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    Gehirn-Test (Symbolbild)

    Forscher verjüngen das Gedächtnis – Hoffnung für Alterserkrankungen

    © REUTERS / Michaela Rehle
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    Valentin Raskatov
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    Der Reset-Knopf für das Gedächtnis ist gefunden: Erstmals konnten Neurowissenschaftler aus Boston durch die Anwendung schwachen Stroms das Erinnerungsvermögen von 70-Jährigen auf das Niveau von 20-Jährigen bringen. Helfen könnte die Methode bei Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson, aber auch bei Alterserscheinungen und ADHS.

    Um diese Sätze zu lesen oder ein Musikstück zu hören, muss das Gehirn eine unglaubliche Leistung vollbringen. Denn die Sinnesreize, die durch die Augen beim Gehirn ankommen, lösen eine Art Symphonie der Nervenzellen aus. Verschiedene Netzwerke im Gehirn geraten zeitgleich in unterschiedliche Schwingungszustände und setzen dabei die komplexe Erfahrung zusammen. Damit das funktioniert, müssen sie aufeinander gut abgestimmt sein wie ein Orchester, wo unterschiedliche Instrumente mit verschiedenen Klängen zum jeweils richtigen Zeitpunkt einsetzen.

    Dazu ist das Arbeitsgedächtnis von entscheidender Bedeutung, das bekanntlich mit dem Alter oder mit dem Auftreten von Erkrankungen immer schlechter arbeitet. Ein Teil des Orchesters nimmt die Signale des Dirigenten nicht wahr, dass nun seinen Einsatz hat. Ein Teil des Gehirns ist entkoppelt und der Betroffene kann Zusammenhänge im zeitlichen Ablauf nicht mehr richtig zusammensetzen – sein Gedächtnis hat Aussetzer.

    Einen Weg aus diesem problematischen Zustand hat eine Forschungsgruppe der Bostoner Universität nun in einer Versuchsreihe demonstriert. Die Methode nennt sich Synchronisierung und bringt die Teile des Gehirns wieder in Einklang – durch elektrischen Strom, den Elektroden am Kopf abgeben. Dabei war die Methode der Forscher um den Neurowissenschaftler Robert Reinhart so erfolgreich, dass sie das Arbeitsgedächtnis von 70-Jährigen auf die Leistung von 20-Jährigen zurücksetzen konnten.

    „Wir haben das EEG-Muster verschiedener Netzwerke mit gleichen Frequenzen gemessen“, teilt Reinhart gegenüber Sputnik mit. „Ältere wiesen im Gegensatz zu jüngeren Menschen Defizite in diesen Netzwerken auf.“ 154 ältere und jüngere Teilnehmer aus der Umgebung wurden nach diesen Messungen in insgesamt vier Experimenten durch Strom stimuliert, sodass die betroffenen Regionen in den gewünschten Schwingungszustand gerieten. Das Ergebnis: Ihr Erinnerungsvermögen wurde verbessert durch eine bessere Synchronisierung der Hirnregionen. Bislang hält allerdings der Effekt einer solchen Elektrostimulation nur etwa 50 Minuten an, danach geht das Arbeitsgedächtnis in seinen vorigen Zustand zurück. „Wir hoffen und vermuten, dass die Effekte weiter ausgedehnt werden können, indem das Stimulationsmuster geändert wird“, bemerkt der Neurowissenschaftler dazu.

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    Helfen könne die Methode bei allen Störungen des Gehirns, bei denen das Arbeitsgedächtnis oder die Verbindung verschiedener Hirnbereiche betroffen ist. Beispiele seien Schizophrenie, ADHS, die Parkinson-Krankheit, Alzheimer und Epilepsie. Aber natürlich auch die natürlichen Folgen des Alterns: „Es könnte eines Tages bei gesunden älteren Menschen angewandt werden, die wünschen, ihre kognitiven Funktionen zu verbessern und den normalen kognitiven Abfall, der mit dem Altern verbunden ist, umzukehren“, so Reinhart.

    Die Forscher beabsichtigen keine Entwicklung von Implantaten, die solche Stimulationen automatisch durchführen. „Unsere Arbeit konzentriert sich auf die Entwicklung sicherer, nicht-invasiver und medikament-freier neurowissenschaftlicher Eingriffe unter Verwendung extrem schwachen elektrischen Stroms“, betont der Forscher. Die Risiken seien extrem gering, darunter falle ein leichtes Jucken und Druckgefühl um die Elektroden, das etwa 30 Sekunden nach Einsatz der Stimulation anhalten könne, so Reinhart.

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    Tags:
    Neurowissenschaft, Gehirn, Experimente, Jugend, neurodegenerative Erkrankungen, Parkinson-Krankheit, Alzheimer, Alter, Gedächtnis