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06:44 23 September 2019
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    Ein Mann mit kleinem Kind ist in einer Alkoholabteiulung eines Einkaufszentrums zu sehen

    „Saufen“ lernen in der Schule? Das hat es mit dem Trinkexperiment auf sich

    © Sputnik / Igor Zarembo
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    Das Ziel des „Trinkexperiments“ ist es nicht, aus Jugendlichen noch früher Alkoholiker zu machen, sondern Alkoholmissbrauch zu verhindern. Das geschieht durch kontrollierten Konsum und einigen Tests zur Selbsteinschätzung – und trägt tatsächlich Früchte, wie einer der Entwickler der Tests gegenüber Sputnik betont.

    Ein Test in einer Schule hat die Gemüter jüngst erregt. Es geht um keinen komplizierten Mathetest, sondern um ein Projekt, bei dem Jugendliche unter Aufsicht Alkohol konsumieren sollen, um dessen Auswirkungen zu erfahren und zu analysieren. Auslöser für den aktuellen Streit um den seit 2008 in mancher Klasse praktizierten Test „Lieber schlau als blau“ war kein Hagel elterlicher Kritik, sondern eine vereinzelte Mutter, deren Anliegen die Bild-Zeitung sich sehr zu Herzen nahm.

    „Die Bild-Zeitung hat übliches Skandalspiel draus gemacht. Das ist bedauerlich, weil es einer guten Sache schadet“, kommentiert Johannes Lindenmeyer, Suchtexperte und Direktor der Suchtklinik Salus in Lindow den Sturm der Entrüstung gegenüber Sputnik. Lindenmeyer war an der Entwicklung des Teste, der Teil der Suchtprävention des Landes Brandenburg ist, maßgeblich beteiligt.

    Dabei wäre der Skandal gar nicht nötig gewesen, denn die Eltern entscheiden, welche Menge ihr Kind konsumieren darf und ob es überhaupt an diesem Experiment teilnehmen darf. Zur Debatte stehen dabei ein bis drei Gläser Bier oder Wein. Jugendliche, die vor dem Experiment keinen Alkohol konsumiert hatten, sind von diesem ausgeschlossen, betont Lindenmeyer, da es hier nicht darum gehe, an den Alkohol heranzuführen.

    „Wir haben in Deutschland die Situation, dass sehr viele Jugendliche zwischen dem 15. und dem 25. Lebensjahr extrem viel Alkohol trinken und häufig dieses berühmte ‚Komatrinken‘ veranstalten“, erklärt Lindenmeyer den Hintergrund und Anlass des Trinkexperiments. „Bisher konnte kein Präventionsprogramm wirklich nachweisen, dass es diesen Hochkonsum von Alkohol wirksam verhindert. Insbesondere Aufklärungsprogramme erreichen Jugendliche in diesem Alter nicht.“

    Die Strategie des Suchtexperten ist eine ganz andere: direkte Konfrontation statt abstrakte Belehrung. Die Jugendlichen sollen in dem Experiment die Wirkungen der Getränke selbst erfahren, kritisch betrachten und einordnen. Das funktioniert mithilfe von Reaktionstests und der Beobachtung der sozialen Interaktion. Die Jugendlichen durchlaufen vor dem Konsum einen Reaktionstest, nach einem Glas und nach der maximal konsumierten Menge. Ihre Interaktion wird in einem Videoclip aufgezeichnet. Außerdem sollen sie während des Konsums angeben, wie viel Promille sie glauben zu haben.

    „Dann messen wir das, sodass die Jugendlichen sehen können, ob ihre Erwartungen wirklich eintreten. Was sie dabei erleben ist, dass entgegen ihren Erwartungen ein Glas Alkohol tatsächlich angenehme Wirkung hat, die sich aber bei einem zweiten Glas schon nicht mehr steigert und ab dem dritten Glas die ersten negativen Wirkungen eintreten. Und das ist das Einzige, was Jugendliche überzeugt: selber erlebt zu haben, dass es nicht so ist, wie sie es sich gedacht haben.“

    Die Jugendlichen sehen nämlich in der Regel einen höheren Promillewert, langsames Handeln und mehr Fehler in Reaktionstests und einen sich verschlechternden sozialen Umgang nach dem ersten Glas.

    Die Wirksamkeit dieses Präventionsprogramms sei in einer wissenschaftlichen Studie nachgewiesen worden, betont der Suchtexperte. An dieser hätten insgesamt 700 Schüler teilgenommen. Die Hälfte habe den Test absolviert, die andere Hälfte nicht. Messungen an beiden Gruppen nach jeweils drei und sechs Monaten hätten gezeigt, dass die Testgruppe deutlich seltener zu Alkohol greife und beim Trinken auch weniger konsumiere. Zudem sei auch die Menge der Abstinenten in der Testgruppe höher gewesen als in der Vergleichsgruppe. „Es gibt nicht viele Präventionsprogramme, die eine solche Wirkung wirklich nachgewiesen haben“, merkt Lindenmeyer an.

    Interviewpartner Prof. Johannes Lindenmeyer
    © Foto : Lindenmeyer
    Interviewpartner Prof. Johannes Lindenmeyer

    Am wenigsten klagen natürlich die Schüler selbst: „Die Schüler sind in der Regel sehr zufrieden mit diesem Trainingsprogramm. Sie finden es natürlich auch ein bisschen aufregend und auch lustig, dass sie da Alkohol trinken dürfen“, so der Suchtexperte. „Und die Schüler sagen: Das Wichtigste war für mich die eigene Erfahrung. Also dass nicht ein Erwachsener mir Vorschriften gemacht hat, Ratschläge gegeben hat, sondern dass ich selber ausprobieren konnte und das hat mich überzeugt. Ich habe am eigenen Leib erlebt und daraus meine Schlüsse gezogen. Und das ist doch auch das, was wir uns von jungen Menschen wünschen. Dass sie ihre eigene Identität entwickeln, dass sie ihre eigenen Normen entwickeln.“

    An dem Trinkexperiment nehmen jährlich laut Lindenmeyer zwischen fünf und dreißig Klassen teil.

    Das Interview mit Johannes Lindenmeyer in voller Länge:

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    Tags:
    Benehmen, Debatte, Skandal, Kritik, Lehre, Verhalten, Bildung, Alkoholkonsum, Alkoholismus, Legalisierung, Getränke, Alkohol, trinken, Kinder, Unterricht, Schule, Axel Springer, Bild-Zeitung, Deutschland