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02:42 21 Juli 2019
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    Fauna (Symbolbild)

    Menschheit bedroht? Internationaler Bericht warnt: Eine Million Arten vor dem Aussterben

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    Wissen
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    Bolle Selke
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    Der Weltbiodiversitätsrat IPBES hat den bisher umfassendsten Bericht zur biologischen Vielfalt auf der Erde vorgelegt: Das Artensterben wird sich extrem beschleunigen. Bis zu einer Million Arten droht das Aus, vielen bereits in den kommenden Jahrzehnten. Experten warnen, der Mensch entziehe sich so die Lebensgrundlage.

    Drei Jahre haben 450 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus über 50 Ländern das weltweit vorhandene Wissen zur Artenvielfalt, genetischen Vielfalt und Vielfalt von Lebensräumen zusammengetragen, analysiert und gewichtet. Alle 132 Mitgliedstaaten haben am Montag ihre Unterschrift unter den Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) gesetzt.

    Lebensraum für Tiere schwindet

    Matthias Glaubrecht, Gründungsdirektor des Centrum für Naturkunde und Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg, sagt im Sputnik-Interview, dass der Bericht die Dringlichkeit des Handelns nahelegen würde, nun müssten jeder einzelne und die Politik handeln. Er betont, dass der Hauptfaktor, der sich aus vielen dieser Studien ergebe, der Mensch selber sei. Laut Prognosen könnten am Ende des 21. Jahrhunderts zehn oder elf Milliarden Menschen auf der Erde leben. Diese müssten alle ernährt werden, damit würde der Druck auf die freien, verfügbaren Wildnisflächen und die Tiere größer werden, aber Glaubrecht warnt: 

    „Wir sind von diesen Arten abhängig. Unsere Landnutzung, unser Flächenverbrauch für Straßen, für Siedlungen, für Agrarflächen ist so enorm, dass wir den Tieren diesen Lebensraum nicht mehr lassen. Wir brauchen sie aber mit ihren Ökosystemen und Dienstleistungen: Als Bestäuber, sie sind verantwortlich für unsere Nahrung, für saubere Luft und für sauberes Wasser. Wenn wir das alles haben wollen, dann müssen wir auch die Lebensräume der Tiere schützen.“

    Auch der Mensch ist vom Ökosystem abhängig

    Kerstin Jantke hat das Kapitel „Bewertung der Fortschritte bei der Erreichung wichtiger internationaler Ziele“ im Bericht geprüft. Auch sie sagt im Sputnik-Interview, dass die Situation dramatisch sei:

    „Wir als Menschen hängen von den Leistungen, die die Ökosysteme für uns erbringen, ab. Das muss uns auch einfach wieder mehr klar werden. In letztlicher Konsequenz wird dann die Zivilisation in der Form wie wir sie jetzt kennen nicht möglich sein, wenn hier nicht gegengesteuert wird.“ 

    An der Universität Hamburg beschäftigt sich die Umweltwissenschaftlerin Jantke mit der Planung von Schutzgebieten. Sie erläutert, dass Dreiviertel der Landoberfläche und Zweidrittel des Meeres von Menschenhand so stark verändert wurden, dass dort die Natur nicht mehr so überleben könne.

    Auch in Deutschland seien die Zahlen besorgniserregend:

    „Wir haben ungefähr 48000 Tierarten in Deutschland und halb so viele Pflanzen und Pilze. Davon ist ein Drittel aktuell bestandsgefährdet. Die Ursachen sind auch hier wieder die intensive Landwirtschaft. Der Eintrag von Dünger und Pestizide. Die Zerschneidung von Lebensräumen durch immer mehr Straßen und die Versiegelung von Flächen.“ 

    Nur ein Planet für alle

    Glaubrecht hofft, dass die Bereitschaft auf den Bericht einzugehen größer ist, als bei den Warnungen zum Klimaschutz. Bedauerlicherweise reagiere die Menschheit viel zu langsam bei den Klimawarnungen. Der Hamburger Zoologe betont:

    „Die ersten Berichte über eine menschengemachte Klimaerwärmung gab es in den 80er Jahren. Diese Zeit haben wir beim Artensterben nicht, denn die Arten brauchen Millionen Jahre bis sie entstehen. Wenn sie erstmal ausgestorben sind, sind sie verschwunden. Wir müssen viel schneller reagieren und lernen. Wir werden unser aller Lebensstil und Lebensweise ändern müssen, wenn wir die Pflanzen- und Tierarten in dem Maße erhalten wollen.“

    Anfangen könne man selbst im Garten: Rasen und Liguster sind keine guten Lösungen für das Artensterben. Weniger Rasenmähen und mehr Grünpflanzen im Garten wären wichtige Maßnahmen. Auch die Reise- und Urlaubsgewohnheiten müssten infrage gestellt werden, wie Glaubrecht erörtert:

    „Nicht nur aus Gründen des Klimawandels, sondern weil in wichtigen Regionen der Erde, auch gerade in den Tropen, wo die Biodiversität so groß ist, über touristische Nachfrage auch der Verlust von Lebensräumen sehr groß ist. Wir brauchen ein Bewusstsein dafür, dass wir eine Art auf diesem Planeten sind und dass es nur diesen einen Planeten für uns alle gibt.“

    Das komplette Interview mit Professor Matthias Glaubrecht zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Dr. Kerstin Jantke zum Nachhören:

     

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    Tags:
    Kerstin Jantke, Matthias Glaubrecht, Ökologie, Lebensraum, Artensterben, Biodiversität, IPBES, Menschheit