04:42 19 November 2019
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    Die Biowaffe der Zukunft? Forscher kämpfen gegen die Genschere

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    Erbkrankheiten und Krebs durch genetische Eingriffe heilen – das ist das Hauptversprechen der Genschere CRISPR. Eine Sorge könnte allerdings lauten: Ist es nun ein Wettlauf zur Optimierung des Menschen? Und was passiert, wenn die Technologie in Terroristenhände fällt oder im Labor außer Kontrolle gerät? Forscher suchen nach Mitteln.

    Jennifer Dounda ist eine der Entdeckerinnen der Genschere CRISPR, die die Gentechnik nachhaltig geprägt hat und es ermöglicht, beliebige Gene in Zellen einzufügen. Krebspatienten im Endstadium, an Erbkrankheiten leidende Menschen und solche, die sich vor künftigen Krankheiten schützen wollen – in vielen Fällen scheint das Verfahren die Lösung in nächste Nähe zu rücken. Deshalb ist nun auch Google eingestiegen und unterstützt die Entwicklung eines CRISPR-Verfahrens gegen Herzerkrankungen.

    Aber CRISPR hat auch seine Schattenseiten und dazu gehört nicht nur die Vision einer Menschheit, in der normale Menschen nicht mehr gut genug sind und ein „Wett-Editieren“ in Sachen Gesundheit, Intelligenz und andere wünschenswerten Eigenschaften einsetzt. Dazu gehört auch einfach die Frage: Was passiert, wenn etwas schief läuft? Diese Frage wurde im MIT Technology Review ausführlich durchgespielt.

    Missbrauch als Biowaffe – Szenario eins

    Genau mit dieser Frage hat sich eines Tages Doundas Unterbewusstsein beschäftigt. Denn die Frau will im Traum Adolf Hitler begegnet sein, der Stift und Papier gezückt hatte und nach einer Anweisung für CRISPR fragte. Ob Legende oder nicht, dieser Traum zeigt, wohin es gehen kann, wenn eine wirkungsmächtige Technologie in die falschen Hände gerät. Hitler ist tot, aber es gibt da draußen immerhin Terroristen.

    Mit der Technologie wären immerhin biologische Attacken denkbar, die auf einzelne Personen oder ethnische Gruppen gemünzt sind. Deswegen befürchtete Dounda, dass hier die Atombombe der Gentechnik entstehen könnte. Deswegen stellte sie sich die Frage: „Können ich und andere besorgte Wissenschaftler CRISPR von sich selbst retten, bevor eine Katastrophe eintritt?“.

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    Diese Gefahr sah die Forscherin nicht allein. Bereits 2016 hatten US-Nachrichtendienste Geneditierung als eine mögliche Massenvernichtungswaffe eingestuft. Die „Defense Advanced Research Projects Agency“ (DARPA), eine Organisation von Forschungsprojekten zur Verteidigung, hatte dann im September das Projekt „Safe Genes“ (Sichere Gene) ausgerufen, das mit einem Budget von 65 Millionen Dollar versehen wurde.

    Das Ziel solcher Forschung lautet: Ein vorbeugendes Mittel entwickeln, das die Arbeit von CRISPR im menschlichen Körper unterbinden kann. Derzeit beginnen die Forscher mit Experimenten an Mäusen, die diese immun gegen die Genschere machen sollen.

    Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Gegenmittel ist in einem Virus verschlüsselt. Denn die Genschere CRISPR wurde ursprünglich aus einem Bakterium gewonnen, das mit dieser Schere lästige Viren aus seinem Erbgut entfernte. Aber wie das Bakterium sich gegen das Virus gewappnet hatte, so hatte auch das Virus mit der Zeit ein Mittel gegen die Schere parat. Damit ist auch eine Schwachstelle des CRISPR gegeben, die es auszunutzen gilt: Die kleinen Moleküle des Virus, die die Schere außer Gefecht setzen. Die ersten Gene gegen die Schere wurden übrigens bereits 2013 von einem Studenten der Universität von Toronto namens Joseph Bondy-Denomy entdeckt.

    Ein anderes Szenario ist der Angriff nicht auf Menschen, sondern auf wichtige Kulturpflanzen oder Tiere. Hier sind Entwicklungen von immunisierten Arten wichtig, etwa eine CRISPR-resistente Hefeart aus dem US-Bundesstaat Kansas.

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    Fatale Entgleisung im Labor – Szenario zwei

    Aber es muss nicht immer gleich ein terroristischer Angriff sein oder eine Attacke eines feindlichen Staates. Unvorsichtiger Umgang ist auch eine Gefahrenquelle. „Wir streuen diese Technologien in die Welt aus, aber begleiten sie nicht mit entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen, die dazu gehören“, erklärte Bioabwehr-Forscher Renee Wegrzyn von der DARPA 2017 das Problem. Da die Schere nicht nur gute Gene einschleusen, sondern auch gute Gene rausschneiden kann, wäre besondere Vorsicht angeraten, denn: „Wenn wir die Arbeit einer Genschere sofort unterbinden wollten – wir wissen nicht, wie wir das tun sollten“, so Wegrzyn.

    Dounda befindet sich derzeit immer noch laut eigenen Angaben bei Schritt eins ihres Wegs zum Gegenmittel, betont allerdings, dass die Gefahrlage nicht überdramatisiert werden sollte. Andere sehen das kritischer und befürchten, dass das Risiko bereits jetzt sehr hoch ist. Manche Wissenschaftler haben sogar versucht öffentliche Besprechungen gewisser CRISPR-Studien zu unterbinden, ihre Erwähnung sogar aus Internet entfernen zu lassen – damit mehr Zeit für die Entwicklung von Gegenmaßnahmen wäre.

    Dieses Jahr beginnen die ersten Experimente an Mäusen, um festzustellen, ob diese erfolgreich vor CRISPR geschützt werden können.

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