gynäkologie, Marion Sims, abgebaut. Anderthalb Jahrhunderte nach dem Tod des Mediziners hat die amerikanische Gesellschaft auf diese Weise seine Forschungsmethoden verurteilt: Er hatte nämlich seine Hypothesen an dunkelhäutigen Sklavinnen erprobt.

    Sims Ziel war, Frauen von Vaginalfisteln zu heilen, die nach traumatischen Entbindungen entstanden und Enuresis (Bettnässen) verursachten. Der Wissenschaftler hatte seine eigene Heilungsmethode entwickelt – und testete sie eben an schwarzen Sklavinnen, die er manchmal speziell für seine Experimente kaufte.

    Darüber hinaus hat Sims einen Postkoital-Test der Infertilität, der jetzt seinen Namen trägt, sowie die Rektoromanoskopie erfunden. Auch war er der erste Arzt, der Steine aus der Gallenblase entfernen konnte. Das waren damals wirklich revolutionäre Methoden, aber Sims‘ Forschungsvorgehen gelten inzwischen als unmoralisch. 

    Der Vizeleiter des russischen Zentrums für kollektive Nutzung beim Institut für Genbiologie, Alexej Dejkin, verwies in diesem Kontext allerdings darauf, dass man bei der Verurteilung der ersten Experimente dieser Art bedenken müsste, dass die ethischen Normen damals ganz anders als jetzt gewesen seien und dass diese Experimente als durchaus ethisch und moralisch gegolten haben.

    Tödliche Transplantation

    Heutzutage würde die wissenschaftliche Gemeinschaft ganz bestimmt gegen ein Experiment stimmen, das aus moralischer Sicht fraglich wäre – kein einziger Forscher würde sich für so etwas aussprechen. Die Regeln für solche Forschungstests wurden im wahrsten Sinne mit Blut geschrieben – der Nürnberger Kodex, der die Basis für die ethischen Normen für alle Universitäten der Welt bildete, wurde gleich nach dem Zweiten Weltkrieg verfasst, nachdem die unmenschlichen Experimente in nazistischen Konzentrationslagern bekannt geworden waren.

    Laut diesem Dokument müssen alle Teilnehmer der Experimente freiwillig zustimmen und die Möglichkeit haben, das jeweilige Experiment jederzeit zu stoppen. Experimente an Menschen sind nur im Falle von erfolgreichen Experimenten an Tieren erlaubt, und die damit verbundenen Risiken dürfen nicht größer als die Wichtigkeit des Problems sein, das dadurch gelöst werden soll.

    Doch manche Forscher lassen sich davon nicht behindern. So hat der schwedische Transplanteur Paolo Macchiarini im Jahr 2011 eine ganze Reihe von Operationen zur Transplantation von künstlichen Luftröhren durchgeführt, die nach seinen Worten erfolgreich gewesen wären. Allerdings sind später sechs von insgesamt neun Patienten bzw. Patientinnen (unter anderem eine Frau aus Russland) gestorben. Die anderen konnten rechtzeitig Spenderorgane transplantiert bekommen. 

    Die Ermittlungen ergaben, dass die von Macchiarini entwickelte Technologie nicht an Tieren getestet worden war, wobei der Arzt selbst versucht hatte, zu verheimlichen, dass seine Patienten bzw. Patientinnen gestorben waren. Er wurde aus dem Karolinska-Institut sowie aus den russischen Universitäten zu Krasnodar und Kasan entlassen. In Schweden wurde er wegen nicht vorsätzlichen Mordes angeklagt.

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    „Wenn man vom modernen Zustand der Ethik wissenschaftlicher Forschungen spricht, müsste man bedenken, dass diese durch Gesetze geregelt wird, die den Rahmen der zulässigen Dinge klar und deutlich bestimmen“, so Experte Dejkin. „Es gibt Prinzipien der Zustimmung der Patienten, der humanen Behandlung der an Experimenten beteiligten Tiere, wie auch die Begründung der Notwendigkeit der Experimente. In der Wissenschaft können nicht alle Mittel durch das Ziel gerechtfertigt werden. Aber wenn man ethische Beschränkungen für Forscher bestimmt, muss man verstehen, dass die Wissenschaft vor allem das Ziel verfolgt, das Wohlergehen der Menschen zu gewährleisten.“

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    Kinder, Ermittlungen, Forscher, Sklaven, Experiment, Forschungen, Test, DNA, Großbritannien, Frankreich, Schweden