Widgets Magazine
00:48 20 Juli 2019
SNA Radio
    In der Expositionsplattform Expose-R2 fanden hunderte Proben Platz

    Im freien All überlebensfähig: Was Bakterien dem Menschen voraushaben

    © Foto : DLR
    Wissen
    Zum Kurzlink
    Valentin Raskatov
    3221

    Leben kann auf dem Mars und sogar im Kosmos überleben. Das ist das Ergebnis eines Experiments, das auf der Internationalen Raumstation (ISS) durchgeführt wurde. Überleben können unter solchen Extrembedingungen aber nur robuste Bakterien – komplexeres Leben hat schlechte Aussichten.

    Gibt es Leben auf dem Mars? Diese Frage beschäftigt Forscher wie Laien seit langer Zeit. Im Jahr 2020 soll ein russisch-europäischer Roboter eine Reise zu ihrer Beantwortung antreten, doch die Frage nach der Möglichkeit von Leben auf dem Roten Planeten wurde jetzt schon beantwortet – in der Erdumlaufbahn, auf der Internationalen Raumstation (ISS).

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Aliens auf dem Mars? NASA-Chef will Leben auf dem Roten Planeten finden<<<

    Dort wurde das von 2014 bis 2016 das anderthalbjährige „Biologische Mars-Experiment“ (BIOMEX) durchgeführt, an dem insgesamt 30 Institute beteiligt waren. Nun liegen die Ergebnisse vor und sind positiv: Unter Extrembedingungen des Alls und der Marsatmosphäre können gewisse Lebensformen überleben.

    Überlebensrate bis zu 80 Prozent

    „Der gesamte Stammbaum des Lebens ist auf der ISS vertreten gewesen“, sagt der Astrobiologe vom DLR Jean-Pierre de Vera gegenüber Sputnik zu dem Experiment. Viele Urbakterien (Archaeen), Blaualgen (Cyanobakterien), Algen, Pilze, Flechten und sogar Moose mussten auf der ISS ums Überleben kämpfen.

    Proben antarktischer Cyanobakterien
    © Foto : DLR
    Proben antarktischer Cyanobakterien

    Das Ergebnis ist eindeutig: Komplexes Leben ist schlechter gegen solche Extrembedingungen gewappnet. „Die Moose sind sehr stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Es gab ein einziges Blättchen, das da überlebt hat, und es ist nicht klar, ob man neue Kulturen aus den Zellen herausbringen kann“, erläutert de Vera. Ähnliches gelte auch für die Flechten. „Aber alles, was Mikroorganismen, einzellige Lebewesen angeht, hat viel besser überlebt, teilweise 60 bis 70, manchmal sogar 80 Prozent.“

    Kosmische Strahlung und Mars-Gas

    Aber was hat das mit dem Mars zu tun? „Wir simulieren auf der Raumstation die Marsbedingungen und schauen wie weit Organismen unter Marsbedingungen überleben können und ob sie entsprechend gut erhalten bleiben, sodass man sie mit entsprechenden Instrumenten detektieren kann“, erklärt der Astrobiologe.

    Dazu wurden die Proben von den russischen Kosmonauten Alexander Skwortzow und Oleg Artemjew außen auf einer Expositionsplattform am russischen Schwestermodul „Swesda“ angebracht.

    Durch eine Schicht aus Glas waren die Proben vom Weltraum abgeschnitten, damit die Mikroorganismen sich nicht einfach im Weltraum verlieren. „Aber das Glas schützt nicht vor der Weltraumstrahlung und auch das Vakuum des Weltalls ist in dieser Plattform vorhanden“, fügt de Vera hinzu. „Da gibt es Ventile, über die das Restgas, das noch übrig ist, in den Weltraum entlassen wird.“ Ein Teil der Proben wurde zudem mit einem Mars-Atmosphärengas versetzt, sodass im Endeffekt die Organismen auf Überleben im Weltraum wie auf dem Mars getestet wurden.

    Anreiz für Lebenssuche auf dem Mars

    „Es ging bei BIOMEX um die Frage, ob der Mars ein lebensfähiger Planet ist und ob man Organismen mit den Instrumenten, die wir in naher Zukunft bei ExoMars hochschicken werden, auch nachweisen kann“, so de Vera.

    De Veras Fazit: „Man kann schon sagen, dass es sich lohnen würde, auf dem Mars nach Leben zu suchen, denn es gibt irdische Vertreter, die es unter Marsbedingungen ganz gut aushalten können. Insbesondere die, die im Boden leben – dafür ist ja Exomars in Zukunft ausgestattet, der in den Boden bohren soll.“ Außerdem konnten die Forscher im Rahmen von BIOMEX die Instrumente erproben, die auf dem Mars Leben auffinden sollen, und diese haben erfolgreich Biosignaturen detektiert.

    Leben könnte vom Mars auf die Erde gekommen sein

    Ein weiterer Punkt ist die interplanetare Übertragung von Leben. „Wir wissen, dass es Meteoriten vom Mars gibt, die auf der Erde gelandet sind. Also gibt es einen Austausch. Und da geht es um die Frage: Falls der Mars in der Vergangenheit einmal belebt war, kann es sein, dass von dort lebendes Material auf die Erde runtergefallen ist und sich hier hat weiterentwickeln können“, so der Astrobiologe.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Blogger will neuen Beweis für Leben auf Mars gefunden haben — VIDEO<<<

    Jene Organismen hätten allerdings keine anderthalbjährige Reise, sondern mehrere Jahrtausende im All zu überstehen gehabt. Zum längerfristigen Überleben im All müssten deshalb weitere Experimente folgen, bei denen etwa Bakterien auf dem Mond abgesetzt und erst nach vielen Jahren wieder untersucht würden. „Auf dem Mond wollen wir in Zukunft auch gerne eine Plattform realisieren“, merkt de Vera dazu an, der sich für ein solches Programm bei der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA) stark macht.

    Leben auf den Eismonden?

    Für 2022 steht außerdem das Experiment BioSigN an, bei dem „irdische Organismen aus der Tiefsee Weltraumbedingungen“ ausgesetzt werden. „Der Hintergrund ist, dass wir Eismonde um Jupiter und Saturn in unserem Sonnensystem haben, die über Fontänen einiges ins All hinausbefördern, wo verschiedene Moleküle und komplexe organische Moleküle drin sind. Aber wir wissen noch nicht genau, was es ist – es könnte vielleicht auch ein Hinweis auf Leben sein“, so de Vera. Je nach Ergebnislage würde es sich lohnen, zu diesen Eisfontänen aufzubrechen und weitere Missionen zu planen.

    Das Interview mit Jean-Pierre de Vera in voller Länge:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    BIOMEX, Planetenforschung, Kosmos, Experimente, Biologie, Extraterrestrisches Leben, Astrobiologie, Aliens, Forscher, Leben, Bakterien, Weltall, Internationale Raumfahrtstation (ISS), DLR, Roskosmos, Jean-Pierre de Vera, Mond, Mars