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    „Eine Badewanne Alkohol pro Jahr“ - So unterschiedlich trinken die Deutschen

    © AFP 2019 / TOBIAS SCHWARZ
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    Valentin Raskatov
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    Laut „Jahrbuch Sucht“ gehen die Abhängigkeiten der Deutschen zurück, sind aber laut dem Experten Lindenmeyer weiterhin zu hoch. Besorgniserregend ist auch, dass sich der Alkoholkonsum auf einzelne Tage konzentriert und eine „gestörte Trinkkultur“ fördert. Wie sich Deutschland regional im Trinkverhalten unterscheidet, erfahren Sie im Interview.

    Einmal im Jahr wird das Suchtverhalten der Deutschen im „Jahrbuch Sucht“ aufgeführt. Die Hauptsüchte waren auch im aktuellen Bericht: Alkohol, Tabak und Medikamente. Allerdings sind die Zahlen bei Alkohol und Tabak leicht rückläufig. Beide fielen um zwei Prozentpunkte.

    Alkohol- und Tabakkonsum gehen zurück

    „Die Zahlen liegen im Trend, den wir seit 1978 beobachten“, bemerkt Suchtexperte und Direktor der Suchtklinik „Salus“ in Lindow, Johannes Lindenmeyer, gegenüber Sputnik. „Die gute Nachricht lautet: Die Zahlen gehen stetig jedes Jahr um ein paar Prozent zurück. Das kommt vor allem zustande, weil junge Leute heute weniger trinken als vor 40 Jahren. Die schlechte Nachricht lautet: Es ist immer noch sehr viel und vor allem verteilt sich das nicht gleichmäßig auf alle Menschen, sondern es gibt immer noch eine große Zahl von Menschen, die insbesondere ab und zu einen sehr hohen Alkoholkonsum hat und das ist das Gefährliche.“

    Die Jungen hübschen die Statistik auf

    Es sei vor allem die junge Generation, die den Positivtrend befördere, denn ein Vergleich zwischen 60-Jährigen von vor 20 Jahren und gegenwärtig 60-Jährigen zeige keinen Rückgang, so der Experte. Außerdem neige der Konsum zur zeitlichen Konzentration: „Wir haben einen Trend, dass die Bevölkerung weniger gleichmäßig trinkt über die Woche hinweg, sondern dass es Tage gibt, an denen getrunken wird und andere, an denen nicht getrunken wird. Dadurch wird an den Tagen, an denen getrunken wird, mehr getrunken als früher. Es ist ein nicht so gleichmäßiger Konsum.“

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    Problemfall: Medikamentensucht über Privatrezept

    Hauptproblem sind laut Lindenmeyer auch weiterhin Alkohol und Tabak: „Tatsächlich denkt die Gesellschaft immer am meisten an die seltenen Drogen und regt sich da am meisten auf. Tatsächlich sind Alkohol und Tabak weiterhin die Substanzen, die die größten Schäden gesamtgesellschaftlich verursachen.“ An dritter Stelle kommen Medikamente, bei denen es zwar auch ein zunehmendes Bewusstsein für die Gefahr der Abhängigkeit gebe und die deswegen seltener verschrieben werden. Ein Problem dagegen bleiben laut Lindenmeyer Privatrezepte, die weiterhin in unveränderten Zahlen ausgestellt werden: „Da weiß der Arzt längst, dass er etwas macht, das nicht gut ist. Und er einigt sich mit dem Patienten darauf, das über ein Privatrezept unter dem Deckel zu halten“, so der Suchtexperte.

    Von Trinkkultur und gestörtem Trinken

    Nicht jeder trinkt gleich und nicht überall wird gesellschaftlich gleich getrunken. Drei Trinkkulturen unterscheidet Lindenmeyer deshalb: Zum einen gebe es die Abstinenzkultur, der zufolge die Mehrheit der Bevölkerung nahezu nichts trinkt und die Alkoholismus-Gefahr kaum besteht, da ein Alkoholiker in einer solchen Kultur schneller auffällt als er abhängig werden könne. Unter diese Kultur fallen beispielsweise alle islamisch geprägten Staaten.

    Interviewpartner Prof. Johannes Lindenmeyer
    © Foto : Lindenmeyer
    Interviewpartner Prof. Johannes Lindenmeyer

    Die anderen Räume bezeichnet der Suchtexperte als eigentliche „Trinkkulturen“. Diese sind großenteils um den Mittelmeerraum angesiedelt. „Dort herrscht ein hoher Alkoholkonsum, aber die Regeln sind relativ klar, die überwiegende Zahl der Menschen trinkt in einer risikoarmen Art und Weise, sodass die Zahl der Probleme geringer ist.“

    Schließlich gebe es noch die „gestörten Trinkkulturen“. „Zu den gestörten Trinkkulturen gehört nun einmal eindeutig Deutschland, aber auch Russland, Skandinavien und andere. In diesen Ländern herrscht wieder hoher Alkoholkonsum, aber die Regeln sind nicht so klar. Keiner zeigt einem, wie man das richtig macht. Das sind auch die Länder, die viele Trinkexzesse haben, wo Leute Unfälle haben und so weiter. Das sind zudem die Länder, die einen hohen Anteil an Alkoholabhängigen haben“, so Lindenmeyer.

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    Deutschlands Alkoholmentalität in Nord und Süd gespalten

    Auch in Deutschland gebe es ein Nord-Süd-Gefälle, wie es zwischen Skandinavien und dem Mittelmeerraum besteht: „Länder wie Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Hamburg, Bremen sind die eher gestörteren Trinkkulturen, während Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz eher die Trinkkulturen sind. In den letzten drei wird zwar eher mehr Alkohol getrunken, aber die Regeln sind klarer und damit sind die Probleme nicht ganz so groß“, betont Lindenmeyer.

    Zu den Ursachen dieser Unterschiede bemerkt der Experte: „Im Wesentlichen hängt das mit den Anbaugebieten zusammen. In Süddeutschland wird mehr Wein und Bier angebaut und produziert.“ Auch die kürzeren Tage des nordischen Winters könnten eine Rolle spielen wie auch das Gefühl, dass dem Konsumenten wärmer wird. Zu diesem Gefühl merkt Lindenmeyer noch an: „Objektiv ist das keine gute Lösung, weil man sogar eher auskühlt.“

    Die Lösung für den Experten: Kein absolutes Trinkverbot, sondern die Entwicklung einer Trinkkultur, bei der exzessiver Konsum von Alkohol gesamtgesellschaftlich unterbunden wird. „Wir sollten eine Trinkkultur entwickeln, eine Kultur des Ansprechens, Leuten rechtzeitig sagen, wenn wir Risiken sehen und auch Jugendlichen zeigen, was ein vernünftiger Umgang mit Alkohol ist.“

    Das Interview mit Johannes Lindenmeyer zum Nachhören:

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    Tags:
    Russland, Alkoholismus, Gefahr, Abhängigkeit, Medikamente, Jungen, Konsum, Tabak, Alkohol, Deutschland