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    Pumpenanlage einer Trinkwasserfabrik am Baikalsee

    Baikal-Wasser für Chinesen? Forscher warnen vor Gefahren

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    Tatjana Pitschugina
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    Ende März fanden russlandweit Kundgebungen gegen den Bau eines Betriebs zur Trinkwassergewinnung am Baikalsee statt. Die Demonstranten befürchten Umweltschäden und die Austrocknung des Sees. Ein Gericht stoppte den Bau. Wie es mit dem weltweit größten Süßwasserbecken weitergeht, lesen Sie in diesem Artikel.

    „Wenn man einen Rechner nimmt und einige Zahlen multipliziert, kann man sehen, wie groß die Wassermenge in einer ein Zentimeter dicken Wasserschicht des Baikalsees mit der Wasserfläche von 31.500 Quadratkilometern ist. Das Werk mit den angegebenen Produktionskapazitäten hätte den Pegel nicht mehr als ein Millimeter pro Jahr senken können. Aus dieser Sicht hätte es wohl keine Bedrohung gegeben“, sagte Valeri Sinjukowitsch vom Institut für Limnologie der Russischen Akademie der Wissenschaften (Irkutsk).

    Der Betrieb wollte rund 220.000 Kubikmeter Wasser pro Jahr aus dem Baikal entnehmen.

    Wenn der Baikal austrocknet

    Laut dem Wissenschaftler wurden die Bauarbeiten durch einen Gerichtsbeschluss eingestellt, wobei Verletzungen bei der Registrierung des Grundstücks sowie einiger anderer Normen festgestellt wurden. Die Möglichkeit eines starken Rückgangs des Wasserpegels wurde offiziell nicht genannt.

    Die Verkündigungen, dass der Wasserpegel im Baikal niedriger als die kritischen Kennzahlen ist, können verwirren. Abhilfe verschafft ein Blick auf eine Grafik über die Schwankungen dieser Parameter seit Beginn des 20. Jahrhunderts.

    Vor 1956 war der Pegel niedriger als jetzt. Die niedrigsten Werte waren 1904 zu erkennen – weniger als 455 Meter. Nach dem Bau des Wasserkraftwerks Irkutsk gab es mehr Wasser. Das ist darauf zurückzuführen, dass die hydrotechnische Anlage am Fluss Angara liegt – dem einzigen Fluss, der aus dem Baikal herausfließt. Seitdem wird der Wasserabfluss künstlich geregelt, und der Baikal-Pegel stieg durchschnittlich um 0,8 Meter.

    Was einige „kritisches Niveau“ nennen, ist in Wahrheit die im Jahr 2011 durch die Regierungsanordnung Nr. 234 festgelegte niedrigste Untergrenze.

    „Die oberste Grenze liegt bei 457 Metern im pazifischen Höhensystem, die niedrigste bei 456 Metern. Es wurde versucht, die Schwankungen in die Spanne von einem Meter zu bringen, doch es waren immer noch zwei Meter mehr als diese Kennzahl“, so Sinjukowitsch.

    In den vergangenen 15 Jahren verlor der Baikal zunehmend Wasser. Von 2014 bis 2017 sank der Pegel um 0,1-0,3 Meter unter der Marke von 456 Metern. Allerdings handelt es sich dabei nicht um den Tiefstwert. 1982 sank der Baikal-Pegel um einen halben Meter.

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    „Wir konnten den Pegel nicht in der von uns angegebenen Spanne fixieren. Daraus ergaben sich die gesamten Diskussionen. Einige sagten, dass es eine Krise ist, dass der Baikal austrocknet. Jene, die in Irkutsk leben, wissen, dass der Baikal physikalisch nicht austrocknen kann, denn an der Stelle, an der die Angara herausfließt, ist die Tiefe sehr gering. Wenn der Wasserpegel um einen halben Meter bei einer maximalen Tiefe von mehr als einem Kilometer sinkt, wird der Abfluss einfach stoppen – das Niveau wird nicht mehr weiter sinken. Das ist selbst theoretisch unmöglich“, so der Wissenschaftler.

    Wo ist das Wasser?

    Zu etwa 85 Prozent speist sich das Baikal-Wasser aus Flüssen, der Rest sind Niederschläge. Das jetzige Niedrigwasser wird mit dem Rückgang des Wasserzuflusses aus diesen zwei Quellen erklärt.

    Seit Beginn der Baikal-Beobachtungen stiegen die durchschnittlichen Jahrestemperaturen um zwei Grad – das ist ein Grad mehr als der globale Anstieg. Anscheinend war dies der Grund, warum es in der Region zum Rückgang der Niederschläge, zum Anstieg der Verdampfung und zur Austrocknung einiger Flüsse kam.

    Die Hälfte des Flusswassers entfällt auf die Selenga, der Großteil ihrer Wassermassen kommt aus der Mongolei. Bekannt ist, dass die Mongolei Wasserkraftwerke und Wasserspeicher plant. Doch nicht nur das versetzt die Wissenschaftler in Sorge.

    „Es gibt einige Faktoren, die die von dort kommende Wassermenge negativ beeinflusst. Ich denke nicht, dass sie in erster Linie mit menschlichen Tätigkeiten verbunden sind. Es handelt sich wohl um das Ergebnis des Klimawandels. Dort gibt es ausreichend Probleme, doch sie sind nicht so bedeutend im Vergleich mit den Klimaschwankungen“, so Sinjukewitsch.

    Nach Angaben der Wissenschaftler vom Baikal-Institut in Ulan-Ude trockneten in der Mongolei in den vergangenen 20 Jahren um die 700 Flüsse und 450 Seen aus. Die Wassermenge der Selenga ging um 65 Prozent vom Normalwert zurück.

    Allerdings ist der Mensch am jetzigen Wasserschwund des Baikals schuld, weil er das Wasserniveau künstlich regelt.

    Verschmutzung bremsen

    Die Schwankungen des Baikal-Pegels und der Rückgang unter die festgelegten Grenzen sind eher technischer Natur. Besorgniserregend sind vielmehr die Pläne bezüglich der Normen zur Reinigung des verschmutzten Abwassers aus Ortschaften und Einrichtungen am Baikalsee.

    „Laut dem Baikal-Gesetz wird die Herabsetzung dieser Normen jedes Jahr erneut erörtert“, so der Wissenschaftler. Wir sollten also gewisse Anstrengungen unternehmen, um die Normen zur Ableitung von verschmutztem Abwasser in den See niedriger anzusetzen. Vor kurzem wurde aber im Naturschutzministerium ein Entwurf besprochen, wo im Gegenteil vorgeschlagen wurde, sie anzuheben.

    Es ist also so, dass die Menge der Schmutzstoffe, die in den See mit dem Abwasser gelangen, steigen kann – um Dutzende Male. So wird vorgeschlagen, die Nitrat-Norm um das 23-Fache zu erhöhen.

    In den zentralen Umweltschutzzonen des Baikal sind viele wirtschaftliche Tätigkeiten verboten, darunter die Ableitung von Abwasser. Doch in der Realität gelangt es aus den Ortschaften, den vielen Hotels und Restaurants an der Küste in den See. Auch die Flotte leistet ihren Beitrag dazu.

    „Unter solchen Bedingungen ist es schwierig, die Wasserreinheitsrichtlinien einzuhalten. Vielleicht brachte das Naturschutzministerium deswegen die Initiative zu ihrer Anhebung vor“, so der Experte.

    Verschmutztes Abwasser sorge für die Verbreitung der Schraubenalge, so Experten.

    Die Reinigungsanlagen am Baikal reichen nicht aus. Das Abwasser gelangt in den See, weil es keine zentrale Abwasseranlage gibt. Jedes Unternehmen macht eine Art Graben, wo das Haushaltsabwasser gesammelt wird, dann muss es zu Reinigungsanlagen gebracht werden. Doch weil es in der Nähe keine gibt und die lange Beförderung zu kostspielig ist, gelangt ein großer Teil des Abwassers in den Baikal. Wegen des hohen Stickstoff- und Phosphorgehalts vermehren sich dort Algen, so der Experte.

    Ein Beweis dafür ist, dass die sich Algen vorwiegend nahe von Ortschaften und Ableitungsstellen konzentrieren.

    Die Forschergemeinschaft argumentiert natürlich gegen die Anhebung der Normen. „Die gesamte Welt senkt sie, und wir machen es umgekehrt. Doch so werden wir den Baikal nicht als einen einzigartigen Speicher reinen Wassers bewahren, der uns von der Natur geschenkt wurde. Das widerspricht der Logik“, so der Wissenschaftler.

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    Tags:
    Umweltbelastung, See, Gefahr, Förderung, Wasserdefizit, Umwelt, Umweltschutz, Trinkwasser, Süßwasser, China, Russland, Baikalsee