02:43 16 Juni 2019
SNA Radio
    Besucher von Oktoberfest in München (Archivbild)

    Bier gefährlicher als Wodka: Forscher machen beunruhigende Entdeckung

    © Sputnik / Alexey Vitvitsky
    Wissen
    Zum Kurzlink
    Alfia Jenikejewa
    334589

    Laut Statistiken der Weltgesundheitsorganisation WHO fordern Alkohol und Tabak mehr Menschenleben als alle anderen süchtig machenden Stoffe. An dem Konsum von Spirituosen sterben jedes Jahr rund 3,5 Millionen Menschen.

    Einige Wissenschaftler schlagen vor, Alkohol und Zigaretten schweren Drogen gleichzusetzen und ihren Verbrauch und Verkauf zu verbieten.

    Warum Spirituosen schnell süchtig machen können und welche Sorten davon am gefährlichsten sind – das lesen Sie in diesem Artikel.

    Mit dem ersten Schluck

    „Vergleichsanalysen des hervorragenden britischen Wissenschaftlers David Nutt bestätigten bereits vor zehn Jahren, dass Alkohol zu den Top 5 der psychoaktiven Stoffe mit dem höchsten Suchtpotential gehört. Stärker sind nur Heroin, Crack und Kokain. Zu den Top 5 gehört auch Tabak. Im Hinblick auf die Todesrate lässt Alkohol alle Drogen weit hinter sich“, so der Drogenarzt, Professor an der Kasaner Staatlichen Medizinischen Universität und WHO-Experte Wladimir Mendelewitsch.

    alte Bierflaschen (Symbolbild)
    © AP Photo / Petros Karadjias

    Laut jüngsten Experimenten mit Mäusen kann eine Alkoholsucht sehr schnell entstehen – buchstäblich mit dem ersten Schluck. Neurophysiologen der University of California, San Francisco, verabreichten im Laufe eines Tages einer Gruppe von Nagetieren Spiritus mit einem Alkoholgehalt von 20 Prozent, der anderen Gruppe lediglich Wasser.  Bereits am nächsten Tag zeigten die Tiere, denen Alkohol verabreicht worden war, alle Merkmale einer physiologischen Abhängigkeit; im Gehirn wurde eine erhöhte Aktivität von Dopamin-Rezeptoren D1, die gegenüber dem Glückshormon Dopamin sensibel sind, festgestellt.

    Eine ähnliche Wirkung entfalteten bereits nach dem ersten Gebrauch auch Drogen wie Opiate und Cannabinoide im Gehirn der Tiere.

    Für die Entstehung der Sucht bei Menschen spielen laut Mendelewitsch sowohl äußere Faktoren (die Häufigkeit des Gebrauchs), als auch innere Faktoren (Genetik) eine Rolle. Zudem kommt es gewöhnlich bei Menschen mit einem Sucht-Persönlichkeitsprofil zur Abhängigkeit.

    „Dazu gehören Besonderheiten wie Infantilismus, verletzender Einfluss von Langeweile und ‚graues Alltagsleben‘“, so der Experte.

    Biergeschmack löst Sucht aus

    Am stärksten wird das Dopaminergsystem des Gehirns – das Belohnungssystem – von Bier beeinflusst. Sein Geschmack führt unabhängig vom Alkoholgehalt zu einem Dopamin-Ausstoß, wie Wissenschaftler von der Indiana University herausfanden.

    >>>Mehr zum Thema: WHO nennt häufigste Todesursache in der Welt<<<

    Wissenschaftler gaben 49 Freiwilligen abwechselnd Bier und Energydrinks einer bekannten Marke. Beim Scannen des Gehirns wurde festgestellt, dass der Biergeschmack unabhängig von seinem Alkoholgehalt einen größeren Ausstoß von Dopamin als ein Energydrink auslöste. Der stärkste Effekt wurde bei jenen Probanden erzielt, in deren Familien es Alkoholiker gab.

    Wodka beeinflusst Gehirn

    Genvarianten, die für die alkoholische Disposition verantwortlich sind, sind ungefähr bei der Hälfte der Menschen in der Welt zu finden. Laut Studien einer internationalen Gruppe von Wissenschaftlern sind diese Gene auch mit der Neigung zu Süßigkeiten verbunden. Wenn bei den Trägern einer speziellen Version des Gens FGF21 im zentralen Nervensystem der Ko-Rezeptor β-Klotho nicht funktioniert, ist nicht nur die Wahrscheinlichkeit einer Alkoholsucht, sondern auch eines gestörten Essverhaltens hoch.

    Die Schlussfolgerungen der Forscher wurden zum Teil von schwedischen Wissenschaftlern bestätigt, die Anfang 2018 an 20 Labormäusen Alkohol-Experimente durchgeführt hatten. Dabei bekamen die Tiere eine Alkohollösung, wenn sie auf einen im Käfig angebrachten Hebel drückten. Nach einigen Tagen ständigen Alkoholkonsums wurden die Mäuse vor die Wahl gestellt: Alkohollösung oder Wasser mit einem hohen Süßstoffgehalt.

    Die meisten Mäuse bevorzugten das süße Wasser, während zehn bis zwölf Prozent weiter Alkohol tranken. Es stellte sich heraus, dass bei alkoholsüchtigen Tieren die Gene in Gehirnzellen, die sich in den Bereichen für Geschmack, Glück und Emotionen befinden, anders funktionieren. So sank bei ihnen die Aktivität der DNA-Abschnitte massiv, die mit der Arbeit der bremsenden Neuronen-Ketten und Entfernung der Moleküle der Gamma-Aminobuttersäure verbunden sind – der größten Bremse des Nervensystems. 

    Dieser Prozess wird vom Gen GAT-3 bestimmt. Es stellte sich heraus, dass Alkohol ein normales Funktionieren dieses Gens blockiert. Dies führt zur Bildung von Neuronenketten, die den Geschmack von Alkohol mit den Belohnungszentren verbindet. Im Ergebnis erachteten die  alkoholsüchtigen Tiere Alkohol als schmackhafter und gehaltvoller als süßen Sirup.

    Gefährliche Energydrinks

    Auch Alkoholgetränke mit hohem Koffeingehalt wie Energydrinks verändern das Gehirn. In Russland sind sie seit vergangenem Jahr verboten.

    Laut Wissenschaftlern der Purdue University wirken Energydrinks wie Kokain, wobei im Körper mit den Jahren Störungen im inneren Unterstützungssystem auftreten.

    Wissenschaftler gaben Mäusen alkoholfreie und alkoholhaltige Energydrinks. Im Gehirn der Tiere, die eine hohe Koffeindosis zusammen mit Alkohol bekamen, waren dieselben Veränderungen wie bei Mäusen zu erkennen, die Drogen konsumiert hatten. So stieg das Niveau des Eiweißes ΔFosB. Nahmen die Tiere nur Koffein beziehungsweise nur Alkohol zu sich, gab es keine solchen Störungen.

    Mit der Zeit waren Mäuse, die im jungen Alter alkoholhaltige Energydrinks konsumierten, weniger sensibel gegenüber Kokain. Das heißt: Um Glücksgefühle zu bekommen, brauchten sie mehr Drogen als die Tiere aus der Kontrollgruppe, denen in der Kindheit keine alkoholhaltigen Energydrinks verabreicht wurden.

    Wie allerdings Drogenärzte hervorheben, kann der Mensch unabhängig davon, was genau er trinkt, zum Alkoholiker werden.

    „Gemäß der Internationalen Klassifikation der psychischen und Verhaltensstörungen gehören zu Alkoholikern beziehungsweise Menschen mit Alkoholsucht jene, bei denen ein Abstinenzsyndrom und das Streben nach Erhöhung der Dosis zu erkennen sind. Die Größe der Dosis beziehungsweise die Qualität gehören nicht zu den diagnostischen Kriterien. In der modernen Wissenschaft gibt es kein Alkoholgetränke-Ranking nach dem Niveau der Gewöhnung“, so Mendelewitsch.

    Nach WHO-Angaben kann kein Umfang des Alkoholgebrauchs als unbedenklich eingestuft werden. Deswegen sollte man lieber generell auf ihn verzichten.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Wodka, Alkohol, Alkoholismus, Alkoholkonsum, Medizin, Forscher, Schaden, Gesundheit, Krankheiten, Forschung, Drogen, Sucht, Bier, Weltgesundheitsorganisation (WHO), WHO