23:31 19 November 2019
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    Chinesische Elektroautos (Archivbild)

    Fehler in der Öko-Gleichung: Wie uns das E-Auto in die Sackgasse fährt

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    Bei der Verkehrswende durch das E-Auto geht es nicht um Klimaschutz und Umweltbewusstsein, im Gegenteil: Sie wird alles noch schlimmer machen, weil die Rechnung nicht stimmt. In Wirklichkeit geht es um Verkaufszahlen und den Erhalt des chinesischen Marktes. Das skizziert Winfried Wolf in seinem neusten Buch. Sputnik hat mit ihm gesprochen.

    Elektromobilität ist die Zukunft: Saubere Autos, die im Gegensatz zu Dieselfahrzeugen und Benzinern keine Schadstoffe absondern, die Luft nicht verschmutzen, nicht zur Klimaerwärmung beitragen, die Gesundheit nicht gefährden und auch keine Lärmbelästigung für Anwohner darstellen – das ist zumindest die Vision, die Verfechter der E-Mobilität für PKW sehen.

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    Reine Utopie, finden Kritiker dieser Vision, und machen auf Fehler in der Rechnung aufmerksam: Aufwendige Herstellung, Transport und ein Strom-Mix mit fast 50 Prozent fossilen Energieträgern lassen die positive Ökobilanz gegenüber gängigen Fahrzeugen schnell zusammenschrumpfen. Ein Kritiker des naiven E-Mobilitäts-Glaubens ist Winfried Wolf, der ein Buch mit dem Titel „Mit dem Elektroauto in die Sackgasse“ verfasst hat. Sputnik hat mit dem Autor gesprochen.

    E-Mobilität soll PKW-Dichte weiter steigern

    Das Problem beginnt für Wolf schon mit der Art, wie die Debatte geführt wird: „Es ist spannend, dass der Begriff Elektromobilität usurpiert wird. Es ist ein Begriff, der elektrisch gleich neutral, Energie plus Mobilität, positiv besetzt ist und genutzt wird für eine spezifische Art der Mobilität mit Autos“, so der Buchautor. Dabei gebe es Elektromobilität schon seit 110 Jahren in Form von Straßenbahn, Eisenbahn, S-, U-Bahn und Trolleybussen. „Das war sicherlich schon der erste Trick gewesen“, bemerkt er zu der Gleichsetzung von PKW-E-Mobilität mit E-Mobilität schlechthin. Denn aus seiner Sicht geht es bei der ganzen Debatte nur vordergründig um die Umwelt und in Wirklichkeit darum, die PKW-Dichte in Europa noch weiter zu steigern.

    „Mir kommt es vor, dass wir schon seit 60 Jahren erleben, dass immer dann, wenn die Autoindustrie in eine wirtschaftliche oder Glaubwürdigkeitskrise gelangt, ein Reförmchen entdeckt wird, bei dem am Ende die Dichte der Autos noch einmal gesteigert wird“, meint Wolf und führt als Beispiele die Ölkrise in den 70ern, das Waldsterben in den 80ern und 90ern und aus jüngster Zeit den Biosprit an. Nun sei die Zeit an der sogenannten E-Mobilität. „Ich sage, Elektromobilität wird nur eine zusätzliche Form der Automobilität sein, die obendrauf kommt zu der ohnehin schon schmutzigen normalen Automobilität, wobei die Elektromobilität eben auch nicht sauber ist“, lautet das Fazit des Buchautors zu der Entwicklung.

    Klima und Umwelt? Die Öko-Gleichung geht nicht auf

    Aber selbst wenn es nicht einfach nur um höhere Absatzzahlen ginge: Die Vision einer umwelt- und klimafreundlicheren E-Auto-Welt geht für den Autor nicht auf: Bevor das Fahrzeug zum Käufer kommt, hat es nämlich bereits eine erheblich höhere Klimabelastung als ein normaler PKW. „Man muss zwischen 40.000 oder 70.000 Kilometern fahren mit dem Elektroauto, bevor man in den Bereich kommt, wo man weniger CO2 emittiert – weil die Herstellung eines Elektroautos aufgrund der Batterieherstellung bedeutend mehr CO2-intensiv ist“, so Wolf.

    Wenn das Auto da ist, geht es gerade so weiter – wenn der Strom-Mix bleibt, wie er gerade ist: Denn der setzt sich aus bis zu 40 Prozent fossiler Energie zusammen. Die Braunkohle wird zwar in Deutschland nicht abgebaut, dafür aber importiert und verheizt. Für die CO2-Bilanz sind solche Manöver völlig irrelevant. Auf diese Weise lässt sich das E-Auto schwer „grün-fahren“.

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    Außerdem würde durch massive E-Fahrzeug-Käufe der Strombedarf enorm in die Höhe schießen. „Dann ist die Problematik noch größer: Kann man das Plus an Strom wirklich primär durch erneuerbare Energien ersetzen?“, fragt Wolf.

    Und schließlich gibt es noch die Ressourcenseite des Problems: „Wenn wir jetzt in der Lage wären, die aktuell eine Milliarde PKW, die es auf der Welt gibt, durch Elektroautos zu ersetzen, dann braucht jedes Elektroauto eine unheimlich große Menge an Kobalt, Lithium, Kupfer, Nickel usw. Wir ersetzen also eine Abhängigkeit von Öl und Gas durch eine Abhängigkeit von anderen Ressourcen, die auch endlich sind“, schließt der Kritiker.

    China: Der wirkliche Motor der E-Mobilität

    Den Hintergrund bildet weniger das Klima, sondern das Land China, ist sich Wolf überzeugt. Denn die PKW-Produktion hat sich in nur 20 Jahren stark von Nordamerika, Japan, Südkorea und Westeuropa nach China und Indien verschoben und dadurch auch abhängig vom chinesischen Markt gemacht. Bislang gelte für China: „Obwohl die chinesische Autoindustrie eine riesige Menge von Autos produziert, hat sie bisher keinen einzigen konkurrenzfähigen Autokonzern hervorgebracht, der irgendwo bei uns eine Rolle spielen würde“, erläutert Wolf.

    Mit dem E-Auto soll sich die Hierarchie ändern. „Die Chinesen haben aus verschiedenen Gründen, aber auch, um an die Spitze der Autoindustrie zu kommen, gesagt: Vom 1.1.2019 an müssen zehn Prozent aller Autos, die in China verkauft werden, Elektroautos sein. 2020: 12 Prozent, 2021: 15 Prozent“, merkt der Autor an. Um den chinesischen Markt nicht zu verlieren, müssen also die Konzerne in China vermehrt Elektro-Autos bauen. „Das führt auch dazu, dass die Konzerne, die vor allem von China abhängig sind, auch bei uns zum Teil auf Elektroautos abstellen“, so Wolf. „Das verkaufen sie als eine Klimamaßnahme, aber in Wirklichkeit geht es primär um den Weltmarkt und die Position, die diese Konzerne auch in China beibehalten wollen.“

    Die Rolle des Smogs in chinesischen Städten ist hierbei nur ein Scheingrund für den Autor, denn: „Die Klimabelastung in China ist schlimmer mit Elektroautos, weil über zwei Drittel des Stroms aus Steinkohle und Gas produziert werden. In den Städten selber kommt aus dem Auspuff nichts raus, aber bei den Kraftwerken, die den Strom produzieren für die Städte, wird natürlich erheblich mehr CO2 produziert, aufgrund des Strommixes“, betont er.

    Eine alternative Verkehrswende

    Dabei gibt es ganz andere Wege, den vorgeschobenen Zielen ein Stück weit näher zu kommen. Hierfür hat Winfried Wolf eine eigene Verkehrswende formuliert, die aus drei Punkten besteht. Der erste Punkt lautet: Verkehrswege reduzieren. „Wenn man überlegt, dass heute ein Bürger ungefähr doppelt so viele Kilometer im Jahr zurücklegt als vor 30 oder 40 Jahren, dann sind wir nicht mobiler geworden. Wir haben weiter in der Woche vier bis fünf Wege zur Arbeit, Ausbildung, Uni oder Schule hin und zurück, zwei Freizeitwege und im Jahr vielleicht zwei Wege in den Urlaub hin und zurück. Das ist im Wesentlichen gleich geblieben“, so der Autor. Die zusätzlichen Kilometer seien darauf zurückzuführen, dass sich die Entfernungen zwischen den verschiedenen Zielen vergrößert haben. Diese könnten wieder verkürzt werden, indem Städte dezentralisiert und so gestaltet werden, „dass man da seine Freizeit gerne verbringt“.

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    Der zweite Punkt betrifft nicht-motorisierte Mobilität, einfacher ausgedrückt: Radfahren und Laufen. Durch einen massiven Ausbau von Fahrradwegen und Fußgängerzonen und fahrrad- und fußgängerfreundlichere Städte lässt sich aus Wolfs Sicht eine weit höherer Anteil dieser Mobilität an der Gesamtmobilität erreichen.

    Und zu guter Letzt ist der Autor für einen Ausbau der E-Mobilität, die schon lange da ist und sich durch ihre Effizienz bewährt hat: Trolleybusse, U- und S-Bahn. Von E-Bussen hält er dagegen nicht viel: Warum, fragt er, sollte ein Bus überall diesen schweren Akku mit sich tragen, wenn er den Strom aus Oberleitungen direkt beziehen kann und für ein paar Kilometer im Notfall auch ein kleiner Sicherheits-Akku reicht?

    Den Umstieg auf den Öffentlichen Personennahverkehr würde zudem ein Nulltarif attraktiver machen, fügt Wolf hinzu. Am Ende bleiben nach Wolfs Rechnung zehn bis fünfzehn Prozent Verkehr übrig, die auf PKW entfallen. „Das können gern Elektro-PKW sein“, schließt der Buchautor.

    Das Interview mit Winfried Wolf in voller Länge:

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    Tags:
    Buchneuerscheinungen, Ökobilanz, Fahrradwege, Verkehrswende, E-Mobilität, Treibhausgas, Erneuerbare Energien, Klimawandel, E-Auto, Markt, Winfried Wolf, China